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Kommentar zu Putins Wahlsieg : Verehrung für den „Führer Russlands“

  • -Aktualisiert am

Erste Zielscheibe nach dem Wahlsieg: der Rockmusiker Andrej Makarewitsch, hier bei einem Auftritt Mitte Februar in Moskau Bild: Picture-Alliance

Eine russische Fernseh-Chefin findet glühende Worte für ihren Präsidenten, eine Sprecherin des Außenministeriums gegen einen regimekritischen Rockstar: Nach Putins Wahlsieg werden die Drohungen offener.

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          Das Ergebnis der russischen Präsidentschaftswahl mag von vornherein festgestanden haben, das Ausmaß der Zustimmung für den Langzeitstaatschef Wladimir Putin überstieg dann doch die Erwartungen. Mit mehr als 76 Prozent der Stimmen konnte Putin sein Ergebnis von vor sechs Jahren um mehr als dreizehn Prozentpunkte verbessern. Selbst in der vergleichsweise liberalen Hauptstadt Moskau, wo er damals auf weniger als 47 Prozent kam, erzielte er jetzt siebzig. Wahlfälschungen sollen stattgefunden, das Ergebnis aber nicht wesentlich beeinflusst haben. Es scheint das Gesetz autoritärer Staaten zu wirken, wonach die Bevölkerung desto treuer zur politischen Führung steht, je unfreier die Gesellschaft wird.

          So sieht das auch die Chefredakteurin von Russlands staatlichem Auslandsfernsehen RT, früher bekannt als „Russia Today“, Margarita Simonjan. Früher sei Putin bloß der Präsident gewesen, man habe ihn auswechseln können, twitterte Simonjan; nun sei er Russlands Führer, so die Fernsehchefin, die dabei das Wort „woschd“ benutzte, mit dem seit dem Zweiten Weltkrieg der Sowjetdiktator Stalin bezeichnet wurde. Und Putin auswechseln zu lassen, das würden „wir“ nicht zulassen, verkündete Simonjan, gleichsam eine neue Volksgemeinschaft beschwörend. Zugleich begrub sie verbal den Westen.

          Fünfzig Jahre lang hätten die Russen insgeheim oder offen wie die Leute im Westen leben wollen, erklärte Simonjan, die als Gymnasiastin im Rahmen eines Austauschprogramms in den Vereinigten Staaten studiert hat. Aber die inquisitorische Heuchelei des Westens habe dazu geführt, dass Russland diesen Westen und seine sogenannten Werte, wie Simonjan sich ausdrückt, nicht mehr respektieren könne. Und auch nicht diejenigen Russen, die vom Westen unterstützt würden und die sich im eigenen Land für westliche Werte einsetzten. Das ist eine offene Drohung gegen die liberale Opposition und eine Einladung an patriotische Propagandisten, unter ihnen Feinde Russlands auszumachen.

          Zur ersten Zielscheibe nach dem Wahlsieg wurde der Rockmusiker Andrej Makarewitsch, der Putins Ukraine-Feldzug kritisiert und den Korruptionsjäger Aleksej Nawalnyj unterstützt hat. Makarewitsch, der mit seiner Band „Zeitmaschine“ in Amerika weilt, hatte über die Staatspropaganda seines Landes gesagt, sie könne Menschen in bösartige Idioten verwandeln. Jetzt bestürmten ihn russische Reporter, die sich darüber erzürnten, dass Makarewitsch seine Landsleute „böse Idioten“ nenne. Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, sprach dem Musiker sogar per Facebook das Recht ab, seine putintreuen Landsleute weiter zu beleidigen.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

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