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Mein Freund Boris Nemzow : Seine Ermordung war faktisch programmiert

  • -Aktualisiert am

Boris Nemzow wollte Russland schützen vor dem Abdriften in Isolation und Wahnsinn: Demonstrant vor einer Kundgebung zur Erinnerung an das Mordopfer. Bild: Pavel Golovkin

Der ermordete russische Oppositionspolitiker Boris Nemzow war mein Freund. Alle fragen, wer ihn getötet hat. Viel wichtiger ist, dass sein Modell von Russland triumphiert. Ein Gastbeitrag.

          Der Mord an Boris Nemzow ist ein großes Geschenk an den Kreml, ob er es nun haben wollte oder nicht. Dieser Mord hat die russische Opposition enthauptet. Die russischen Liberalen werden noch ein wenig lärmen, sich empören, mit Parolen wie „Helden sind unsterblich“ auf die Straße gehen und sich in einem Monat wieder beruhigt haben. Beim Westen geht das noch schneller. Dabei war Nemzow von allen unseren Aktivisten der Protestbewegung der charismatischste und kosmopolitischste. Sein politisches Programm war einfach, klar und verständlich von Tokio bis Washington: Er wollte aus Russland einen Rechtsstaat machen, ein zivilisiertes, demokratisches Land.

          Doch dieses Programm wurde in Russland selbst am allerwenigsten verstanden. Einträchtig verdrängten Putin und das russische Volk Boris aus der großen Politik, das russische Staatsfernsehen machte ihn zum Volksverräter. Politisch wurde Nemzow zur Randerscheinung, dennoch vertrat er laut, im ganzen Land hörbar seine Position, entlarvte klug und leidenschaftlich die Korruption der Eliten und beklagte die Vernichtung demokratischer Freiheiten. Dabei besaß er die Fähigkeit, seine Projekte selbst zu entwickeln, zu finanzieren und durchzuführen - eine Seltenheit in unserer oppositionellen Bewegung.

          Wir hatten es alle nicht glauben wollen

          Nemzow machte Putin demonstrativ zu seinem Hauptgegner. Als es um die Nachfolge Jelzins ging, hatte er ihn unterstützt, während der ersten Präsidentschaftsjahre des früheren KGB-Obersten stand er mit ihm in Kontakt. Boris hatte lange wichtige Ämter in der Regierung inne, was ihm ermöglichte, den russischen Staat von innen zu sehen. Er entlud auf Putin ein kritisches Blitzgewitter und nutzte dabei die wenigen unabhängig gebliebenen Moskauer Medien. Zudem glaubte er verrückterweise an einen friedlichen Machtkampf mittels Wahlen (oder wollte daran glauben).

          Nemzow beschimpfte Putin unflätig, unterstützte offen die Ukraine im Krieg gegen Russland und forderte vom Westen eine rigorose Position in der Frage der Sanktionen. Seine Ermordung war faktisch programmiert, doch das wollten weder er noch wir, seine Freunde, glauben. Jetzt, da das Verbrechen theatralisch wirkungsvoll, niederträchtig und professionell begangen wurde und der von Kugeln durchsiebte Leichnam vor der Kremlkulisse lag, fragen sich alle bestürzt, wer ihn getötet hat.

          Nicht Putin, aber der Putinismus

          Es ist klar, dass wir niemals die Wahrheit erfahren werden, das wäre Gift für das russische Machtsystem. Doch eine ganze Palette von Antworten steht schon zur Auswahl. Jede einzelne ist Ausdruck eines bestimmten Verhältnisses zum Kreml. Die radikalen Oppositionellen (einschließlich Alexei Nawalnys, den Nemzow mehrmals für dessen wahltaktischen Flirt mit dem Nationalismus kritisiert hat) glauben, Putin sei an allem schuld. Der Mord sei seine persönliche Rache und außerdem ein Mittel, die Opposition in Angst und Schrecken zu versetzen und das kriegführende Land zu mobilisieren.

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