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Digital unterstütztes Lernen : Hundertzwanzig Seiten Verblödungslektüre

  • -Aktualisiert am

Der für Bildungszwecke programmierte Roboter „Miki“ neulich am Cebit-Stand des Bundesministeriums für Bildung und Forschung Bild: dpa

Die Robert Bosch Stiftung hat eine Studie mit dem Titel „Personalisiertes Lernen mit digitalen Medien“ veröffentlicht. Ihre Beschwörungen und Verheißungen zeugen von einer Realitätsferne, für die es nur eine Empfehlung gibt.

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          Während dieser Tage die Zeugnisse verteilt werden, Schüler und Lehrer sich müde und abgekämpft im Schuljahresendmodus befinden und nach Sommerfrische lechzen, lauert schon die nächste Bildungsexpertise vor der Tür. Ferien? In Zeiten digitaler Expansion ein frommer Wunsch! Zeigt sich diesmal so etwas wie kritische Urteilskraft, für die die empirische Bildungsforschung nicht gerade berühmt ist?

          Dem Titel nach könnte man es fast glauben: „Digitale Medien nicht unkritisch in Schule einsetzen“, rattert es kurz vor Schluss durch die Nachrichtenagenturen, was keine reißerische Botschaft ist, im nahenden Sommerloch aber doch eine gewisse Neugier zu wecken vermag. „Personalisiertes Lernen mit digitalen Medien“, überschreibt die Robert Bosch Stiftung ihre Studie mit dem bemerkenswerten Untertitel: „Ein roter Faden“. Neue Technologien übten oft „einen verführerischen Reiz“ aus, können wir dort lernen, und doch – oho! – sollten wir nie vergessen: Technik allein macht’s nicht!

          Man denke an all die ungesicherten Daten, die geringe empirische Sättigung bisheriger Nutzungserfahrungen, und überhaupt lautet die erste Leitlinie der Studie: „Die Pädagogik voranstellen“. Das klingt im Angesicht des digitalen Feldzugs gut (man wird als Leser von Bildungsstudien bescheiden und wagt schon gar nicht mehr zu hoffen, dass es vielleicht eines Tages auch wieder um Inhalte gehen könnte).

          Das also soll überstrapazierten Lehrern weiterhelfen

          Wenn man aber lesen muss, was die Damen und Herren sich unter Pädagogik vorstellen, ist man fast geneigt, der maschinellen Wissensimplementierung blind den Vorzug zu geben: Da gibt es höchst individualisiert (und natürlich auch visualisiert): Lernziel (warum?), Lernansatz (wie?), Lernpfad (was?), Lerntempo (wann?), Lernende und Lerngruppe (wer?) und Lernkontext (wo?). Und stets gilt die Devise: „Individualisierung und Digitalisierung synergetisch miteinander zu verbinden“. Schließlich geht es um „personalisiertes Lernen“, das mit digitalen Medien besonders effektiv umzusetzen sei. Selbst wenn die Technik nicht alles richten kann: kein Grund zur Panik, es gibt für alles eine Lösung! Es muss bloß die Bereitschaft bestehen, „Schule grundsätzlich zu verändern“, Lehr- und Stundenpläne zu reformieren und „zentrale Anstifter*innen des Wandels“ zu etablieren.

          Manchmal gibt es sogar eine Lösung für Probleme, die gar nicht bestehen, etwa wenn ein digitales Programm damit beworben wird, dass es Lehrkräfte, als könnten sie das nicht selbst und ohne Maschine womöglich sogar besser, in die Lage versetze, „den Lernfortschritt ihrer Schüler*innen zu überprüfen“. Und das also soll überstrapazierten Lehrern weiterhelfen, wenn sie nebenbei noch die Integration von Geflüchteten herbeizaubern, Inklusion verwirklichen, soziale Ungleichheit aufheben, mit einer desaströsen Infrastruktur zurechtkommen und der OECD phänomenale Testergebnisse präsentieren sollen? Kraft unserer nach 120 Seiten digitalisierter Verblödungslektüre verbleibenden Reste kritischen Urteilsvermögens bleibt angesichts einer solchen Realitätsferne nur noch die Empfehlung: Sommerfrische. Könnte sogar Bildungsforschern gut tun.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

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