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Kolumne „Import Export“ : Tellkamps Jammern

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Der Schriftsteller Uwe Tellkamp an der Schreibmaschine Bild: ZDF und Christ Valentien

Obwohl sein neuer Roman große mediale Aufmerksamkeit genießt, wird Uwe Tellkamp nicht müde, sich als Opfer der Cancel Culture zu begreifen. Wie kann das sein?

          3 Min.

          Es gibt diese Medienereignisse, für die man sich eigentlich nicht interessiert – man ist mit anderem beschäftigt, etwa damit, die großartigen Gedichte der belarussischen Lyrikerin Valzhyna Mort zu lesen. Ereignisse, für die man keine Zeit hat, über die man eigentlich gar nichts wissen will und die man dennoch mitbekommt. Die live gestreamte Schlammschlacht von Johnny Depp und Amber Heard vor Gericht ist zum Beispiel so ein Ereignis. Man weiß, wie viele Flaschen geflogen sind, wer wen wegen was verklagt. Und dann sagt auch noch die Inselmanagerin aus (ja, es gibt wirklich Leute, die Inselmanager haben).

          Ein anderes Medienereignis, diesmal in Deutschland, ist der neue Roman von Uwe Tellkamp, der „Schlaf in den Augen“ oder so. Man schwört sich, man wird das nicht anrühren – keine Zeit dafür. Aber die Zeitungen sind voll damit, die Internetgemeinde rastet aus. Und dann ist da noch der 3sat-Dokumentarfilm „Der Fall Tellkamp. Der Streit um die Meinungsfreiheit“. Mitternacht ist vorbei, zu groß die Neugier, zu klein die Impulskontrolle. Was hat der vermeintlich gecancelte Tellkamp nun jetzt schon wieder von sich gegeben? Neunzig Minuten lang sieht man Tellkamp dabei zu, wie er zu Klaviergeklimper auf der Schreibmaschine herumtippt, Papierkladden herumträgt, an der Elbe entlangspaziert und jammert, sehr viel jammert. Über die sogenannte Verengung der Meinungskorridore, man dürfe ja gar nichts mehr sagen (was sollen da erst Autoren aus tatsächlichen Diktaturen wie Syrien, Russland oder China sagen?); über die deutsche Medienlandschaft (alles dasselbe, von taz bis F.A.Z.); über die armen indigenen Ostdeutschen – hat er wirklich „indigene“ gesagt? Ja, hat er – und damit meint er wohl nicht die Sorben, von denen der Name der Stadt Dresden (altsorbisch Drežďany) stammt und die von den Nazis zwangsgermanisiert wurden.

          Widerspruch ist nicht gleich Zensur

          Nein, er meint damit die Ostdeutschen, die von den Westdeutschen kolonisiert worden seien und die Tellkamp in seinem Villenviertel überall nerven, sogar an der Käsetheke. Man werde gnadenlos fertiggemacht, wenn man nur hier und da anderer Meinung sei, etwa, was Flüchtlinge oder den Islam betrifft. Oder wenn man, wie seine gute alte Freundin „Susie“ – die Buchhändlerin Susanne Dagen – mit Rechten wie Ellen Kositza oder Martin Sellner Youtube-Literatur-Shows veranstalte. „Wir werden ja eigentlich behandelt, als wären wir Verbrecher“, sagt Tellkamp. Alles in allem ist das, was Tellkamp in 90 Minuten von sich gibt, nicht besonders originell, es ist manchmal ein bisschen Stammtisch – „weltoffen, das ist doch ein Gully, da fließt alles rein“ –, es ist viel (ost-)deutsche Identitätspolitik und Geschichtsvergessenheit, wenn man sich, was den Stand der Meinungsfreiheit betrifft, fast schon in der DDR wähnt.

          Ronya Othmann
          Ronya Othmann : Bild: Kat Menschik

          Und es ist Opfertum, ganz viel Opfertum. Dieses Opfergetue ist keine Tellkamp’sche Spezialität, man kennt es von Rechten, die sich im Widerstand zu einem vermeintlich links-grünen politisch-kulturellen Mainstream wähnen. Man kennt es aus Sachsen, von Bürgermeistern zum Beispiel, die allein das Sprechen über AfD-Wahlergebnisse, Neonazis oder radikale Impfgegner als „Sachsen-Bashing“ abtun und den schlechten Ruf mehr zu fürchten scheinen als brennende Flüchtlingsunterkünfte. Man kennt es aber auch von Islamisten, die Kritik an ihren legalistischen Strukturen gleich zu Rassismus erklären. Vieles, was Islamisten und Rechte den lieben langen Tag so von sich geben, ist von der im Grundgesetz in Artikel 5 gewährten Meinungsfreiheit gedeckt. Das ist zwar nicht schön, trotzdem richtig, bedeutet aber nicht, dass alles gesellschaftlich unwidersprochen bleiben muss. Kritik ist nicht Hass und Hetze, und Widerspruch nicht gleich Zensur und DDR 2.0.

          Der Fairness halber muss man sagen: Nicht jedes Mittel der Kritik ist angemessen. Und nicht alles, was in deren Namen geschieht, ist noch Kritik. An einer Stelle im Film ist von einem Buttersäureanschlag auf Dagens Buchhandlung die Rede. Ein solcher Angriff ist in etwa so daneben und sinnlos wie jener 2021 auf die Ditib-Moschee im Leipziger Osten und bestärkt am Ende nur die Angegriffenen in ihrem selbst gewählten Opfer-Narrativ.

          Zurück zum Film. Irgendwann sagt Tellkamp, in der grünen Elblandschaft spazierend, ganz aufgebracht: „Das ist für mich keine in diesem Sinne funktionierende Demokratie mehr, wie ich sie seit 1990 habe kennenlernen dürfen, die immer mein Ziel gewesen ist, zu der ich immer hinwollte.“ So glühend er auch die Demokratie zu lieben scheint, so wenig scheint er tatsächlich mit ihr klarzukommen, wenn es etwa Kritik gibt oder Widerspruch. Es ist zwar eine Binse, aber eine lebendige Demokratie bedeutet, Streit aushalten zu müssen. Am Ende kommt Tellkamp noch auf seinen neuen Roman zu sprechen, der, auch wenn es zuvor anderweitige Gerüchte gab, bei Suhrkamp erschienen ist. Ein Roman, der in den Feuilletons rauf und runter besprochen wurde, für den Tellkamp lange Interviews gab und der in der ersten Woche weit oben auf Platz 3 der „Spiegel“-Bestsellerliste eingestiegen ist. Auch wenn es sie zweifellos gibt, Cancel Culture sieht anders aus.

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