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Mein Freund Boris Nemzow : Seine Ermordung war faktisch programmiert

  • -Aktualisiert am

Boris Nemzow wollte Russland schützen vor dem Abdriften in Isolation und Wahnsinn: Demonstrant vor einer Kundgebung zur Erinnerung an das Mordopfer. Bild: Pavel Golovkin

Der ermordete russische Oppositionspolitiker Boris Nemzow war mein Freund. Alle fragen, wer ihn getötet hat. Viel wichtiger ist, dass sein Modell von Russland triumphiert. Ein Gastbeitrag.

          7 Min.

          Der Mord an Boris Nemzow ist ein großes Geschenk an den Kreml, ob er es nun haben wollte oder nicht. Dieser Mord hat die russische Opposition enthauptet. Die russischen Liberalen werden noch ein wenig lärmen, sich empören, mit Parolen wie „Helden sind unsterblich“ auf die Straße gehen und sich in einem Monat wieder beruhigt haben. Beim Westen geht das noch schneller. Dabei war Nemzow von allen unseren Aktivisten der Protestbewegung der charismatischste und kosmopolitischste. Sein politisches Programm war einfach, klar und verständlich von Tokio bis Washington: Er wollte aus Russland einen Rechtsstaat machen, ein zivilisiertes, demokratisches Land.

          Doch dieses Programm wurde in Russland selbst am allerwenigsten verstanden. Einträchtig verdrängten Putin und das russische Volk Boris aus der großen Politik, das russische Staatsfernsehen machte ihn zum Volksverräter. Politisch wurde Nemzow zur Randerscheinung, dennoch vertrat er laut, im ganzen Land hörbar seine Position, entlarvte klug und leidenschaftlich die Korruption der Eliten und beklagte die Vernichtung demokratischer Freiheiten. Dabei besaß er die Fähigkeit, seine Projekte selbst zu entwickeln, zu finanzieren und durchzuführen - eine Seltenheit in unserer oppositionellen Bewegung.

          Wir hatten es alle nicht glauben wollen

          Nemzow machte Putin demonstrativ zu seinem Hauptgegner. Als es um die Nachfolge Jelzins ging, hatte er ihn unterstützt, während der ersten Präsidentschaftsjahre des früheren KGB-Obersten stand er mit ihm in Kontakt. Boris hatte lange wichtige Ämter in der Regierung inne, was ihm ermöglichte, den russischen Staat von innen zu sehen. Er entlud auf Putin ein kritisches Blitzgewitter und nutzte dabei die wenigen unabhängig gebliebenen Moskauer Medien. Zudem glaubte er verrückterweise an einen friedlichen Machtkampf mittels Wahlen (oder wollte daran glauben).

          Nemzow beschimpfte Putin unflätig, unterstützte offen die Ukraine im Krieg gegen Russland und forderte vom Westen eine rigorose Position in der Frage der Sanktionen. Seine Ermordung war faktisch programmiert, doch das wollten weder er noch wir, seine Freunde, glauben. Jetzt, da das Verbrechen theatralisch wirkungsvoll, niederträchtig und professionell begangen wurde und der von Kugeln durchsiebte Leichnam vor der Kremlkulisse lag, fragen sich alle bestürzt, wer ihn getötet hat.

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          Nicht Putin, aber der Putinismus

          Es ist klar, dass wir niemals die Wahrheit erfahren werden, das wäre Gift für das russische Machtsystem. Doch eine ganze Palette von Antworten steht schon zur Auswahl. Jede einzelne ist Ausdruck eines bestimmten Verhältnisses zum Kreml. Die radikalen Oppositionellen (einschließlich Alexei Nawalnys, den Nemzow mehrmals für dessen wahltaktischen Flirt mit dem Nationalismus kritisiert hat) glauben, Putin sei an allem schuld. Der Mord sei seine persönliche Rache und außerdem ein Mittel, die Opposition in Angst und Schrecken zu versetzen und das kriegführende Land zu mobilisieren.

          Die etwas gemäßigteren Oppositionellen glauben, Putin sei nicht persönlich verantwortlich; schuld sei aber der Putinismus, der im Land eine Hassepidemie ausgelöst hat. Sie glauben, Leute, die noch aggressiver sind als Putin, aus dem Umkreis der Gewaltministerien, Doktrinäre, die während der kriegerischen Teilung der Ukraine an Einfluss gewonnen haben, hätten Druck auf ihn ausgeübt, und dieser Mord sei ein Appell an den zögerlichen Präsidenten, die internationalen Verhandlungen abzubrechen. Noch mildere Liberale halten die Version von durchgeknallten Nationalisten für denkbar, Leuten aus dem Donbass oder aus Tschetschenien, die Nemzow schlicht gehasst hätten.

          Die Machiavelli-Variante schlechthin

          Im übrigen politischen Spektrum finden sich diverse regierungstreue Mordtheorien. Die Skandalpresse vertritt die Version vom Eifersuchtsmord, da der Politiker, als er ermordet wurde, mit einem ukrainischen Model unterwegs war. Die junge Frau soll, kremlfreundlichen Phantasien zufolge, sogar Verbindungen zum ukrainischen Geheimdienst haben. Das Sujet, wie die Ukraine Russland mit Hilfe eines schönen jungen Frauenkörpers zu destabilisieren versucht, wäre fürs Fernsehpublikum ein gefundenes Fressen. Es gibt auch ganz simple Schachzüge, wie Tschetscheniens Regierungschef Kadyrow unmittelbar nach dem Mord einen tat: Der amerikanische Geheimdienst sei schuld. Sie fragen, warum? Ganz einfach: weil der immer an allem schuld ist.

          Die Machiavelli-Variante schlechthin ist jedoch die des sakralen Opfers. Das würde bedeuten, Nemzow wäre von den eigenen Leuten ermordet worden, von Oppositionellen, um der Putin-Regierung ein Bein zu stellen und das System der Kremlmachthaber zu zerstören. Diese Version gab es schon früher; Putin selbst sprach 2012 von der Möglichkeit sakraler Opfer, zu denen die Opposition bereit sei. Diese Version bedient die zahlreichen Liebhaber politischer Verschwörungstheorien; diese Krankheit befällt Leute von geringer politischer Kultur (die politische Kultur der Bevölkerung war bei uns immer schwach, was ein Grund dafür ist, warum unsere politische Propaganda so großen Erfolg hat). Für die Freunde politischer Nekrophilie wurde sogar eine Version zusammengeschustert, wonach Boris Beresowski, der nach London emigrierte und dort zu Tode gekommene Unternehmer, bei dem Auftragsmord seine Hand im Spiel gehabt haben soll.

          Ein Freund, ein Freund Russlands

          Das Traurigste an der ganzen Geschichte: Die demokratischen Reformer, unter denen Nemzow eine einflussreiche Figur war, machten während der neunziger Jahre Fehler, die ihre Reformen dann scheitern ließen. Das wiederum schürte bei der Bevölkerung Hass auf ein zivilisiertes Staatsmodell, und letztlich führten diese Fehler zu dem System, das Nemzow nun getötet hat. Das Volk, das nie einen demokratischen Staat gekannt hatte, wurde von den Reformern nie politisch aufgeklärt, ihm wurden nie klar umrissene Vorstellungen von einer demokratischen Zukunft präsentiert. Also strebte die Masse zurück in Richtung altbekannter Autokratie (egal, ob zur stalinistischen oder zaristischen) und akzeptiert heute Putins imperiales Vorgehen mit Begeisterung. Das westliche politische Establishment von Merkel bis zum Weißen Haus hingegen glaubte praktisch noch bis 2014 daran, dass das russische Volk letztlich den europäischen Weg einschlagen werde.

          Ich schreibe unter Tränen. Boris Nemzow war mein Freund. Das Wichtigste aber ist jetzt, dass er ein Freund Russlands war, ein echter, ergebener, furchtloser Freund. Wenn Sie wollen, sein Ritter. Er wollte Russland schützen vor dem qualvollen Abdriften in die Isolation, in den Abgrund, in den Wahnsinn. Er zweifelte keinen Moment, dass Russland noch zu retten und in den Kreis der europäischen Länder zurückzuführen sei. Russland - und das meine auch ich - ist noch zu retten. Boris hingegen nicht, er wurde von gut geschulten Dreckskerlen erschossen.

          Nur ein einfacher Bürger

          Ihn tötete aber auch die Atmosphäre, die sich während der letzten Jahre im Land ausbreitete und die mit Beginn des Krieges mit der Ukraine unerträglich wurde. Es ist eine Atmosphäre ungeheuren Hasses auf diejenigen, die eine eigene politische Meinung haben. Gegenüber denen, die nicht dem russischen Präsidenten huldigen wegen seiner Ideologie einer „russischen Welt“ ohne Grenzen - einer neuen Variante der Utopie von der besten aller Welten, die von allen Seiten von den unmoralischen westlichen Ländern beleidigt wird. Ströme von Hass, die sich aus den landesweiten Kanälen des russischen Staatsfernsehens ergießen, vermischt mit dem Schmutz schamlosester Lügen - das ist die politische Atmosphäre, in der mein Freund ermordet wurde.

          Nemzow ist nach seinem Tod nun unsterblich. Er wird für immer als Märtyrer und Held in der russischen Geschichte bleiben. Doch der Mord an Nemzow ist eine neue Wegmarke im politischen Drama des heutigen Russlands. Bisher, seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion, wurde mit bekannten Oppositionsführern und Andersdenkenden per Gericht und Gefängnis abgerechnet, das Beispiel dafür war Michail Chodorkowskij. Jetzt wurde eine rote Linie überschritten, es begann die Ära der physischen Abrechnung. Bei uns in Russland erinnern sich in diesem Zusammenhang alle an die Ermordung Sergej Kirows 1934 in Leningrad. Sie war das Signal für den Beginn des großen Stalinterrors.

          Wohin treibt das Russland des Kremls heute? Kaum in Richtung Reue. Es dürfte kaum seine Fehler eingestehen und sich mit der Ukraine, mit Europa, mit der gesamten westlichen Welt versöhnen. Das offizielle Russland wird unablässig behaupten, es sei an gar nichts schuld, der Tod Nemzows nütze seinem Ansehen ganz und gar nicht. Und schließlich wird man mit den Worten von Putins Presseattaché Peskow hinzufügen, Nemzow sei ein einfacher Bürger gewesen, die Regierung habe mit ihm nichts zu schaffen gehabt.

          Die Intonation Stalins

          Der Killer wird umgebracht oder ist schon umgebracht worden, und die Ermittler, die gestern bekanntgaben, dass ein Verdächtiger namens Saur Dadajew den Mord gestanden habe, werden die Drahtzieher, die nicht nur einen politischen Mord in Auftrag gaben, sondern ein wahrhaft politisches Schauspiel als letzte Warnung an die letzten Keime der Opposition, kaum aufspüren. Dieses Schauspiel ähnelt in seiner Dreistigkeit und anzunehmender Straflosigkeit dem kaukasischen Schauspiel von Hyperstaatlichkeit und ultrakonservativer Moral, das derzeit in Tschetschenien aufgeführt wird. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass die Auftraggeber unter russischen ultrarechten Nationalisten zu finden wären.

          Der Schriftsteller Viktor Jerofejew, geboren 1947, veröffentlichte auf Deutsch zuletzt den Roman „Die Akimuden“.
          Der Schriftsteller Viktor Jerofejew, geboren 1947, veröffentlichte auf Deutsch zuletzt den Roman „Die Akimuden“. : Bild: Klein, Nora

          Boris hat in den Jahren der Perestrojka eine rasante politische Karriere gemacht. Er war eine der jungen politischen Ikonen der frühen Jelzin-Periode. Mit seinem großartigen Sinn für Humor und seinem Erzähltalent schilderte er mir einmal, wie ihn „Opa“ Jelzin Mitte der neunziger Jahre zu seinem Nachfolger machen wollte. Dann habe er es sich anders überlegt und den europäischen Weg verworfen. In den frühen Putin-Jahren hatte Nemzow noch die Möglichkeit, den Präsidenten zu treffen, aber sein Einfluss wurde mit jedem Monat schwächer. Vollgestopft mit den Lehren des nationalistischen russischen Philosophen Iwan Iljin, den dessen Zeitgenosse Nikolai Berdjajew wegen seines Kokettierens mit dem Faschismus nicht leiden konnte, erteilte Putin Nemzow eine Abfuhr, als dieser darum bat, die leicht abgeänderte Sowjethymne nicht wieder einzuführen. Nemzow brachte ihm einen ganzen Berg von Unterschriften russischer Intellektueller, die gegen eine Wende zum autoritären System protestierten. Putin antwortete, wie Nemzow mir erzählte, folgendermaßen: „Wie das Volk ist, so sind auch die Lieder.“ Schon aus diesen Worten ist die Intonation Stalins herauszuhören.

          Er hat alle anderen überholt

          Vor einigen Jahren waren Nemzow und ich am Comer See zusammen. Wir sprachen über Patriotismus, die Liebe zur Heimat, darüber, dass in Russland die Heimatliebe mit der Liebe zum Staat gleichgesetzt wird - dass so die Machthaber mit den Begriffen spielen. Nemzow wollte aber, dass nicht nur wir die Heimat lieben, sondern dass die Heimat auch uns liebt und den Leuten hilft, menschlich zu leben, im Stil europäischer Tradition. Über Como schien die Sonne, Boris sprang ins Wasser und schwamm davon. Ich wartete auf ihn, aber er kam nicht zurück. Schreckliche Gedanken rotierten in meinem Kopf. Endlich tauchte er wieder auf, als sei er von den Toten auferstanden. Er war, wie sich herausstellte, ein ausgezeichneter Schwimmer und zum anderen Ufer geschwommen . . . Dieses Mal ist es viel schlimmer. Dieser lebenslustige Kerl, der Bewunderer schöner Frauen, der Feinschmecker, dieser einfach anständige Mensch, er kehrt nicht mehr zu uns zurück. Doch sein Modell eines attraktiven Russlands, eines Russlands von hoher Kultur, es wird eines Tages triumphieren.

          Vor einiger Zeit fragte er mich: „Was meinst du: werden sie mich ins Gefängnis werfen?“ Ich sagte, er sei noch nicht an der Reihe. Ich lag falsch: Er war nicht nur an der Reihe, er hat auch alle anderen überholt und ging ein ins Pantheon der politischen Opfer. Das russische Internet verbreitete im Zusammenhang mit Nemzows Tod einen Haufen antiliberaler Gemeinheiten. Die Propaganda hat das Ihre getan, die Köpfe unserer Menschen sind zugemüllt. Doch zugleich rief mich ein entfernter Verwandter an, ein russisch-orthodoxer Feind des Liberalismus, und sagte, die Ermordung Nemzows sei ein Dolchstoß für alle, unabhängig von ihrer jeweiligen Einstellung.

          Wenn sich diese Sichtweise durchsetzt, dann ist Nemzow, der Politiker des Dialogs und des Kompromisses, nicht umsonst gestorben. Nein, es war doch umsonst - die Tränen lassen sich nicht zurückhalten.

          Aus dem Russischen von Beate Rausch.

          Der Schriftsteller Viktor Jerofejew, geboren 1947, veröffentlichte auf Deutsch zuletzt den Roman „Die Akimuden“.

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