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Verdienen im Internet : Gehen Sie weg, und kommen Sie bald wieder

Meditiert und recherchiert täglich: Matt Drudge Bild: AP

Die Erkenntnis, dass die Zukunft des Journalismus im Internet liegt, ist nicht besonders originell. Wie aber stellt man sich auf diese Zukunft ein? Was sind Nischen, Links und Werbegelder wert? Harald Staun zu der Frage, wie sich im Internet guter Journalismus finanzieren lässt.

          Die Menschen spielten verrückt, vor ein paar Wochen, als Barack Obamas historischer Sieg feststand, sie tanzten, sie umarmten sich, sie lachten und – sie kauften Zeitungen. Sie standen Schlange, für eine Ausgabe der „New York Times“ oder der „USA Today“, sie gaben Geld aus für Nachrichten, die sie schon lange kannten, für News, die keine mehr waren. Es war ein großer Tag, für alle, die Zeitungen lieben, und wer noch einen Beweis brauchte, für die Gültigkeit des Mantras „Print wirkt!“, das nun auch schon seit ein paar Jahren dem prognostizierten Ende der gedruckten Zeitung mit lyrischen Beschwörungen der Sinnlichkeit des Papiers entgegenwirken soll, der schien ihn an diesem Tag bekommen zu haben. Nur leider taugen die Sonderauflagen des 5. November als Seismograph für das Wohlbefinden der Branche eher wenig, es sei denn, man hätte die Zielgruppe der Souvenirjäger bisher gigantisch unterschätzt.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Erkenntnis, dass die Zukunft des Journalismus im Internet liegt, ist nicht besonders originell, und trotzdem finden sich noch immer Kollegen, die all jene für Ketzer halten, die sich auf diese Zukunft einstellen – als handle es sich um eine Frage des persönlichen Geschmacks. Während die Apologeten des digitalen Publizierens kaum den Mund aufmachen können, ohne dass die Utopie einer neuen medialen Weltordnung herauskommt, hoffen die Papierfetischisten noch immer, sie müssten nur laut genug mit den Seiten rascheln, um Käufer und Anzeigenkunden anzulocken. Beunruhigender als die Einwände gegen den kalten Bildschirm aus der Abteilung Papeterie allerdings ist die allgemeine Ratlosigkeit darüber, wie sich Journalismus im Internet finanzieren lässt, möglichst sogar solcher mit Anspruch. Auch die größten Nostalgiker sollten arbeitshypothetisch zumindest die Möglichkeit nicht ausschließen, dass es sich dabei um die Frage handelt, wie sich Journalismus in Zukunft überhaupt noch bezahlen lässt. Dummerweise gibt es auf diese Frage nicht eine Antwort; es gibt Hunderte. Und deshalb auch ein paar Gründe, den Strukturwandel zur Abwechslung auch mal als Chance zu begreifen.

          1. Bezahlte Inhalte. Artikel ganz einfach an die Leser zu verkaufen: das wäre ganz sicher das überzeugendste und einfachste Geschäftsmodell. Ihm steht die Überzeugung entgegen, die Gratiskultur des Netzes wäre daran schuld, dass die verzogenen Internetnutzer nicht bereit sind, für das zu bezahlen, was es dort überall umsonst gibt: Texte und Bilder, Videos und Informationen, all das also, was Medienleute unter dem Begriff „Inhalte“ zusammenfassen (oder auch gerne: „Content“). Mal abgesehen davon, dass auch in dieser Interpretation das Ressentiment gegen das Medium steckt: Sie ist, erstens, nicht ganz richtig: Nicht nur das „Wall Street Journal“ macht mit „Premium“-Inhalten für Abonnenten auch online Umsatz, auch andere Informationsdienste sind mit Trend-, Markt- und Firmenanalysen erfolgreich. Ob das Modell auch jenseits des Finanzsektors funktioniert, will ab Januar die „Global Post“ ausprobieren, ein Netzwerk von 70 Auslandskorrespondenten, das unter anderem auf bezahlte Inhalte setzt, etwa den Verkauf von ausführlichen Länderdossiers. Zweitens aber ist nicht das Internet schuld an der schlechten Zahlungsmoral der Leser: Mit dem Verkauf von Artikeln ließ sich leider noch nie besonders gut Geld verdienen – auch nicht auf Papier. Gedruckte Zeitungen finanzieren sich zu etwa 85 Prozent durch Anzeigen – das ist die Rechnung, die im Internet nicht mehr aufgeht.

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