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Proteste in Iran : Die Verwobenheit der Welt

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Die Beziehung zwischen den beiden Staaten wurde kompliziert. 1978 begannen die Proteste in Iran, immer mehr Menschen trieb es auf die Straße, sie forderten demokratische Rechte, Unabhängigkeit und eine gerechte Verteilung des wachsenden Wohlstands. Auf der Konferenz von Guadeloupe im Januar 1979 teilte Präsident Jimmy Carter den Deutschen, Briten und Franzosen völlig überraschend mit, dass die Vereinigten Staaten den Schah nicht mehr stützen würden – so erinnert sich der damalige französische Staatspräsident Valéry Giscard d’Estaing in seinen Memoiren. Westliche Emissäre knüpften Kontakte zu Ajatollah Ruhollah Chomeini, der in Paris auf die Rückkehr nach Iran wartete, sich mit Hilfe internationaler Medien zur symbolischen Führungsfigur der iranischen Opposition stilisierte und jedem erzählte, was der hören wollte. Bald darauf landete Chomeini in Teheran. Das iranische Militär, amerikanah, hielt sich zurück, und die Mullahs begannen mit ihrem mörderischen Triumphzug. Dass sie sich am Ende endgültig gegen Linke, Liberale und Demokraten durchsetzten, ist auch dem Iran-Irak-Krieg zu verdanken, den der irakische Machthaber Saddam Hussein, vom Westen ermuntert, mit einer Invasion begann.

Folgen einer bewegten Geschichte

Warum dieser historische Exkurs? Um zu zeigen, dass die Fronten und die Rollenverteilung nicht so klar sind, wie es oft den Anschein hat. Die Islamische Revolution, die ursprünglich eine iranische Revolution hätte werden sollen, gilt vielen im Westen rückblickend als unverständliches, irrationales Aufbegehren. Viele glauben, die westlichen Regierungen seien überrumpelt worden von einem wild gewordenen Volk, das sich selbst voller Begeisterung zurück ins Mittelalter katapultierte und das sie schließlich kopfschüttelnd den Mullahs überließen.

Natürlich ist das kein bewusster Glaubensakt, den meisten Menschen ist Iran egal, aber das Framing ist so, und alle Informationen werden in diesen Deutungsrahmen gepresst. Besonders gut passt das Bild der Iranerinnen und Iraner hinein, die man so oft auf Fotos in westlichen Medien sieht, in Schwarz gehüllte Frauen mit hassverzerrten Gesichtern, bärtige, skandierende Männer. Doch die Revolution hatte eine lange Vorgeschichte. Sie war eingebettet in die geopolitische Lage und in die Logik des Kalten Krieges, die den Aufstieg des fundamentalistischen politischen Islams begünstigt hat. Ein Joch, an dem die gesamte islamische Welt heute schwer trägt.

„Die Opferhaltung, dieses ,Der Westen ist an allem schuld‘, das ist mir zu einfach“, sagt meine Freundin Tina am Telefon.

Lassen wir die asymmetrischen Machtverhältnisse, die technologische, militärische und ökonomische Überlegenheit des Westens gegenüber Ländern wie Iran beiseite. Auch, dass viele Menschen in den ehemaligen Kolonial- und Imperialstaaten sich als moralisch und zivilisatorisch höherstehend betrachten. Was dennoch bleibt, ist die Überzeugung, dass die Dinge zusammenhängen. Dass wirtschaftliche Interessen, geostrategische Überlegungen, klimatische Veränderungen und noch viel mehr uns alle unauflöslich verbinden. Indem wir „othern“, negieren wir das, halten wir uns die Verantwortung vom Hals, können wir so tun, als hätten wir mit dem Abschlachten in Syrien und im Jemen nichts zu tun. Die Orientalen? Was die eigentlich wollen, versteht man ohnehin nicht so genau. Beinahe unvorstellbar, dass sie dasselbe wollen wie alle Menschen auf der Welt: ein Leben in Frieden und Würde, die Kinder fröhlich und unversehrt aufwachsen sehen.

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