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Vergewaltigungen in Indien : Wir sind Frauen ohne Zukunft

  • -Aktualisiert am

Trauer um das junge Vergewaltigungsopfer aus Kalkutta, das sich selbst angezündet hatte Bild: dpa

Indien hat sich seit dem Tod eines Vergewaltigungsopfers vor etwas mehr als einem Jahr verändert. Doch die neue, harte Linie hat die Lage trotzdem kaum verbessert.

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          Nur wenig mehr als ein Jahr ist es her, dass in Neu-Delhi eine junge Frau von fünf Männern brutal vergewaltigt wurde und an ihren schweren Verletzungen starb. Das Verbrechen rief in der ganzen Welt Entrüstung und Erschrecken hervor, vor allem in Indien selbst beschäftigte es die Medien monatelang und veranlasste die Gesellschaft zu heftiger Selbstkritik. Als Reaktion auf das allgemeine Entsetzen verabschiedete das Parlament innerhalb weniger Monate ein verschärftes Gesetz gegen Vergewaltiger, was erstaunlich ist, weil ein solcher Vorgang hier für gewöhnlich Jahre dauert. Ebenso dauerte es nur wenige Monate, bis die fünf Vergewaltiger verurteilt wurden, vier von ihnen zum Tode. Auch ein solcher Prozess dauert in Indien üblicherweise Jahre, wenn nicht Jahrzehnte.

          Aber hat sich wirklich etwas verändert? Laut dem Polizeibericht haben sich in Neu-Delhi die Fälle gemeldeter Vergewaltigungen im vergangenen Jahr verdoppelt, die Anzeigen wegen sexueller Belästigung verfünffacht. Das führt die Polizei allerdings auf die größere Bereitschaft bei Frauen zurück, Übergriffe nun zu melden. Mit Sicherheit ist eine erhöhte öffentliche Aufmerksamkeit gegenüber sexueller Gewalt erreicht worden. Während des gesamten Jahres 2013 wurde in Zeitungen und im Fernsehen fast täglich von neuen Vergewaltigungen berichtet, die Probleme von Frauen in der indischen Gesellschaft wurden zur Diskussion gestellt. Nicht wenige der bekanntgewordenen neuen sexuellen Übergriffe waren ebenso brutal wie der Fall, der am Anfang stand.

          Die Gefahr des Rufmords wächst

          Nach dem neuen Gesetz wird der Tatbestand einer Vergewaltigung rascher, etwa schon bei versuchter Belästigung, festgestellt. Das hat zur Folge, dass sexuelle Vergehen am Arbeitsplatz, auch seitens der Vorgesetzten, leichter geahndet werden können. Die medial aufgeheizte Atmosphäre gegen mutmaßliche Straftäter kann aber auch leicht zu Rufmord führen. So konnten zwei Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens nicht mehr hinter ihrem sonst üblichen öffentlichen Renommee Schutz suchen, sondern werden zurzeit unbarmherzig von den Medien verfolgt, obwohl die Schuldfrage noch gar nicht geklärt ist.

          Trauer und Protest: In Neu-Delhi wird am 29. Dezember der ein Jahr zuvor gestorbenen Studentin gedacht
          Trauer und Protest: In Neu-Delhi wird am 29. Dezember der ein Jahr zuvor gestorbenen Studentin gedacht : Bild: AP

          Diese beiden Männer sind der Journalist Tarun Tejpal, Gründer des Wochenzeitschrift „Tehelka“, und der pensionierte Richter des Obersten Gerichtshofs Ashok Ganguly. „Tehelka“ betreibt seit Jahren einen aufklärenden Enthüllungsjournalismus, der schon manchen bekannten Politiker zu Fall gebracht hat. Tejpal soll in angetrunkenem Zustand eine Mitarbeiterin im Lift zweimal sexuell angegriffen haben. Nun sitzt er in Goa im Gefängnis. Nicht nur die behauptete Straftat, sondern sein gesamtes Geschäftsgebaren wird von der Justiz untersucht. Selbst wenn er freikommen sollte, wird Tarun Tejpal sich von diesem Schlag beruflich kaum erholen. Und Ashok Ganguly wird von einer Praktikantin beschuldigt, sie vor einigen Jahren sexuell belästigt zu haben. Der ehemalige Richter, der gegenwärtig die West Bengal Human Rights Commission leitet, wird von der westbengalischen Chefministerin und von mehreren national hochrangigen Politikern gedrängt, seinen Posten als Kommissionsleiter aufzugeben, obwohl es bislang noch nicht einmal eine Anzeige der jungen Frau gegen ihn gibt.

          Teufelskreis aus Armut und Verzweiflung

          Kurshid Anwar aus Delhi, Mitarbeiter einer Nichtregierungsorganisation, hatte sich noch nie kriminelle Vergehen zuschulden kommen lassen, als er durch eine Kampagne von Fernsehreportern in den Freitod getrieben wurde, nachdem man ihn der Vergewaltigung bezichtigt hatte. „Sprich das Wort ,Vergewaltigung‘ aus, und schon hasten die Journalisten los, um als Erste mit der Story herauszukommen“, schrieb die bekannte Publizistin Seema Mustafa kürzlich im indischen „Statesman“.

          Nur eine Zeitung wagte es, die früheren Lebensumstände eines der Täter der Vergewaltigung von Neu-Delhi darzustellen. Er besaß Schulerziehung und hätte vielleicht den Sprung aus dem Slum, in dem er und die anderen Täter wohnten, geschafft. Seine Mutter berichtete der Zeitung von dem Teufelskreis aus Armut und Verzweiflung, dem nur wenige entkommen. Alkohol, Drogen und Sex sind Mittel, die schon in jungen Jahren hoffnungslose Lage für kurze Zeit zu vergessen. Ohne die Tat ihres Sohnes zu entschuldigen, zeigte sie, wie das soziale Elend seine Brutalität möglich gemacht hatte.

          Das Ethos des Landes

          Aber die Lage der Opfer ist natürlich viel schlimmer. Vor allem Frauen aus höheren Gesellschaftsschichten wagen zwar inzwischen, an die Öffentlichkeit zu treten und sexuelle Übergriffe anzuklagen. In der Unterklasse ist das Szenario dagegen dramatisch anders. Das zeigt ein Fall, der sich kürzlich in Kalkutta zutrug. Eine sechzehnjährige Schülerin wurde zwei Mal von einer Bande Jugendlicher vergewaltigt. Ihr Vater zeigte die Täter an. Da die Polizei dem Mädchen und seinen Angehörigen nicht den notwendigen Schutz gewährte, konnten die Familien der angeklagten Vergewaltiger die Familie des Opfers systematisch bedrohen, einschüchtern und den Ruf des Opfers ruinieren. Die Schülerin und die Ihren mussten die Gegend verlassen und anderswo unterkommen. Die junge Frau suchte den Freitod. Den letzten Satz, den sie sagte, bevor sie sich selbst in Brand steckte, lautete: „Wir sind Frauen. Es gibt keine Zukunft für uns.“

          Das Image der indischen Gesellschaft hat, nicht nur im Ausland, weiter gelitten, als der Oberste Gerichtshof in Neu-Delhi vor wenigen Wochen ohne Handlungsnot die einvernehmliche gleichgeschlechtliche Liebe zwischen Erwachsenen kriminalisierte - mit der Begründung, Homosexualität passe nicht zum Ethos des Landes. Vor einigen Jahren hatte ein Gericht den Paragraphen 377, der Homosexualität unter Strafe stellte, außer Kraft gesetzt, nun hat das höchste Gericht ihn wieder eingeführt und damit Proteste der einflussreichsten Politiker von Regierung und Opposition hervorgerufen. Das Ringen der indischen Gesellschaft darum, im modernen Leben anzukommen und sich dort einzurichten, ist noch lange nicht beendet.

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