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Vertreibung : Die gefühlte und die gewußte Geschichte

  • -Aktualisiert am

Flüchtlingswagen im Bonner Haus der Geschichte Bild: dpa/dpaweb

Die Arbeit des Zentrums gegen Vertreibungen wird sich vor den Augen der europäischen Öffentlichkeit abspielen. Dann wird dich zeigen, ob der antirevisionistische Anspruch nur auf dem Papier steht.

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          Heute wird in Anwesenheit des Bundespräsidenten Horst Köhler und des neuen Staatsministers für Kultur, Bernd Neumann, im Bonner Haus der Geschichte eine Ausstellung eröffnet, die an den politischen Nerv Deutschlands und seiner östlichen Nachbarn rührt. Es geht um Flucht und Vertreibung. Zum selben Zeitpunkt stattet Bundeskanzlerin Angela Merkel ihrem polnischen Amtskollegen den Antrittsbesuch ab.

          Man schätzt, daß vierzehn Millionen Deutsche vor und nach Kriegsende ihre Heimat verlassen mußten, von denen etwa zwei Millionen auf der Flucht oder bei der Vertreibung starben. Bedenkt man die vor und nach Kriegsende erfolgte Verschleppung der Kriegsgefangenen und die Rückführung derer, die überlebten, dann war das nicht einmal der Schlußpunkt der gewaltsamen Massenumsiedlungen infolge des Krieges.

          Gedenken unter Verdacht

          Das Leid der Opfer und ihrer Nachkommen lag freilich Jahrzehnte begraben unter der zentnerschweren Platte historischer Schuld Deutschlands im Zweiten Weltkrieg. Statt staatspolitischer Erinnerung gab es im öffentlichen Raum jedenfalls seit den Ostverträgen nur noch die quasi-private Gruppenerinnerung der vom Staat mit schlechtem Gewissen geförderten Vertriebenenverbände. Ungeachtet der expliziten Absage der Verbände an territoriale oder materielle Forderungen wurde sogar das genuin private Gedenken unter Verdacht gestellt.

          Öffentliche wie private Erinnerung lösten in Polen und Tschechien Furcht und Ablehnung aus; kein Schritt war hier vor den anderen zu setzen, ohne daß man nicht in die Falle gegenseitiger Abrechnung geriet. Noch in der ersten Amtszeit Gerhard Schröders wurde das Projekt eines Zentrums gegen Vertreibungen entwickelt, in dem dokumentiert und symbolisch vergegenwärtigt werden soll, welches Leid deutschen Vertriebenen widerfuhr. Federführend waren die Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, und Peter Glotz. Die Entscheidung über dieses Vorhaben wird Signalwirkung von europäischer Reichweite haben.

          Ein bemerkenswerter Satz

          Das Haus der Geschichte war sich der politischen Brisanz bewußt, als es sich für die Ausstellung über Flucht und Vertreibung entschied. Deshalb wurde das Allensbacher Institut für Demoskopie mit einer Umfrage in Deutschland, Polen und Tschechien beauftragt. Die Ergebnisse liegen nun in einer vom Haus der Geschichte publizierten, von Thomas Petersen verfaßten Studie vor. Gefragt wurde nach dem Stellenwert des Themas für verschiedene Altersgruppen, nach der emotionalen Nähe und nach dem Plan, ein Zentrum gegen Vertreibungen zu schaffen. Es ist der bemerkenswerte Satz zu lesen, daß „die heute unter Dreißigjährigen über Schlesien und das Sudetenland nicht wesentlich mehr als über afrikanische Länder“ wissen. Den emotionalen Bezug aber stuft dieselbe Altersgruppe weit höher ein als diejenigen Alterskohorten, die mehr darüber wissen. Man weiß wenig, fühlt aber viel.

          Diese gefühlte Geschichte ist aber nicht schon deshalb obsolet, weil sie mit Nichtwissen gepaart ist. Im Gegenteil, sie scheint Bestandteil eines generationell vermittelten und veränderten Selbstverständnisses zu sein. Dieses Selbstverständnis spielt im Alltag keine bedeutende Rolle, ist aber aufzurufen, sobald politische und lebensweltliche Schlüsselreize ausgelöst werden. Schuld und Gegenschuld, Entschädigungs- oder Rückgabeansprüche gehören dazu, und es spielt dabei keine Rolle, daß diese Fragen längst verbindlich geklärt sind.

          Wissen hilft weiter

          Für die europäische Integration liegt hier ein zentrales Moment schlummernder Antagonismen. Die Studie macht deutlich, daß persönliche Bekanntschaft und Wissen die Reflexe abstellen können. So ist bemerkenswert, daß die Sorge um Rückgabe- und Entschädigungsforderungen in den früheren deutschen Siedlungsgebieten kleiner ist als im polnischen oder tschechischen Kernland. Besuche und persönliche Eindrücke haben seit dem Mauerfall auch im Gefühl Sicherheit geschaffen.

          Das wichtigste Ergebnis dieser Studie liegt zweifellos darin, daß die europäische Dimension der Zwangsumsiedlungen die Chance eröffnet, Erinnerungen europäisch zuzulassen und zu befrieden, ohne sie zu nivellieren. So wird von jungen Polen und Tschechen ein Zentrum gegen Vertreibungen begrüßt, wenn es nicht allein den deutschen Opfern der Vertreibung gewidmet ist. Hier liegt der heikle Punkt jeder Erinnerungspolitik: die Exklusivität der Erinnerung, die nur in der eigenen Erfahrung begründet ist, mit dem Begriff einer gemeinsamen Geschichte zu verknüpfen.

          Zweierlei Vergangenheit

          Ein Vetorecht der Polen und Tschechen gegen das deutsche Totengedenken kann es nicht geben. Die Arbeit des Zentrums gegen Vertreibungen, dessen Errichtung die Bundesrepublik zu ihrer Sache machen sollte, wird sich vor den Augen der europäischen Öffentlichkeit abspielen. Es wird sich dann zeigen, ob der universalistische, antirevisionistische Anspruch, den der Name des Zentrums erhebt, nur auf dem Papier steht. Man möchte hoffen, daß sich bei der Prüfung dieser Vorverurteilungen auch in den polnischen und tschechischen Medien jene Bereitschaft zur Selbstkritik bewährt, die hierzulande alle geschichtspolitischen Aktionen begleitet.

          Der historisch offensichtliche europäische Bezugspunkt muß sich zwanglos zur Geltung bringen. Wenn schon innerhalb der Völker Wissen und Gefühl auseinandergehen, dann eröffnen gerade die Unterschiede im Umgang mit dem Arsenal der Erinnerung die Aussicht der Gemeinsamkeit im Gedenken an zweierlei Vergangenheit.

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