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Verödung der Innenstädte : „Wir ersticken an unserer Altstadt“

Es könnte so idyllisch sein: Der Marktplatz in Celle mit einer Bronzeplastik im Vorder- und einem Fischimbiss im Hintergrund Bild: mauritius images

Die deutschen Innenstädte drohen zu veröden, weil immer mehr Menschen im Netz bestellen. Celle in Niedersachsen ist ein perfektes Beispiel dafür: Den Einheimischen fallen Zeichen auf, dass etwas nicht stimmt.

          5 Min.

          Wenn es so etwas wie einen Idealtypus von deutscher Altstadt gibt, dann könnte Celle gut darauf Anspruch erheben: das größte zusammenhängende, vom Krieg nicht zerstörte, perfekt restaurierte Fachwerkensemble Europas, planmäßig angelegt in einem seit der Neugründung 1292 durch den Welfenherzog Otto den Strengen weitgehend erhaltenen Muster, seit den siebziger Jahren zum größten Teil zur Fußgängerzone ausgestaltet und bis heute mit Karstadt, C&A, H&M, Penny, Müller, Benetton, Vodafone, Rossmann, Tchibo, Commerzbank und all den anderen Markenfilialen bestückt, die zu jeder deutschen Fußgängerzone gehören. Zwei Millionen Touristen, ein Viertel davon aus dem Ausland, kommen jährlich nach Celle, um sich das anzusehen. Alles scheint so zu sein, wie es sich für eine ordentliche Innenstadt gehört, nur noch vollkommener, hübscher, in sich geschlossener.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Doch den Einheimischen fallen unscheinbare, wenngleich bedeutsame Zeichen auf, dass irgendetwas an diesem Bild nicht mehr stimmt. Die Konzentration von Hörgeräte-Geschäften am Großen Plan etwa, die Häufung der Nagelstudios, die vielen Imbisse, erste Spielotheken. Und vor allem: leerstehende Ladenlokale, an deren verstaubten Schaufenstern Reklamezettel hängen, zum Beispiel einer von Celler Ledermoden, der verkündet: „Lederbekleidung kauft man im Fachhandel.“ An dem schlichten Umstand, dass dieser Satz nicht mehr eine Feststellung, sondern eine strenge Mahnung ist, hängt das ganze Ausmaß der Veränderung, die Celle und das bisherige Modell der deutschen Innenstadt insgesamt zur Zeit durcheinanderbringt. Nicht bloß die Einkaufszentren an der Peripherie, sondern vor allem die Einkaufsmöglichkeiten im Internet machen den Geschäften im Zentrum so viel Konkurrenz, dass seit Jahren das Schreckgespenst einer Verödung der Innenstädte im Raum steht. Jedenfalls scheint der Wunsch, etwas zu kaufen, immer weniger ein ausreichendes Motiv zu sein, um die Wohnung zu verlassen und die Innenstadt aufzusuchen. Die Frage ist, was daraus folgt: Wie lässt sich der Verödung wehren?

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