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Usbekistans Denkmäler : Welterbe – von Bulldozern zertrümmert

  • -Aktualisiert am

Medrese von Khiva, 2019 Bild: Tilman Spreckelsen

Das sich modernisierende Usbekistan zerstört seine Denkmäler und ersetzt sie durch Imitate. Man hofft auf Touristen, und die sollen nur vorzeigbare Gebäude sehen. Jetzt regt sich Widerstand. Ein Gastbeitrag.

          5 Min.

          Kulturgeschichtlich Interessierte sollten Usbekistan besuchen, und zwar solange es sich noch lohnt, wie man leider mit Blick auf das baukulturelle Erbe dieses zentralasiatischen Landes hinzufügen muss. Dabei geht es nicht um akademische Feinheiten in Fragen der richtigen Restaurierung, sondern um die Grundlagen internationaler Vereinbarungen, wie sie der Internationale Rat für Denkmalpflege Icomos in zahlreichen Dokumenten festgehalten hat. Denn in den vergangenen Jahren hat der Bulldozer sich zum Mittel der Wahl bei Instandsetzungsvorhaben entwickelt. Nach dem Abbruch tritt an die Stelle des Denkmals ein Simulakrum, welches das Original grob imitiert – der Mangel an Gemeinsamkeiten fällt auch dem ungeübten Blick schnell auf. Erprobt wurde dieser Ansatz in der usbekischen Hauptstadt Taschkent, als man den aus der russischen Kolonialzeit stammenden Backsteinbau des Kaufmann-Kinderheims im Sommer 2017 zerstörte und an prominentester Stelle, direkt an der Flaniermeile im Stadtzentrum, „wiederherstellte“, wie noch immer am Neubau zu lesen ist.

          Dieser weist gewisse Ähnlichkeiten mit dem Original auf, doch weder Geschossigkeit noch Materialität noch der innere Aufbau stimmen mit dem von der Denkmalliste verzeichneten Bau von 1917 überein. Von den jedem historischen Bau eingeschriebenen Spuren und Details der Nutzungsgeschichte ganz zu schweigen. Ein ähnliches Schicksal erfuhr das in der Nähe der Provinzhauptstadt Nukus gelegene Mausoleum Schamun Nabi aus dem 13./14. Jahrhundert: An seiner Stelle steht seit Mitte letzten Jahres ein ähnlicher Neubau.

          Vermarktete Altstädte

          Seit dem Regierungswechsel im Jahr 2016 erlebt Usbekistan vielerlei Reformen und Liberalisierungen, ein öffentlicher Dialog und Kritik in den Online-Medien sind möglich geworden. Die hauptsächlich auf eine Belebung der Wirtschaft abzielenden Maßnahmen führten zu einem Bauboom in den Städten, Einreiseerleichterungen sollen den Tourismus zu einer wichtigen Einnahmequelle des Landes entwickeln, nicht zuletzt angetrieben von verheißungsvollen Versprechungen der Unesco. Welche Auswirkungen die dadurch suggerierten Verdienstmöglichkeiten auf das Kulturerbe eines Landes haben, das in den neunziger Jahren die Institutionen der Denkmalpflege, darunter das auf internationalem Niveau arbeitende Institut für Restaurierung und Konservierung, entweder geschlossen oder in die Bedeutungslosigkeit verbannt hat, zeigt sich nun leider in den als touristische Highlights vermarkteten Altstädten.

          Der aus der russischen Kolonialzeit stammende Backsteinbau des Kaufmann-Kinderheims wurde im Sommer 2017 zerstört und an prominentester Stelle, direkt an der Flaniermeile im Stadtzentrum, „wiederhergestellt“.
          Der aus der russischen Kolonialzeit stammende Backsteinbau des Kaufmann-Kinderheims wurde im Sommer 2017 zerstört und an prominentester Stelle, direkt an der Flaniermeile im Stadtzentrum, „wiederhergestellt“. : Bild: Jens Jordan

          Das vor zehn Jahren noch etwas verschlafen wirkende Samarkand, seit 2001 Weltkulturerbe, wurde im Sinne einer „städtischen Purifizierung“ der Zeugnisse der Sowjetmoderne – beispielsweise des Historischen Museums im Zentrum – beraubt. Die Stadtquartiere entlang der Hauptstraßen wurden abgebrochen, um Platz für vierspurige Straßen zu schaffen. Die Anwohner wurden vor die Wahl gestellt, entweder ein zweigeschossiges Gebäude mit kommerzieller Nutzung im Erdgeschoss zu errichten oder enteignet zu werden.

          Hierbei geht es dann nur um die Höhe der Kompensation für die Bauwerke, da Grund und Boden grundsätzlich in Staatsbesitz sind. Die Anwohner blieben überwiegend stur und eröffneten ein Geschäft neben dem anderen, die Potemkinschen Obergeschosse wurden jedoch nur straßenseitig errichtet – hinter den Fenstern strahlt der Himmel Zentralasiens. Durch den so herbeigerufenen Verkehr wird die Atmosphäre vormals abgeschiedener, ruhiger Orte der Zusammenkunft wie Teehaus, Quartiermoschee oder Wasserbecken erheblich beeinträchtigt. Die bekannten Medresen wurden von den sie umgebenden Stadtquartieren mit Sichtschutzmauern abgeschirmt, die ein die mittelalterlichen Denkmäler imitierendes Fliesendekor ziert – eine Unterscheidung ist für den Besucher mitunter schwierig. Verbindungswege wurden von Souvenirgeschäften derart eingerahmt, dass sie die Verbindung zu den Wohnquartieren einschränken.

          Stadtquartiere entlang der Hauptstraßen wurden wie hier in der Pendjikent-Strasse abgebrochen, um Platz für mehrspurige Straßen zu schaffen.
          Stadtquartiere entlang der Hauptstraßen wurden wie hier in der Pendjikent-Strasse abgebrochen, um Platz für mehrspurige Straßen zu schaffen. : Bild: Jens Jordan

          In den als touristisch verwertbar angesehenen Städten übernimmt die oberste Denkmalbehörde eine Vorauswahl für den Besucher. Ihrer Meinung nach vorzeigbare, vollständig mit glänzender Oberfläche neu dekorierte, mitunter frei erfundene Monumentalbauten werden von den sie umgebenden Altstädten abgetrennt. Die traditionellen Viertel aus schlichten, zur Straße geschlossenen Hofhäusern, errichtet aus „veralteten Materialien“ wie Holzfachwerk und Lehm, gelten als nicht repräsentativ genug und beschämend für das sich modernisierende Land.

          In Shakhrisabz, einer weiteren Welterbestadt, führten die „Maßnahmen zur touristischen Entwicklung“ zu der äußerst selten ausgesprochenen Empfehlung von Icomos, die Stätte aus dem Verzeichnis des Welterbes zu streichen. Der für die Aufnahme in die Welterbeliste erforderliche „außergewöhnliche universelle Wert“ beruhte, wie aus den im Internet verfügbaren Dokumenten klar hervorgeht, auf der im Stadtgrundriss ablesbaren Entwicklung um einen befestigten Siedlungskern, dem darum angelegten Rechteck mit seinem orthogonalen Straßenraster und den in Resten erhaltenen Großbauten der Timuriden aus dem 15. Jahrhundert. Shakhrisabz war ein einmaliges Beispiel zentralasiatischer Stadtentwicklung. Dennoch wurde eine Schneise durch das Zentrum der Altstadt geschlagen, die heute von Hotels und anderen touristischen Nutzbauten flankiert wird. Zwischen diesen und einer neu errichteten „Stadtmauer“ bleiben die Reste der Wohnquartiere unsichtbar und unzugänglich. Die Stadtstruktur mit ihrer Geschichte ist nicht mehr wahrnehmbar.

          Durch die Altstadt von Shakhrisabz, ein einmaliges Beispiel zentralasiatischer Stadtentwicklung, wurde eine Schneise geschlagen, die heute von Hotels flankiert wird.
          Durch die Altstadt von Shakhrisabz, ein einmaliges Beispiel zentralasiatischer Stadtentwicklung, wurde eine Schneise geschlagen, die heute von Hotels flankiert wird. : Bild: Jens Jordan

          Bei der letztjährigen Sitzung des Welterbekomitees trug der Vertreter Usbekistans dort eine Erklärung vor, nach der es sich ausnahmslos um „notdürftige Häuser ohne ingenieurtechnische Infrastruktur, ohne Zugang zu Trinkwasser, Energie- oder Gasversorgung und in schlechtem sanitärem Zustand“ gehandelt habe; man habe die Lebensbedingungen der Bewohner durch ihre Umsiedlung verbessern müssen. Zwar wurde ein Großteil der Bauwerke vermutlich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erneuert, jedoch werden die Höfe seit Generationen von den dort lebenden Familien bewohnt, ihre grundsätzliche Konzeption ist somit überliefert. Eine ähnliche Situation findet sich in der dritten Welterbestadt Chiwa: Deren ummauerter Stadtkern ist zwar noch erhalten, die umgebenden Wohnquartiere stehen jedoch unter erheblichem Druck. Den Dokumenten des Welterbezentrums ist zu entnehmen, dass seit 2012 die Einrichtung einer Pufferzone für das Welterbe angemahnt wurde. Bis 2016 gab es keine Reaktion, dann folgte auch hier ein großflächiger Abriss der traditionellen Stadtquartiere in der unmittelbaren Umgebung.

          Prototyp einer erneuerten Stadt

          Buchara, die vierte Welterbestadt Usbekistans, verliert seit einigen Jahren ihre authentische Atmosphäre und verwandelt sich schrittweise in einen sterilen Freizeitpark. Hotelneubauten verdrängen auch hier die traditionellen Wohnhäuser, einige der großartigen Fachwerkbauten sind nicht mehr bewohnbar und verfallen. Baustellen in der Umgebung der Medresen und das Durchfahren von schwerem Gerät führten etwa zum Teileinsturz der Abdulazis-Khan-Medrese, eines der letzten Bauten, die bisher einer Totalrekonstruktion entgangen sind.

          Zu Sowjetzeiten wurde Taschkent als Prototyp einer erneuerten Stadt für sozialistische Länder des Südens besondere Aufmerksamkeit zuteil. Im Rahmen von Festivals und Messen sollte hier einem internationalen Publikum die Überwindung der als schwierig proklamierten Lebenswirklichkeit der alten Stadt präsentiert werden. Zeugnis jener Zeit war das Haus der Filmkunst mit den herausragenden Wandmalereien von Bakhodir Jalalov, das Ende 2017, zusammen mit dem Pionierspalast und zwei noch verbliebenen Altstadtvierteln, abgerissen wurde, um – abermals nach Moskauer Vorbild – Platz für das neue Businesszentrum „Taschkent City“ zu schaffen. Dass es gelang, die Quartiermoschee mit ihren einmaligen Jugendstilelementen inmitten der neuen Glaspaläste zu erhalten, stellt möglicherweise einen Wendepunkt in der Denkmalpflege des Landes dar.

          Nach harten Auseinandersetzungen wurde unlängst ein Wohngebäude aus der Zeit der jungen Sowjetunion unter Schutz gestellt, das Merkmale der Kolonialzeit und des Neuen Bauens in sich vereint. Bauten des experimentellen Wohnungsbaus, die zweifellos von internationaler Bedeutung sind, sollen nach dem neu aktivierten Willen der Denkmalinspektion folgen. In Buchara werden, nach der voreiligen Zerstörung des Basars, nun erstmals die Auswirkungen der Neubauten auf den Bestand untersucht. Auch einige Ideen für den neuen Masterplan für Samarkand geben Anlass zu Hoffnung.

          Gegenwärtig befindet Usbekitan sich in einem Schwebezustand. Auf der einen Seite stehen immense Verluste und Pläne, ganze Architekturepochen – von der Taschkenter Altstadt über Zeugnisse der Kolonialzeit, des Neuen Bauens, des Neoklassizismus mit orientalischer Einfärbung bis zur Sowjetmoderne – unwiederbringlich zu tilgen, wobei die Räumungsklagen bereits eingereicht sind. Auf der anderen Seite emanzipiert sich die Denkmalpflege langsam, zu langsam, denn sie agiert fast ohne Fachpersonal und ohne Befugnisse. In welche Richtung das Pendel ausschlagen wird, dürfte sich in naher Zukunft zeigen.

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