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Für Gold bei Olympia 1936 : Ein Baum von Hitler

Cornelius Johnsons Nazieiche von 1936 heute auf dem Hobart Boulevard in Los Angeles. Bild: nma

Als Cornelius Johnson 1936 in Berlin eine Goldmedaille gewann, schenkten ihm die Nazis eine Eiche. Sie steht noch heute in Los Angeles und ist ein Symbolort des Triumphs über weißen Rassenhass. Ein Besuch.

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          In Los Angeles steht, auf dem Grundstück eines alten Holzbungalows am Hobart Boulevard, ein seltsamer Baum. Unten an der Kreuzung wehen Hibiskusblüten über die verblichene gelbe Straßenmarkierung. Die meisten Bäume hier sind Palmen mit eleganten, endlosen Stämmen, deren Blätter sich in atemberaubenden Höhen im Wind bewegen. Der Baum ist das Gegenteil: Er steht wie eine verwirrte Person mit abstehenden Haaren im Hinterhof des Hauses, die Arme ratlos in alle Richtungen ausgestreckt.

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

          Das Haus wurde 2019 verkauft, aber als sich herumsprach, dass der neue Besitzer es abreißen und auch den mittlerweile unter Wassermangel leidenden Baum absägen könnte, gab es Proteste, sogar die „New York Times“ berichtete, denn der Baum ist kein normaler Baum. Er stammt aus Deutschland. Er ist ein Geschenk der Nationalsozialisten, die ihn aber nur grollend herausrückten an Cornelius Johnson, den afroamerikanischen Superstar des amerikanischen Teams, das in Berlin bei den Olympischen Spielen antrat.

          Es gibt ein Bild von Johnson vom 2. August 1936, da ist er gerade 22 Jahre alt und steht in Berlin im Olympiastadion auf dem Podest. Es ist der erste Tag der Spiele. Johnson steht ganz oben, neben ihm stehen Delos Thurber, der eine Bronzemedaille, und Dave Albritton, der Silber im Hochsprung gewonnen hat; beide wie Johnson aus dem amerikanischen Team. Sie tragen Sweatshirts, wie sie eigentlich erst in den Achtzigerjahren populär wurden, auf allen dreien steht in Großbuchstaben U.S.A., wie ein Menetekel.

          Der US-amerikanische Hochspringer Cornelius Johnson überspringt am 05.08.1936 bei den XI. Olympischen Sommerspielen in Berlin die Qualifikationshöhe von 1,85 m im Trainingsanzug. Er wird schließlich mit 2,03 m Olympiasieger.
          Der US-amerikanische Hochspringer Cornelius Johnson überspringt am 05.08.1936 bei den XI. Olympischen Sommerspielen in Berlin die Qualifikationshöhe von 1,85 m im Trainingsanzug. Er wird schließlich mit 2,03 m Olympiasieger. : Bild: Picture Alliance

          Albritton hatte die Zweimetermarke übersprungen, mit einer neuen Technik, dem sogenannten Straddle-Stil. Dann kam Johnson, der den üblicheren Western-Roll-Stil springt: 2,07 Meter, Weltrekord, Goldmedaille. Am ersten Tag der Spiele stehen zwei Afroamerikaner auf dem Podium in einem Land, dessen Führer an die Überlegenheit der weißen Rasse glaubt. Hitler, der die bisherigen weißen Medaillengewinner des Tages in seiner Ehrenloge empfangen hatte, ist gegangen; wenig später beschließt die NS-Führung, nur noch deutsche Gewinner in der Loge zu empfangen. Das Foto zeigt, dass Johnson nicht nur eine Medaille überreicht bekommen hat, sondern auch eine kleine Eiche im Topf. Jeder Goldmedaillengewinner bekommt 1936 in Berlin eine, als Erinnerung an die vermeintlich deutschen Tugenden, Stärke und Unbeugsamkeit.

          Eine Goldmedaille hilft nicht

          Für den blonden Nazifunktionär, den man auf dem Foto auch sieht und der dort grimmig seinen Arm zum Hitlergruß emporreißt, ist der Anblick sicher schmerzhaft: Die gute deutsche Eiche, und noch dazu eine so schöne, junge, in den Händen eines afroamerikanischen Sportlers, der besser war als alle Arier, die man aufzubieten hatte. Western Roll statt White Supremacy. In Amerika wird Cornelius Cooper „Corny“ Johnson als Held gefeiert. Am 28. August, am Ende des heißen Olympiasommers, feiert er seinen 23. Geburtstag. Er kehrt nach Amerika zurück, doch Präsident Roosevelt empfängt, wie die „New York Times“ berichtet, nur die weißen Athleten im Weißen Haus; auch eine Goldmedaille hilft nicht gegen die gängige Diskriminierung. Den kleinen Baum pflanzt Johnson im Hinterhof seines Elternhauses ein. Nach dem Ende seiner Profikarriere arbeitet er bei der Post und der Marine. 1946 stirbt er, erst 33-jährig, an einer Lungenentzündung auf See.

          2019 wird sein Haus von den mexikanischstämmigen Eigentümern verkauft, die es einst von Johnsons Familie übernommen hatten. Ein Nachbar alarmiert den Künstler Christian Kosmas Mayer, der die Geschichte des Baums während eines Stipendiums in Los Angeles für eine Arbeit recherchiert und bekannt gemacht hatte. „Ich habe mich mit Susan Anderson, einer Kuratorin des California African American Museum, zusammengetan“, sagt Mayer, als wir mit ihm sprechen. Ein mögliches Szenario bestand darin, den Baum vor das Museum zu setzen und so vor dem Abriss zu retten. „Baumexperten sagten, die Chancen, dass er überlebt, lägen bei 50 Prozent, die Kosten bei einer Million Dollar“, sagt Mayer. Doch das war nicht nötig: Die Cultural Heritage Commission von Los Angeles hat auf sein Betreiben in der vergangenen Woche beschlossen, Haus und Baum als „Historic Cultural Monument“ anzuerkennen.

          Der Eigentümer will die so geschützte Immobilie jetzt schnell wieder loswerden; der Los Angeles Neigh-borhood Land Trust und andere Institutionen wie die LA 84 Foundation sammeln Geld, um den Ort auch offiziell zu dem zu machen, was er unerkannt immer schon war, eine Gedenkstätte und ein Symbolort des Triumphs über weißen Rassenhass.

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