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Verfahren gegen Kevin Spacey : Im Zweifel für wen?

Trat jetzt in Rom auf: Kevin Spacey, hier vor dem Gericht in Nantucket Bild: AP

Für alle, die glaubten, das wertvolle Prinzip „im Zweifel für den Angeklagten“ sei erledigt: Das eingestellte Verfahren gegen Kevin Spacey zeigt, dass es lebt. Dafür geeignet, einen Ruf wiederherzustellen, ist es nicht.

          Mehrere Männer haben dem Filmstar Kevin Spacey sexuelle Grenzüberschreitungen vorgeworfen – traurig peinliche (eine aufdringliche romantische Essenseinladung am Arbeitsplatz), aber auch grässliche und potentiell justiziable (körperliche Übergriffe am Drehort einer Serienproduktion). An einiges wollte Spacey sich nicht erinnern, anderes ließ er unkommentiert, aber einen Vorgang, der vor Gericht geahndet werden sollte, bestritt er stets mit großem Nachdruck. Der Prozess, der den betreffenden Sachverhalt aufklären sollte, wird nun nicht stattfinden. Denn ein Telefon aus dem Besitz des einundzwanzigjährigen Hauptbelastungszeugen und vermeintlich Geschädigten ist verschwunden. Im Speicher des Apparats sollen Textnachrichten aus der mutmaßlichen Tatnacht enthalten sein, die Spacey entlasten könnten.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Die ernste Aufforderung zur Auskunft über den Verbleib des Geräts beantwortete der Zeuge schließlich mit einer Berufung auf sein verfassungsmäßig garantiertes Recht, vor Gericht zu schweigen, wenn er sich durch eine Aussage selbst belasten könnte.

          Man darf vermuten, dass sich dies auf eine mögliche Verleumdungsklage von Seiten Spaceys oder eine strafrechtliche Verfolgung wegen Falschbeschuldigung bezieht. Genau wissen, was dahintersteckt, wird man möglicherweise nie.

          Mel Gibson hat sich auch erholt

          Das Ereignis ist nicht geeignet, Spacey wieder einen Ruf zu verschaffen, der dem gleicht, den er hatte, bevor ihn seine Branche fallenließ, das heißt: bevor ihn eine Serie aufgab, die er künstlerisch dominiert hatte, bevor man ihn digital aus einem Film entfernte, bevor man ihn in den sozialen Medien durch die Schandhecke schleifte. Das Ende seiner Karriere muss dies nicht bedeuten; der Kollege Mel Gibson hat sich ja auch erholt, nachdem er seine Freundin mit Schlägen bedroht und bei einer Polizeikontrolle antisemitische Schmähreden gehalten hatte. Hollywood ging auf Distanz, aber ein paar Jahre später ist Gibson wieder da, als Regisseur, Darsteller und Talkshow-Gast.

          Die öffentliche Demütigung bekannter Persönlichkeiten ist keine Erfindung der #MeToo-Bewegung, deren Kampf gegen sexuelle Nötigung und Vergewaltigung in der Unterhaltungsbranche den Kontext von Spaceys Fall bildet. Es gab solche Demütigungen schon im neunzehnten Jahrhundert, sobald in Gestalt der Zeitungen die Massenmedien entstanden waren und der unter der Villentür hindurchgeschobene Erpresserbrief mit der Weitergabe schlimmer Nachrichten ans Revolverblatt drohen konnte.

          Neu war demgegenüber an #MeToo, dass außer der Macht reicher oder politisch gut vernetzter Tatverdächtiger, die ihre Taten verbergen können (zu ihnen gehörte bis vor kurzem etwa der Investmentbanker Jeffrey Epstein), auch andere Formen der Macht in die Kritik gerieten, nämlich solche, die nicht auf Geld und Duzfreundschaften mit Amtsträgern beruhen, sondern auf Charisma und kulturell-symbolischem Vermögen, also der Autorität der Lieblinge der Massen. Seit es eine Kulturindustrie gibt, wurde der Missbrauch solcher Macht zum Zweck sexueller Ausbeutung als „Teil des Spiels“ verharmlost, von der Casting-Couch bis zur Limousine des Plattenproduzenten.

          Als der #MeToo-Sturm auf diese schlechte Tradition seinen Höhepunkt erreichte, fürchteten skeptische Kommentare, das wertvolle Prinzip „im Zweifel für den Angeklagten“ sei erledigt, und provokatorischer Show-Radikalismus forderte im Gegenzug, dieses Prinzip tatsächlich zu verschrotten.

          Der Fall Kevin Spacey zeigt nun, dass es lebt: Wer jemanden nicht nur publizistisch verurteilt wissen will, sondern rechtskräftig, trägt nach wie vor die Beweislast. Einen tiefgreifenden Wandel der Produktionsbedingungen populärer und sonstiger Kunst, wie #MeToo ihn verlangt, verhindert dieser Grundsatz zum Glück nicht.

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