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Proteste in Iran : Die Verwobenheit der Welt

  • -Aktualisiert am

Demonstration für die Rechte der Frauen in Teheran am 10. März 1979. Die Teilnehmerinnen werden dabei von männlichen Freiwilligen geschützt. Bild: akg-images / TT News Agency / TT

Was wollen die Menschen in Iran? Und was geht das den Westen an? Als in Deutschland aufgewachsene Iranerin habe ich mir den westlichen Blick angeeignet. Darunter begehrt das eigene Selbst auf. Ein Gastbeitrag.

          6 Min.

          Anfang Januar überschlugen sich die Ereignisse: Die Vereinigten Staaten hatten den iranischen General Qassem Soleimani getötet, Iran beim Vergeltungsschlag versehentlich die ukrainische Passagiermaschine abgeschossen. Dritte-Weltkrieg-Memes gingen durch die sozialen Medien. Ich stellte die These auf (auf „Spiegel online“), dass sich Iran mental seit vierzig Jahren im Krieg befinde, dass dieser auch nach dem Waffenstillstand mit dem Irak nicht wirklich aufgehört habe. Ich listete die Greueltaten der Mullahs auf und erhielt viel Zuspruch.

          Doch etwas irritierte mich daran: Es war zu leicht gewesen, Zuspruch zu erhalten. Das weckt grundsätzlich mein Misstrauen. Zuspruch erhalte ich, so lernte ich schon als Kind, wenn ich die Rolle der etwas bemitleidenswerten Muslimin mit den großen dunklen Augen einnehme. Ablehnung erfahre ich, wenn ich etwas an Deutschland kritisiere, was ich ohnehin selten tue, weil ich grundsätzlich positiv gestimmt bin. Aber es reicht etwa schon, zu sagen, dass die Gebäude der Universität Gießen nicht schön sind (insgesamt ein konsensfähiger Standpunkt). Dann höre ich: „Ist das denn bei euch so viel besser?“

          Da schrieb mir Maryam, eine Freundin und Iranistin aus Köln, über Facebook-Messenger: „Wenn wir die Situation in der Region wirklich differenziert betrachten wollen, darf eine postkoloniale Perspektive nicht fehlen, und die fehlt fast bei aller Iran-Berichterstattung in deutschsprachigen Medien. Die wenigsten deutschen Redaktionen weichen von einer Linie ab, die Europa und die USA als irgendwo doch moralisch überlegen betrachten.“

          Woher kommt das Unbehagen?

          Die Nachricht beschäftigte mich tagelang, sie tut es bis jetzt. Hat Maryam recht, rührt mein Unbehagen daher? Habe ich es den Leuten zu leicht gemacht, indem ich ihr Weltbild bestätige, ihnen – wieder einmal – das fratzenhafte Porträt der in ihrer Bösartigkeit unmenschlichen Mullahs ausmale, das die Vereinigten Staaten und auch europäische Staaten seit Jahrzehnten zeichnen? Trage ich zum „Othering“ der Orientalen bei, wie es der amerikanisch-palästinensische Literaturtheoretiker Edward Said vor vierzig Jahren in seinem Werk „Orientalismus“ beschrieb, indem ich mich auf eine bestimmte These konzentriere und dabei die hegemoniale Haltung des Westens gegenüber Ländern wie Iran ausblende?

          Iran war nie eine Kolonie, gehörte aber zum informellen Imperium der Briten. Diese mischten spätestens seit dem 19. Jahrhundert, mit Beginn des „Great Game“, massiv mit in der Geschichte Irans. Im „Großen Spiel“ rivalisierte Russland mit dem Vereinigten Königreich um den Einfluss in Zentralasien. Iran wurde zum Spielball widerstrebender Interessen. Hand in Hand arbeiteten die Rivalen allerdings daran, liberal-demokratische Bewegungen zu zerschlagen. So etwa die konstitutionelle Bewegung, die Anfang des 20. Jahrhunderts das erste Parlament der Region erkämpft hatte, das gewaltsam, unter dem Druck der beiden Großmächte, aufgelöst wurde.

          Morgan Shuster, ein amerikanischer Finanzexperte, den die Parlamentarier als Berater ins Land geholt hatten, sprach in seinem Buch „The Strangling of Persia“ von einem „internationalen Banditentum“. Die Souveränitätsverletzungen nahmen zu, als die Briten in der südiranischen Provinz Khuzestan Erdöl fanden. Nach dem Zweiten Weltkrieg putschten Großbritannien und die Vereinigten Staaten den gewählten Premierminister Mohammed Mossadegh aus dem Amt. Mit dem Putsch übernahmen die Amerikaner die Vormachtstellung am Persischen Golf, der Schah wurde zu ihrem Schah. Doch er entwickelte, nachdem er 1941 mit Hilfe der Alliierten im Alter von 21 Jahren den Thron bestiegen hatte, im Laufe der Zeit ein aus westlicher Sicht problematisches Selbstbewusstsein. Er beanspruchte die Führung in der Organisation erdölexportierender Länder und trat für höhere Ölpreise ein. Der amerikanische Präsident Gerald Ford ließ ihn 1974 wissen, er werde stetig steigende Preise auf Dauer nicht tolerieren. Der Schah antwortete, so zitierte ihn „Newsweek“ damals: „Nobody can dictate to us.“

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