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Proteste in Iran : Die Verwobenheit der Welt

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Bilder von der Märtyrerkultur in Iran

In den ersten Januartagen, als es einen Moment lang so schien, als könnte ein Krieg am Persischen Golf ausbrechen, twitterte von dort ein Iraner das Foto einer Almhütte, eingeschneit, innen behaglich von Kerzenschein erfüllt. In Österreich vielleicht oder in der Schweiz. Dazu sinngemäß diese Worte: „Ich säße jetzt auch gerne an solch einem Ort am Kamin, so wie ihr, an einer Tasse Kaffee nippend. Aber schreibt ruhig weiter eure blödsinnigen Artikel über die Märtyrerkultur in Iran.“

Ich verbrachte die Weihnachtsferien auf einer solchen Almhütte, ich saß gerade mit einer Kaffeetasse am Kachelofen, obgleich draußen kein Schnee lag, aber das ist ein anderes Thema. Auch ich erhalte, wenn in Iran Proteste aufflammen, Aufträge, Artikel zu verfassen. Doch betreibe ich nicht ebenso „Othering“, wenn ich behaupte, erklären zu können, warum die Bevölkerung, 80 Millionen, gegen das Regime auf die Straße geht, um dann wenige Wochen später, simpel formuliert, für das Regime auf die Straße zu gehen? Als wären Iranerinnen und Iraner erstens eine homogene Masse, deren Reaktion zweitens einer mysteriösen Mechanik folgt, die nur Insider der hiesigen Öffentlichkeit verständlich machen können.

Jede iranische Regierung ist den Iranern lieber als eine Einmischung von außen. Die deutsch-iranische Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur schrieb das wenige Tage später in der „Süddeutschen Zeitung“. Wie kann sie sich da so sicher sein? Ist es nicht anmaßend von uns, die wir am Kamin sitzen, zu behaupten, wir wüssten, was die Menschen in Iran wollen? Ich ziehe mich zurück aus der Iran-Erklärungsbranche, denke ich.

Eine Stimme, die zählt

Ich chattete mit Arash, einem iranischen Journalisten in New York. Er schrieb: „Du sprichst als Künstlerin und als eine Stimme, die zählt.“ Ich spreche als Künstlerin, ja. Und als Künstlerin arbeite ich mit jedem Text daran, gemäß dem italienischen Denker Antonio Gramsci, die Spuren nachzuverfolgen, die die Geschichte in mir hinterlassen hat. Als in Deutschland aufgewachsene Iranerin habe ich mir den westlichen, orientalistischen Blick auf mein Herkunftsland ein Stück weit angeeignet, doch darunter begehrt das eigene Selbst immer wieder auf.

Das Seil in mir, um es mit der britischen Schriftstellerin Zadie Smith zu sagen, ist straff gespannt. Das Schreiben, Prosa, aber auch Texte wie dieser, ist für mich der Weg, das Seil zu lockern, die Gegensätze näher zusammenzubringen, Widersprüchliches zu vereinbaren, Trennendes zu überwinden. Das will ich als Schriftstellerin. Nicht etwa Einblicke in eine fremde Welt liefern, wie es so oft heißt, sondern die Verwobenheit der Welt aufzeigen. Und genau das wünsche ich mir auch für die Berichterstattung über Iran. Für jede Berichterstattung. Dass sie sich bewusstmacht, woher ihre Spuren kommen und wohin sie führen können.

Nava Ebrahimi, 1978 in Teheran geboren, aufgewachsen in Köln, lebt in Graz. Am 24. Februar erscheint ihr Roman „Das Paradies meines Nachbarn“, 224 Seiten, 20 Euro bei btb.

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