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Vandalismus in Berlin : Ein Angriff auf die Museen schlechthin

  • -Aktualisiert am

Friederike Seyfried, Direktorin des Ägyptischen Museums und der Papyrussammlung, zeigt einen Ölfleck am Deckel eines Steinsarkophags. Bild: Getty

Brüchiger Konsens: Was der Anschlag auf der Berliner Museumsinsel über den Umgang mit unserem kulturellen Erbe erzählt.

          3 Min.

          Was bedeutet die Attacke auf die Berliner Museumsinsel? Gibt es ein Programm, eine Ideologie, eine Botschaft hinter der Tat, bei der knapp siebzig Statuen, Stelen, Sarkophage und Gemälde in vier verschiedenen Museen anscheinend wahllos mit Speiseöl übergossen wurden?

          Auch drei Wochen nach dem Vorfall und fünf Tage nach dessen öffentlicher Enthüllung tappen die Ermittler des Landeskriminalamts im Dunkeln. Der oder die Täter haben kein Bekenntnis hinterlassen, kein Video gepostet oder irgendeine andere brauchbare Spur hinterlassen. Mit anderen Worten: Sie haben ihre Tat nicht signiert.

          Der Anschlag ist keine Kunstaktion und kein kulturelles Statement. Er richtet sich auch nicht gegen ein bestimmtes Museum oder eine bestimmte Sorte von Objekten – sonst würde sich die Spur der Zerstörung nicht so ungezielt vom Pergamon-Panorama über das Pergamonmuseum und das Neue Museum bis zur Alten Nationalgalerie ziehen.

          Ein Angriff auf die Museen schlechthin

          Nein, die Ölspritzerei von Berlin ist ein Angriff auf die Museen schlechthin. Sie gilt viel weniger den einzelnen Exponaten als dem Status, den sie genießen: dem Begriff des Musealen. So wie in dem Wort „Museum“ die Musen mitklingen, die antiken Schutzgöttinnen der Künste, so steht auch sein Inhalt, die Gesamtheit seiner Schätze, unter Schutz – allerdings nicht unter dem höherer Wesen, sondern unter der weltlichen Fürsorge der Gesellschaft und des Staates.

          Die Grundlage dieser Fürsorge ist der allgemeine Konsens, dass die Museen etwas aufbewahren, das für die Menschheit als Ganzes wertvoll ist – ihr kulturelles Erbe, die Spur ihrer geschichtlichen Existenz, die Hinterlassenschaft all der Generationen, die seit dem Beginn der Menschwerdung den Ausdruck ihres Daseins in die Dinge eingeschrieben haben.

          Brüchiger Konsens übers Kulturerbe

          In jüngster Zeit ist dieser Konsens brüchig geworden. Das liegt zum einen an den verschiedenen postmodernen und postsozialen Bewegungen, die das Museale zum Objekt ihrer jeweiligen Identitätspolitik machen – den Gender-Aktivistinnen, die den „männlichen Blick“ in der Kunst bekämpfen, den postkolonialen Interessengruppen, welche die Exponate für ihre Ethnie, ihr Herkunftsland oder schlicht als Entschädigungsmasse für historische Ungerechtigkeiten beanspruchen, den multikulturellen Pädagogen, die das Staunen über die Fremdheit des Artefakts durch „niedrigschwellige“ Deutungsangebote ersetzen wollen – und zum anderen an unserem veränderten Verhältnis zu Bildern.

          Seit das Smartphone seinen Siegeszug angetreten hat, kann praktisch jeder das Kulturerbe in den Museen als Fotodatei mit nach Hause nehmen. Das hat den auratischen Wert einiger weniger Kunstwerke und Orte – die Mona Lisa, die Sixtinische Kapelle, die Pietà im Vatikan, der Taj Mahal – in unvorstellbare Höhen getrieben, zugleich aber die Hemmschwelle gegenüber den Artefakten insgesamt gesenkt.

          Sinkende Hemmschwelle

          Wer ein Gemälde, ein Relief, eine Skulptur fotografiert, verleibt sie sich ein. Das Abgebildete ist zugleich Trophäe und Erinnerungsstück, es markiert den Weg des Besuchers und den Moment der Wahrnehmung: Seht her, das habe ich hier und heute gesehen! In der Abfolge der erbeuteten Bilder entsteht die Illusion eines eigenständigen Blicks.

          Der Attentäter von Berlin ist den Weg eines gewöhnlichen Museumsbesuchers gegangen. Er hat den Ägyptischen Saal im Neuen Museum wie bei einem normalen Rundgang von der Nordseite her betreten und fünf verschiedene Exponate in Hüfthöhe mit Öl bespritzt, bevor er den Saal durch den Südausgang wieder verließ.

          Dass das Wachpersonal davon nichts bemerkt und die wenigen Überwachungskameras nichts Verwertbares aufgezeichnet haben, ist ein Skandal, der bei den Staatlichen Museen zu Berlin hoffentlich Konsequenzen haben wird.

          Skandalöse Sicherheitsvorkehrungen

          Ebenso beunruhigend aber ist die Tatsache, dass auch keinem der dreitausend Besucher, die am 3.Oktober auf der Museumsinsel unterwegs waren, etwas aufgefallen ist. Die Tat fand unterhalb der Wahrnehmungsschwelle statt, im Graubereich der Übergriffigkeiten, an die wir uns gewöhnt haben.

          Die Kunst, die Kultur gehört allen, das ist der Kern unseres Museumsbegriffs. Das Berliner Attentat zeigt, dass in diesem „Gehören“ eine Gefährdung steckt. Wenn die Kultur allen gehört, kann sich jeder Einzelne an ihr vergreifen.

          Man muss nicht den Sektierer Attila Hildmann und seine Tiraden gegen den Pergamonaltar als „Thron Satans“ bemühen, um zu erkennen, dass der Druck auf das kulturelle Erbe in den Museen zugenommen hat.

          Es wird Zwecken dienstbar gemacht, von denen seine Schöpfer nichts ahnen konnten, und in Konsumformen überführt, die seinen Eigenwert beschädigen. Um das Museale vor Vandalismus zu schützen, ist mehr vonnöten als ein schärferes Sicherheitskonzept. Es braucht ein Bewusstsein dafür, wie verletzlich die geschichtliche Hinterlassenschaft der Menschheit ist, wie leicht zerstörbar, wie selten und wie wenig ewig.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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