https://www.faz.net/-gqz-8kg72

Vietnamkrieg : Agent Orange ist noch im Dienst

  • -Aktualisiert am
Zwei Dioxinopfer im Alter von fünf und sechs in Ho Chi Minh Stadt.

Duc lässt sich bereitwillig fotografieren und lächelt dazu, aber sein Blick erlaubt keinerlei Rührseligkeit. Den Tod seines Zwillingsbruders Viet im Jahr 2007 hat er nie verwunden und aus seiner Enttäuschung über Amerika nie ein Hehl gemacht. Zu Anfang der achtziger Jahre wurde im Tu-Du-Krankenhaus alle 48 Stunden ein behindertes Kind geboren. Die Klinik wurde zu einem Zentrum für die Trennung von siamesischen Zwillingen und ist es noch heute. 1985 erregten Viet und Duc dort die Aufmerksamkeit des japanischen Gastarztes Bunro Fujimoto, einem Spezialisten für Behinderungen.

Man teilte bei der Geburt 1981 zwei Beine, Sexualorgane und den Anus. Fujimoto ließ den beiden von einem behinderten Designer in Japan nach einer beispiellos raschen Fundraising-Kampagne einen Rollstuhl für siamesische Zwillinge anfertigen. Sie wurden am 4. Oktober 1988 von einem Team von zwanzig Ärzten und hundert Krankenschwestern getrennt. Viet war nach einer Gehirnhautentzündung schon 1985 in ein Koma gefallen, aus dem er auch nach der Trennung nie wieder erwachte.

Es fehlt an allem

Der Homepage der VAVA, der Vietnamese Association of Victims of Agent Orange/Dioxin, ist zu entnehmen, dass auch heute noch schwerstbehinderte Kinder von ihren verzweifelten Familien auf der Schwelle des Krankenhauses zurückgelassen werden. Denn noch immer fordert Agent Orange weitere Opfer, „inzwischen in der vierten Generation“, wie Nguyen Thi Ngoc Phuong gleich zu Beginn unseres Gespräches hervorhebt. Sie war bis 2005 Direktorin der Tu-Du-Klinik, hat das Hoa-Binh-Zentrum mitbegründet und arbeitet nach wie vor als Chefärztin des My-Duc-Hospitals in Ho-Chi-Minh-Stadt.

Ihr Name steht wie kaum ein zweiter für den bisher vergeblichen Kampf der Opfer in Vietnam um Anerkennung und Entschädigung. Sie hat unermüdlich an die Hersteller und Politiker in Amerika appelliert, Verantwortung für die Folgen des Herbizideinsatzes in Vietnam zu übernehmen. Aber als im und nach dem Krieg vermehrt missgebildete Kinder geboren wurden, war eine penible Dokumentation kaum möglich. Es fehlte an Geld und Ausrüstung, etwa, um Blutspiegel von Dioxin zu messen, damit man diese mit den Gesundheitsschäden hätte in Beziehung setzen können.

„Wir konnten die Ursachen kaum erforschen, allein die Krankenversorgung unter den schwierigen Bedingungen beim Wiederaufbau des Landes kostete enorm viel Kraft“, bedauert Phuong noch heute. Denn genau dies wurde gegen sie verwendet, als es darum ging, hieb- und stichfest nachzuweisen, was Agent Orange alles angerichtet hatte.

Mehr als drei Millionen Opfer

„Damals ging die Angst um, es war offensichtlich, dass es viele Malformationen gab, die man vorher in dieser Häufigkeit in den betroffenen Regionen nie gesehen hatte“, erklärt die Frauenärztin. Dazu zählten vor allem Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, deformierte Gliedmaßen, ein offener Rücken (Spina bifida), fehlende Sinnesorgane und eine plötzliche Häufung von siamesischen Zwillingen. Außerdem kam es vermehrt zu Fehlgeburten und Aborten, wovon eine Sammlung konservierter, missgebildeter Feten in der Klinik zeugt.

Weitere Themen

Schwarze Titelseiten in Australien Video-Seite öffnen

Ruf nach Pressefreiheit : Schwarze Titelseiten in Australien

Einige der großen Tageszeitungen in Australien erschienen am Montag mit geschwärzten Titelseiten. Damit wollten die Blätter nach eigenen Angaben auf die australische Gesetzgebung aufmerksam machen. Diese erschwere Journalisten die Arbeit, biete keinen ausreichenden Schutz der Pressefreiheit und lasse etwa die Durchsuchung von Redaktionsräumen zu.

Topmeldungen

AKKs Schutzzonen-Vorstoß : Befreiungsschlag oder Sargnagel

Kramp-Karrenbauers Vorstoß zur Errichtung einer Schutzzone in Syrien entspricht der Forderung, Deutschland solle mehr Verantwortung in der Weltpolitik übernehmen. Doch schon der Außenminister zieht das Verspotten vor.
Isabel Schnabel ist eine profilierte Kennerin der Finanzmärkte und der Geldpolitik.

Isabel Schnabel rückt auf : Eine Bereicherung für die EZB

Isabel Schnabel ist Expertin für Banken und Finanzmärkte. Dennoch wird ihre Berufung in die EZB-Führung als Nachfolgerin von Sabine Lautenschläger nicht jedem gefallen. Sie hat sich schon deutlich positioniert.

Trump und die Demokraten : Loben, um zu tadeln

Die Demokraten seien zwar eine „lausige“ Partei, aber immerhin hielten sie zusammen, sagt der amerikanische Präsident. Mit seiner Bemerkung zielt Trump auf die eigenen Republikaner.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.