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Videospiel „Detroit“ : Ich ist ein Roboter

  • -Aktualisiert am
Das Ende des Gehorsams: ein Android als Geiselnehmer

Revolte der Maschinen

Die hoch komplizierte Geschichte entfacht also letztlich ein Nachdenken über die Humanität von Androiden. Man wird auf Roboter treffen, die einander heimlich lieben, so sehr, dass sie nicht ohne einander leben wollen. Man wird Sex-Androiden kennenlernen, die uns „stinkende Menschen“ hassen. Man wird eine Rede anhören, in der eine Art Martin Luther King der Maschinen deklariert: „Wir sind keine Maschinen mehr!“. Man wird sich verzweifelt nach Kanada durchschlagen wollen, ins rettende Land, so mischt sich auch noch die Flüchtlingsdebatte in der Handlung.

Und dann muss man zwischen all diesen übergroßen Themen auch ganz alltägliche Dinge tun: Etwa in einem gemütlichen einsamen Haus die Vorhänge zuziehen, während es draußen schneit und das Kind einschlafen will. Auch die Aktion ist im Detail ganz gut gelungen: Es macht Spaß, nachts mit einem LKW die Fensterscheibe eines Luxusgeschäfts einzurammen. Als Kunstwerk ist es, wie vieles von David Cage, sehr angreifbar. Es wirkt immer wieder konfus, fällt auseinander, verliert sich ins Geheimnisvolle.

Embargos und Sexismus

Die Angst vor Kritik war offenbar auch bei den Machern groß. Die Videospiele-Industrie versucht ohnehin viel schärfer als alle anderen Kultursparten, Presse und Journalismus zu kontrollieren. Wenn einem Reporter ein Spiel gezeigt wird, halten die Hersteller ihm oder ihr dazu meist ein „Embargo“ unter die Nase, als gehe es hier um Weltpolitik und nicht ein Spiel. David Cage hat nun die Grenzen solcher Sperrfristen ins Abstruse verschoben: Journalisten sollen erst am Tag vor Erscheinen des Spiels ab 14 Uhr berichten, und dürfen vorher kein Wort verlieren. In einer einzigartigen Zusatzerklärung wurde es zudem verboten, zu erwähnen, dass man ein Testmuster zum Spielen hat – sogar der Moment, ab dem Berichterstatter das sagen dürfen, wurde reguliert. Anfang des Jahres berichteten französische Medien, dass es bei Quantic Dream, dem Studio von Cage, Fälle von Homophobie, Sexismus und „vergifteten Umgangsformen“ gebe. Das Unternehmen klagt gegen diese Zeitungen, darunter „Le Monde“.

Haushaltshilfe oder Sex-Toy: Roboter im Schaufenster

Ein eher rüder Umgang mit der Pressefreiheit gehört zur Games-Industrie, die von großen Konzernen dominiert wird, welche den Kritiker manchmal nicht als Partner, sondern als Marketing-Handlanger sehen. Die überzogenen Regulierungen zeigen hier aber noch etwas anderes: Unsicherheit. Denn sollte „Detroit“ ein Flop werden, stünde viel mehr als nur der Erfolg eines interessanten Pariser Studios auf dem Spiel. David Cage arbeitet mit seinem Team an der Definition dessen, was ein Spiel ist. Inhaltlich und formal. Eingefleischte Gamer kritisieren gern alles, was dieses Studio herausbringt: Zu ungewöhnlich zu steuern, zu konfus, die Spiele wollen zu viel auf einmal.

Von allem zuviel

Letzteres ist leider diesmal wieder eine berechtigte Kritik. Letztlich versucht das Spiel, Themen wie Gentrifizierung, Selbstmord, technologische Revolution, Rassismus, politische Rebellion, den perversen Reichtum der oberen Zehntausend, also praktisch alle heißen Zeitgeistthemen aufzugreifen. Man wundert sich, dass Feminismus kaum vorkommt.

„Unser Geheimrezept: Von allem zuviel“, so ging der Slogan einer Speiseeis-Werbung. Er könnte auch das Prinzip dieser wohl interessantesten Spielefirma der Welt sein. Ein Gleichgewicht zwischen Action und Drama hat sie in diesem Spiel noch nicht gefunden. Immerhin, es regt zum Grübeln an. Was Menschsein überhaupt heißt, weiß nach dem Spielen dieses Spiel niemand mehr ganz genau.

In der Villa, in der auch der Velazquez hängt, ist man später bei einem unheimlichen Kerl gefangen, der Androiden in sein Haus lockt, sie quält und zerlegt. Der Spieler flieht dann, mit einem Kind, wird aber noch auf dem Hof von dem bösen Potentaten und seinem Handlanger gestellt. Alles ist aussichtslos. Da plötzlich stellt sich der Scherge gegen seinen Herrn, ein Sklave springt aus seiner Rolle und rettet uns. Obwohl das angesichts seiner Programmierung unmöglich wäre. Kurzum: Roboter machen uns in diesem Spiel vor, wie man endlich Mensch wird. Ein bisschen erschütternd ist das dann schon.

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