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Vermessung des Menschen : Korrekturen ausgeschlossen

Der Computer als Filter: Personaler müssen die Bewerber nicht mehr persönlich treffen. Die Durchleuchtung des Lebens ist auf dem Weg das Bewerbungsgespräch abzulösen Bild: picture alliance / Ikon Images

Wie bekommt man heute einen Job? Erfahrung und Intuition spielen keine Rolle mehr. Die Bewerber werden berechnet – mit tückischen Folgen: Ein Buchstabendreher, und man ist raus.

          Jahrzehntelang wurde uns erzählt, der erste Eindruck sei entscheidend. Ob man einen Menschen kennenlernte oder sich um einen Job bewarb – es war dieser eine Moment, auf den es ankam. Es verstand sich von selbst, sich nicht nur akribisch auf ein Vorstellungsgespräch vorzubereiten, sondern gleich auch einen neuen Anzug oder ein neues Kostüm zu kaufen.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Vergessen wir den ersten Eindruck. Vergessen wir die Ich-Erzählung überhaupt. Unsere Geschichten werden heute aus den Datenmassen geschrieben, die als wertvolle Handelsware über uns in Umlauf sind. Im algorithmisch optimierten Bewerberauswahlverfahren spielt auch der Mensch, der einem bislang im Bewerbungsgespräch gegenübersaß, der einen nach der Motivation befragte und danach, warum ausgerechnet man selbst hervorragend geeignet sei für diesen Job, eine lächerliche Nebenrolle. Gespräche produzieren keine Daten. Sie entziehen sich einer mathematischen Mustererkennung.

          IBM rastert seine Mitarbeiter

          Im Big-Data-Zeitalter werten das viele als Nachteil. Es sind die Daten, die versprechen, den Menschen lesbar zu machen, sein Innerstes wie einen Code zu entziffern, in ihn zu blicken, als handelte es sich um einen Apparat, dessen Betriebsanleitung man nur richtig lesen muss. Ob man ein Buch verkaufen oder den nächsten Top-Angestellten finden möchte, spielt keine Rolle. Es geht nicht nur um das Hier und Jetzt, es geht vor allem um die Zukunft, um die Frage: Was wird sein? Also: Welcher Mensch wird mit hoher Wahrscheinlichkeit Profit erwirtschaften? Alles hat einen Preis, das Buch und der Mensch.

          Das ist spätestens bekannt, seit Stephen Baker in einer Recherche für die „Business Week“ herausfand, dass IBM mathematische Profile von Tausenden Mitarbeitern erstellt hat, um zu berechnen, was eine Person zum Spitzenangestellten macht. „Und wenn ein Mensch sich für einen Job als unzulänglich erweisen sollte, dann wird er eben umkonfiguriert – zuerst mathematisch und dann in der Wirklichkeit.“

          Früher informierte man sich über das Unternehmen, bei dem man sich bewarb. Heute tut man das immer noch; die Unternehmen tun es umgekehrt allerdings auch. Die Bewerbungswelt mit ihren Durchleuchtungsverfahren namens Background Checks gründet auf Misstrauen, und das Misstrauen wächst: In den neunziger Jahren screenten etwa fünfzig Prozent der amerikanischen Arbeitgeber ihre Bewerber; heute sind es nach Angaben der amerikanischen Gesellschaft für Human Resource Management mehr als neunzig Prozent. Das Überprüfungsportfolio ist atemberaubend: HireRight durchkämmt Vorstrafen- und internationale Strafregister, Sexualverbrecherkarteien und Datenbanken, in der Ladendiebe geführt werden. Außerdem werden Hochschulabschlüsse und Bonität geprüft und ob Drogen- und Alkoholverstöße vorliegen. Und das sind lediglich ein paar Beispiele.

          Von der Öffentlichkeit unbemerkt

          Die Datenmassen, die automatisiert verarbeitet werden, entziehen sich jeder Vorstellungskraft. Die Wahrscheinlichkeit, dass dabei Fehler passieren, steigt. Das bedeutet, dass immer wieder Menschen der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Dass sie plötzlich auf der Straße stehen, ohne Job, ohne Krankenversicherung, ohne Dach über dem Kopf. Ein Buchstabendreher im Namen kann zu einer völlig falschen Einschätzung einer Person führen. Mit dem Ergebnis, dass diese Person keinen Kredit bekommt, keine Wohnung, keine Arbeit. LexisNexis, eine Firma, die jährlich die Vergangenheit von mehr als zwölf Millionen Menschen unter die Lupe nimmt, gibt an, dass weniger als ein Prozent der Ergebnisse nicht korrekt sei – das sind aber etwa 120.000 Menschen, die Einwohnerzahl einer Stadt wie Ulm.

          Es wäre leichtsinnig, die Diskriminierungsgefahr digitalisierter Bewertungsverfahren als amerikanisches Problem abzutun. Die Angst der Arbeitgeber, den vermeintlich falschen Bewerber einzustellen, wächst auch in Deutschland. Die Öffentlichkeit bemerkt davon nichts. In Berlin sitzt etwa die Signum Consulting GmbH, die Firma hat sich auf das Screening von Führungskräften spezialisiert. „Wie leicht war es doch im Mittelalter“, heißt es auf der Homepage, „ein Siegel unter ein Dokument gesetzt, und niemand zweifelte an der Rechtmäßigkeit und Gültigkeit. Im Zeitalter der modernen Medien sollten die Prüfmechanismen den Möglichkeiten angepasst werden.“

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