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Weltmuseumsverband ändert viel : Planetares Wohlbefinden als Kompromissformel

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Museum per Definition: Auch im Bode-Museum sammelt, konserviert und interpretiert man. Aber reicht das? Bild: David von Becker

Weg vom „Forschen-Sammeln-Bewahren-Vermitteln“: Der Weltverband der Museen ICOM hat eine neue Museumsdefinition beschlossen. Er will inklusiver werden.

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          Die Erleichterung ist groß: Mit 92 Prozent der abgegebenen Stimmen haben die Mitglieder des Weltverbandes der Museen ICOM bei ihrer Generalkonferenz in Prag eine neue Museumsdefinition beschlossen und damit die bislang größte Krise des Verbandes beendet. Ausgelöst hatte sie 2019 die Frage, was ein Museum sei. Seit 1946 definiert ICOM in regelmäßigen Abständen, was es unter einem Museum und seinen Aufgaben versteht. In der Regel verändert es die bestehenden Definitionen behutsam. 2019 aber hatte der damalige Vorstand einen komplett neuen Text seinen Mitgliedern zur Abstimmung vorgelegt, der viel Kritik auslöste, bei der Abstimmung durchfiel und in der Folge zu einer Reihe von Rücktritten führen sollte.

          Etlichen Mitgliedern missfiel der latent museumskritische Grundton des damaligen Vorschlags, der von der Institution mehr Transparenz und Selbstreflexion erwartete und ihre Autorität relativierte. Zu verblasen erschienen einigen Kritikern darüber hinaus die großen Schlagworte von Menschenwürde, Demokratie, sozialer Gerechtigkeit und „planetary wellbeing“, für die Museen in der Verantwortung stünden. Dafür fand das Kulturerbe als Alleinstellungsmerkmal der Institution keinen Platz mehr im Definitionsvorschlag, der sich eher wie eine zukunftsgerichtete und stark wertegeleitete Vision für die Museen las und weniger wie eine Definition, die den Status quo beschreibt.

          Seitdem hat sich ICOM mit seinen Nationalkomitees und Arbeitsgruppen in­tensiv mit der Definitionsfrage beschäftigt, Diskussionsrunden organisiert und in einem ebenso aufwendigen wie technokratischen Beteiligungsprozess versucht, jene Begriffe und Themen zu finden, die für die Mitglieder wichtig sind. Das ist sehr ambitioniert für einen Verband mit rund 45 000 Mitgliedern aus mehr als 120 Ländern, der sich in 157 Komitees und Regionalallianzen gliedert und aus allen denkbaren Disziplinen zusammensetzt; ein Verband zudem, der alle Museen weltweit repräsentieren soll – kleine ehrenamtlich geführte Heimatmuseen genauso wie staatliche Nationalmuseen; Kunst-, ethnologische und Technikmuseen; Museen in Demokratien und Autokratien.

          Kein großer Wurf

          Vor diesem Hintergrund ist es wenig erstaunlich, dass die Revolution ausblieb und nun die Kompromissformel siegte. In ihrer englischen Originalversion (die deutsche Übersetzung soll demnächst folgen) lautet sie: „A museum is a not-for-profit, permanent institution in the service of society that researches, collects, conserves, interprets and exhibits tangible and intangible heritage. Open to the public, accessible and inclusive, museums foster diversity and sustainability. They operate and communicate ethically, professionally and with the participation of communities, offering varied experiences for education, enjoyment, reflection and knowledge sharing.“

          Dieser Text tut in liberalen Gesellschaften niemandem weh und verzichtet auf Reizworte wie Restitution, Dekolonisierung oder Deakzessionierung, also das Abgeben von Objekten aus den Sammlungen. Die inzwischen stark problematisierten Tätigkeiten des Sammelns und Bewahrens lesen sich hier wie neutrale Aufgaben, die Museen schlicht verrichten. Um die heißen Themen der Gegenwart, die die Museumsszene polarisieren und substantielle Zugeständnisse der In­stitution einfordern würden, macht der Text einen Bogen. Statt kritisch ist er eher affirmativ, schenkt der Institution, die er beschreibt, einen Vertrauensvorschuss. Ein großer Wurf sieht anders aus.

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