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Verhaltensforschung : Mütter können mehr

  • -Aktualisiert am

Entspannte Löwenmutterschaft im Hwange Nationalpark in Simbabwe: Nicht nur Säugetier-, sondern auch Menschenmütter haben ihren Artgenossinnen ohne Kinder einiges voraus. Bild: Bildagentur Huber

Kinderkriegen setzt ungeahnte Kräfte im Gehirn frei, das hat die Verhaltensforschung eindrucksvoll belegt. In der Debatte um die bereuenden Mütter braucht es weder Trost noch die fatale Selbstentwertung der Frauen.

          Es macht smarter, wagemutiger, stressresistenter, es verbessert das Gedächtnis, das räumliche Orientierungsvermögen, die Sehfähigkeit, kurzum, es ist ein Nerven-Kick, der seinesgleichen sucht. „Es“ ist jedoch keine Designerdroge für überforderte Burnout-Politiker und auch kein Medikament zum Neuro-Enhancement für überehrgeizige Studenten. „Es“ steht für das, was Frauen schaffen, wenn sie Mütter werden, Mutterschaft eben.

          Zahlreiche Studien an Säugetieren, aber immer öfter auch bei der Gattung Mensch belegen, was Schwangerschaft, Stillen und die Versorgung des Nachwuchses so überaus Positives mit dem Gehirn von Muttertieren anstellt. Wenn von Muttertieren die Rede ist, ist der Vorwurf des Biologismus naturgemäß nicht weit. Allerdings verdrängen solche Verdikte jene Forschungsergebnisse, die das Kinderkriegen als ein ernstzunehmendes geistiges Empowerment und Freisetzen von erstaunlichen Kräften deuten - nicht nur bei Tieren. Diejenige Fraktion des Feminismus, der Kinder stets Karrierebremse und Klotz am Bein der emanzipierten Frau waren, möchte solche Thesen am liebsten schon im Keim ersticken.

          Bedauerliche Formen von Selbstzensur

          Hierzulande ist die Abwehr gegen all das, was zugunsten von Mutterschaft ins Feld geführt wird, besonders stark, nicht zuletzt weil Mütter in Deutschland im Nationalsozialismus so unrühmlich zu zweifelhaften Ehren kamen - der bevorstehende Muttertag ist ein Erbe jener Jahre. Sodann wollen die aktuellen Diskurse, in denen vor allem Frauen zu Wort kommen, die von ihrem Dasein als Mutter tief enttäuscht sind - Stichwort #regrettingmotherhood -, der Mutterschaft partout nichts Gutes abgewinnen. Negativbotschaften beherrschen die öffentlichen Medien und lassen „frau“ jede Lust auf Kinder vergehen: Babypausen bedeuten Karriereknick, Mütter auf der Suche nach Teilzeit verdächtigt man, nicht wirklich arbeitswillig und bloße Dazuverdiener zu sein, und den aus einer Kinderpause zurückkehrenden Frauen macht man das Leben schwer.

          Nun kann aber gerade das Mutterwerden aus Frauen besonders leistungsfähige Vertreterinnen ihrer Art machen. So ist inzwischen klar, dass vor allem in der späten Schwangerschaft und nach der Geburt weibliche Tiere extrem stressresistent werden, ein Befund, der inzwischen auch für Frauen gilt. Mit dieser psychischen Robustheit gehen erhöhter Wagemut und größere Furchtlosigkeit einher, Veränderungen, die die sprichwörtlichen Löwenmütter in die Lage versetzen, selbst übermächtigen Aggressoren kühn die Stirn zu bieten. Tracey Shors, Verhaltensbiologin an der Rutgers-Universität in New York, hat diese Zusammenhänge erforscht und ist gleichzeitig ein Beispiel für die inneren Vorbehalte, die wie eine Selbstzensur die wissenschaftliche Untersuchung von mütterlicher Leistungsfähigkeit ausbremsen. Sie wagte sich erst dann an dieses Thema, als sie eine feste Anstellung hatte, aus Angst, das sei kein ernstzunehmendes Forschungsfeld - und wurde spät, mit 42, selbst Mutter.

          Ein faszinierendes Ergebnis

          Offenbar benötigt man eine spezielle Form von Motivation, um über Mütter zu denken, was andere nicht denken. Den Neurowissenschaftler Graig Kinsley hat beispielsweise die Geburt der ersten Tochter zu inzwischen weithin beachteten Forschungen über den Zugewinn an kognitiven geistigen Fähigkeiten von Muttertieren angeregt. Ihm fiel auf, was seine Frau nach der Geburt alles mehr als früher schaffte, und er fragte sich, wie sich das erklären lässt. Inzwischen gehört sein Labor in Richmond zu den führenden Zentren, die das Verhalten von Muttertieren unter die Lupe nehmen.

          Eine seiner faszinierendsten Studien an Ratten testet diese beim Jagen von Grillen - was Ratten zur Aufstockung des Speiseplans durchaus mitunter tun. „The mother as hunter“ heißt die Veröffentlichung, und Kinsley vergleicht darin drei Gruppen von weiblichen Tieren: Schwangere, solche, die gerade Nachwuchs bekommen haben und stillen, sowie jene ohne Nachwuchs. Nicht nur den stillenden Muttertieren, selbst den schlecht beweglichen und körperlich eingeschränkten Schwangeren gelingt es, die Beute um ein Vielfaches schneller zu erhaschen und nicht wieder entwischen zu lassen als denjenigen, die keinen Nachwuchs haben. Letztere sind deutlich langsamer und jagen weniger zielgerichtet - sogar dann, wenn man sie vorher hungern ließ, um ihre Motivation zu erhöhen.

          Aus Stammzellen entstehen Hirnzellen

          Kinsley charakterisiert das Verhalten der Schwangeren und Mütter als extrem ökonomisch im Vergleich zu ihren kinderlosen Artgenossen, die sich äußerst ineffizient verhielten. „Anpassung ist das, was das mütterliche Gehirn im Kern ausmacht“, nennt er als Erklärung für die erstaunlich verbesserten Fähigkeiten unter erschwerten Bedingungen. Das Hirndoping, das Mutter Natur weiblichen Tieren zukommen lässt, ist unabdingbar: Fahrige Nachlässigkeiten würden sich rächen, auch bei den Jungen, Konzentration auf das Wesentliche gehört zum Überlebensprogramm. Dazu passt, dass sich im Gehirn von Tieren, die bereits mehrere Schwangerschaften hinter sich haben, vermehrt Mediatoren nachweisen lassen, die das Nervenwachstum stimulieren.

          Die Schwangerschaft tut das Ihre. Offenbar können frische Stammzellen vom Ungeborenen ins Gehirn der Mutter gelangen und sich dort zu allen Arten von Hirnzellen umwandeln. Mehr noch, diese Nachwuchszellen siedeln sich überdurchschnittlich oft genau dort an, wo die Nervenzellen des Muttertieres schwächeln, also Hilfe dringend benötigen.

          Die Mär vom „Baby-Brain“

          Noch kommen die meisten dieser Erfolgsmeldungen aus Tierversuchen, aber manches lässt sich bereits übertragen. Das ist nicht verwunderlich, denn viele Hirnregionen und Hormonsysteme, die für den Umgang mit dem Nachwuchs zuständig sind, sind artübergreifend im Laufe der Evolution erhalten geblieben. Allerdings gibt es auch widersprüchliche Ergebnisse, vor allem zur Frage, welche Formen von Gedächtnisleistungen sich bei Schwangeren und Müttern eher verbessern oder verschlechtern. Unklar ist, ob etwa in der ersten Zeit nach der Geburt der chronische Schlafmangel bei Tests negativ zu Buche schlagen könnte.

          Da Menschen nicht mehr täglich für den Nachwuchs nach Nahrung suchen und gegen Gefahren kämpfen müssen, bedarf es womöglich anderer, ausgeklügelter Verfahren, um Veränderungen der Geisteskräfte besser erfassen zu können. Genau dieser Aufgabe verschreibt sich Katherine Tombeau Cost an der Universität in Toronto. Sie stieß ebenfalls aufgrund eigener Erfahrungen zu dieser Forschungsrichtung: Als sie schwanger war, wurden ihre Noten keineswegs schlechter, obwohl sie genau das ursprünglich befürchtet hatte. Wie sie feststellte, ist das von vielen Schwangeren und Müttern beklagte „Baby-Brain“ oder „Mommy-Brain“, der im angloamerikanischen gebräuchliche Name für leistungsschwache weibliche Gehirne nach der Geburt eines Kindes, oft nur eine subjektive Fehleinschätzung der Frauen.

          Herabwürdigende Urteile

          In objektiven Tests schneiden Mütter nämlich deutlich besser ab, als sie es selbst für möglich halten. Sie machen sich quasi gängige gesellschaftliche Vorurteile zu eigen: Wer in lallender Babysprache kommuniziert, kann nur minderbemittelt sein. Das Bild der zwar zärtlichen, aber geistig wenig anspruchsvollen Kuschelmutter gehört nach Meinung von Tombeau Cost und anderer Forscher endlich revidiert. Mütter können mehr, als ihr Näschen an ein Baby stupsen, nur fehlten bislang die geeigneten Messparameter, um dies zu erfassen. Kein anderer Lebensabschnitt, sagt die amerikanische Forscherin Kelly G. Lambert, Psychologin am Randolph-Macon College in Ashland, sei durch derartig plötzliche und dramatische Veränderungen von Körper und Psyche gekennzeichnet, wie sie eine Mutter durch Schwangerschaft und Geburt erfahre.

          Das verlange eben auch eine Neuverschaltung der Nervenzellen im Gehirn für den Erwerb elementarer Fähigkeiten. Einschlägige Trostbücher à la „Ihr seid gar nicht so dumm“ verniedlichen das Problem eher. Auch der nimmermüde Hinweis auf das Multitasking von Müttern anerkennt allenfalls, dass sie gleichzeitig telefonieren und Brei rühren können. Die herabwürdigenden Urteile über Mütter mögen variieren, der Kern bleibt der gleiche. Silke Hoock zitiert in der „Zeit“ einen Personalmanager, der Mütter, die Teilzeit arbeiten wollen, lediglich als Kandidatinnen für das „Hausfrauensammelbecken“ sieht. Zurzeit bleibt ambitionierten Müttern deshalb so gut wie keine Wahl, sie können die Betreuung der Kinder nur so rasch wie möglich und täglich so lange wie möglich outsourcen, wenn sie zeigen wollen, was in ihnen steckt.

          Die herrschende gesellschaftspolitische Korrektheit belohnt schließlich allein die Investition in den Arbeitsplatz. Kaum jemand traut sich vorzuschlagen, Müttern mehr echte Freiräume für den Nachwuchs zu geben.

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