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Verräterische Bilderkennung : Können wir unser Gesicht noch wahren?

Bei der Entscheidungsfindung heterosexuell/homosexuell orientierte sich das Netzwerk anhand festgelegter Gesichtsmerkmale wie dem Abstand der Augen, der Form der Nase oder dem Abstand von Mund und Nase. Zudem bezog der Algorithmus auch Unterschiede im Gesichtsausdruck sowie modische Präferenzen mit ein.

Wurde dem Programm nun wahllos ein Foto eines heterosexuellen sowie eines homosexuellen Mannes vorgelegt, konnte es die sexuelle Präferenz in 81 Prozent der Fälle richtig zuordnen. Hatte es fünf Fotos zur Auswahl, lag die Trefferquote bei 91 Prozent. Mit der Einordnung von Frauen hatte das Programm größere Probleme. Bei einem Foto lag es in 71 Prozent der Fälle richtig, bei fünf Fotos in 83 Prozent der Fälle. Den Menschen hat die Maschine jedoch bereits deutlich überholt: Testpersonen, denen Kosinskis Team die Fotos vorlegte, lagen bei Männern nur zu 61 Prozent richtig, bei Frauen zu 54 Prozent.

Zudem funktioniert die maschinelle Zuordnung vor allem, wenn bekannt ist, dass von zwei Personen auf den vorgelegten Fotos eine homosexuell ist. Als die Wissenschaftler dem Netzwerk wahllos Fotos von Männern zeigten, tendierte es dazu, mehr Männern eine homosexuelle Präferenz zuzuschreiben, als es tatsächlich der Fall war.

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Nach der raschen medialen Verbreitung der Ergebnisse, traf die Forscher eine Welle der Kritik und Entrüstung. Kosinski, der schon durch seine Forschung zu psychometrischen Profilen (aus öffentlich abrufbaren Facebook-Profildaten) in Verbindung mit gezielter Wähleransprache während des amerikanischen Wahlkampfs in der Kritik stand, veröffentlichte daraufhin einen Kommentar. Darin sagt er, er habe kein Instrument zum Eindringen in die Privatsphäre geschaffen, sondern nur bestehende Technologien genutzt, wie sie bei Firmen und Regierungen in Gebrauch seien. Die Kernbotschaft seiner Studie sei: „Dass weitverbreitete Technologien ein Risiko für die Privatsphäre von Angehörigen der LGBTQ-Gemeinschaft darstellen“. In machen arabischen und afrikanischen Ländern steht Homosexualität unter Todesstrafe. Zum Vorwurf der „Pseudowissenschaft“ schreiben die Autoren: „Wir bekommen viel Resonanz dieser Art. Offengestanden wären wir glücklich, wenn unsere Ergebnisse falsch wären.“ Doch habe man das Risiko durch die Technik größer eingeschätzt als das Risiko, das eine Veröffentlichung mit sich bringe.

Dass es einen Zusammenhang zwischen der Form des Gesichts und der sexuellen Orientierung gibt, beweist die Studie aus Stanford nicht. Es könnte allenfalls ein Hinweis darauf sein. Sollte sich diese Stoßrichtung der Forschung jedoch als fruchtbar erweisen und man mithilfe künstlicher Intelligenzen – wie auch Kosinski es voraussagt – bald Dinge wie den IQ oder genetische Defekte anhand von Gesichtsvermessung erkennen können, wird man sich fragen müssen, wie öffentlich ein Gesicht ist – oder in Zukunft sein muss. Denn den Menschen anhand einer Gesichtserfassung auszulesen, führt im schlimmsten Fall zu einer ganz neuen Art der Zweiklassengesellschaft: die Tauglichen und die Untauglichen.

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