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Repression in Russland : Jetzt taugt sogar Iwan der Schreckliche als Vorbild

In Moskau: Gedenken an Stalins Opfer Bild: David Krikheli

Russland befindet sich in einem inneren Kriegszustand: Verbrecher und Diktatoren werden geehrt, Opfer von Stalins Terror verhöhnt, Künstler zensiert. Ein Besuch in Moskau.

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          Wer dieser Tage nach Moskau reist, den empfängt die russische Hauptstadt im latenten Kriegszustand. Der Kapitän der Aeroflot-Maschine beglückwünscht die Fluggäste zur Landung in der „Heldenstadt“ - dieser in sowjetischen Zeiten verliehene, seit Jahrzehnten nicht mehr gebräuchliche Ehrentitel würdigt die Verteidiger Moskaus im Zweiten Weltkrieg. Am Borowizki-Tor des Kremls, wo noch verhüllt die Kolossalstatue von Russlands Christanisierer, Fürst Wadimir, steht, die diese Woche eingeweiht werden soll, sind die gegenüberliegenden Hausfassaden patriotisch martialisch geschmückt. Auf einer Gebäudewand prangt eine Replik des sowjetischen Befreiersoldaten von Berlin Karlshorst, auf der anderen ein Doppelporträt der Heerführer Kusma Minin und Dmitri Poscharski, die Anfang des 17. Jahrhunderts polnisch-litauische Interventionstruppen aus dem Land vertrieben. In den Metrozügen vergegenwärtigen historische Fotos und Texte die opfer-, aber siegreiche Panzerschlacht bei Kursk. Die realen russischen Kriegsversehrten, die mit Tarnanzug über amputierten Gliedern in der Metro um Almosen betteln, wurden in anderen Kriegen verkrüppelt, in Tschetschenien oder der Ostukraine.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das jüngste spektakuläre Opfer in dem unerklärten Krieg gegen das slawische Nachbarland war der Rebellenführer Arseni Pawlow mit Kampfnamen Motorola, der kürzlich im Lift seines Wohnhauses im besetzten Donezk möglicherweise vom ukrainischen Geheimdienst in die Luft gesprengt wurde. Pawlow alias Motorola hatte es in seiner Heimat zu wenig gebracht. Aus dem nordrussischen Komi gebürtig und früh verwaist, ging er zur Armee, kämpfte in Tschetschenien und arbeitete als Autowäscher, bevor er in der Donezker Volksrepublik seine militärischen Talente, aber auch Grausamkeit bewies, indem er etwa verwundete Kriegsgefangene einfach erschoss. Doch nach seinem Tod schlug der kommunistische Duma-Abgeordnete Valeri Raschkin vor, Pawlow-Motorola in Moskau ein Denkmal zu setzen, und in einer ihm gewidmeten Fernsehsendung verteidigte der Journalist Artjom Schejnin, ein Afghanistan-Veteran, das Andenken des Freischärlers mit den Worten: „Auch ich habe getötet!“ Als sei es egal, ob jemand als Wehrpflichtiger oder als Freiwilliger in den Krieg zieht und welche Verbrechen er dabei begeht.

          Denkmal für den Zaren, der seine Untertanen umbringen ließ

          Ein exemplarisches Symptom für die Verherrlichung jeglicher Gewalttaten, wenn sie nur die Machthaber kurzfristig stärken, ist die neue Reiterstatue des Zaren Iwan des Schrecklichen in der von ihm gegründeten zentralrussischen Stadt Orjol. Dieses erste Denkmal für jenen Zaren, der seine Untertanen inklusive Geistlichen und eigenen Familienangehörigen in Scharen umbringen ließ, sein Land ausgeblutet und geschwächt zurückließ und die „Zeit der Wirren“ programmierte, kann kaum anders als Drohgebärde einer politisch bankrotten Machtelite verstanden werden. Zwei Argumentationslinien sind dabei zu verzeichnen: Kulturminister Wladimir Medinski verteidigt Iwan den Schrecklichen als Figur seiner Zeit. Er sei von Ausländern verleumdet worden, in Wahrheit aber nicht grausamer gewesen als damalige europäische Herrscher. Reaktionäre Subalterne wie der Erzpriester Wsewolod Tschaplin oder der stalinistische Schriftsteller Alexander Prochanow begrüßen den staatlichen Terror gegen Regimegegner ausdrücklich. Doch selbst Patriarch Kyrill, der noch unlängst Iwans Greueltaten verurteilte, und sogar der Rektor der Moskauer Staatsuniversität, Viktor Sadownitschi, loben das Denkmal, das den Sieg der Henker über die Opfer symbolisch besiegelt.

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