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Veganismus als Lifestyle : Unser Schrot und Korn gib uns heute

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An der Universität Hamburg entsteht gerade die erste quantitative soziologische Studie dazu. Pamela Kerschke-Risch, die das Projekt leitet, ließ 850 Veganer einen Fragebogen ausfüllen und begegnete so einer erstaunlich homogenen Gruppe: „Veganer sind eher jung, im Schnitt 32 Jahre alt, die Teilnehmer waren zu achtzig Prozent Frauen, sie hatten meistens höhere Bildungsabschlüsse. Fast neunzig Prozent leben erst seit weniger als fünf Jahren vegan. Durchweg sind sie über vegan lebende Freunde zum Veganismus gekommen.“

Videos aus Schlachthöfen

In Hamburg-Altona, auf einem ehemaligen Fabrikgelände, sitzt Nicole Just in der Abendsonne auf der Terrasse eines kleinen veganen Restaurants. Ihre vier Bände mit Rezepten sind im Verlag Gräfe und Unzer erschienen und haben sich mehr als 160.000 Mal verkauft. Sie wartet auf die Teilnehmer ihres Kochkurses. Die blankpolierte Kochinsel in der Mitte des Raums ist mit den Zutaten für ein Vier-Gänge-Menü dekoriert: Auberginen und Spitzkohl, Cashewkerne, Räuchertofu, Päckchen mit Mandel-, Hafer- und Kokosnusssahne. Nicole Just ist quasi die Quersumme aus der Hamburger Studie, der Prototyp des Veganers: Sie ist 32, hat einen Magister in Germanistik und entschloss sich vor genau fünf Jahren, vegan zu leben.

„Ich arbeitete damals neben meinem Studium in einer Internetfirma, eine Kollegin lebte vegan. Ich dachte: Warum macht sie das?“ Just ist in Mecklenburg-Vorpommern auf dem Land aufgewachsen, ihr Großvater war Metzger. „Ich war als Kind bei Hausschlachtungen dabei, Fleisch gehörte wie selbstverständlich zu meinem Speiseplan.“ Um die vegan lebende Kollegin zu verstehen, googelte Just „Massentierhaltung“ und stieß auf schockierende Videoclips aus Schlachthöfen.

Ria Rehberg von der Tierrechtsorganisation "Animal Equality" bei der Befreiung eines Huhnes aus einem Stall

„Massentierhaltung“, erzählt Pamela Kerschke-Risch in ihrem kleinen, mit Akten vollgestopften Büro im Hamburger Grindelviertel, „nennen vegan lebende Menschen als Hauptgrund für ihren Lebensstil.“ Es folgen in der Liste Klimaschutz und Gesundheit. „In der Studie sah man aber vor allem ein starkes Motiv, den Zeitgeist zum Anlass zu nehmen“, sagt Kerschke-Risch. Vegan lebende Freunde sind ausschlaggebend: „Es machen viele, und dann macht man’s auch.“ Viele, das sind nach Daten des Vegetarierbundes Deutschlands inzwischen 900.000. Zwischen 2007 und 2010 erschienen fünfzehn vegane Kochbücher in Deutschland. Allein 2014 waren es bis August schon 77. Zeitschriftenverleger nehmen inzwischen von Vegetarier-Magazinen Abstand, denn kaum noch jemand wird erst einmal Vegetarier - man wird eher sofort vegan.

Lederimitat aus Plastikflaschen

Nicole Just räumte den Kühlschrank und die Vorratsschränke frei von allen tierischen Produkten, „veganisierte“ die alten Rezepte, die sie seit ihrer Kindheit mit der Oma gemeinsam gekocht hatte, und entwickelte neue. Bald gründete sie den Blog „Vegan sein“, um ihre Rezeptideen mit anderen zu teilen. „Ich glaube, die Zeit war einfach reif“, sagt Pamela Kerschke-Risch. „Wir haben heute Kommunikationsstrukturen, die passend sind. Links von Filmen über Massentierhaltung können schnell bei vielen Menschen zu einem Aha-Erlebnis führen. Über Foren und Blogs bekommt man Rezepte und Tipps, man muss nicht mehr als Insider zu bestimmten Jugendbewegungen gehören.“

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