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Urheberrecht : Als wären Autoren und Verleger Gegner

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Vom Schreibtisch des Schriftstellers – hier der Arbeitsplatz von Astrid Lindgren – bis zum Buchhandel ist es für ein Manuskript ein weiter Weg. Bild: dpa

Die Urheberrechtsnovelle soll die Autoren stärken – doch das ist ein Trugschluss. Im belletristischen Buchgeschäft schadet sie allen Beteiligten. Es droht die Entsolidarisierung von Autoren und Verlegern. Ein Gastbeitrag.

          Unterhält man sich in diesen Tagen mit Verlegern aus dem Ausland, kommt irgendwann auch das Thema Urheberrecht zur Sprache. Der derzeit diskutierte Versuch einer Reform des Urheberrechts, in dessen Mittelpunkt ein unveräußerliches Rückrufrecht fünf Jahre nach Manuskriptabgabe besteht, stößt bei den ausländischen Kollegen in Literaturverlagen auf Unverständnis: Wie könne man auf dieser Basis in Zukunft zusammenarbeiten?

          Wie bisher, sage ich als Verleger („Verwerter“), der mit seinen Autoren über Jahre zusammenarbeitet, bei jedem neuen Manuskript mit den Autoren bangt und mit den Kollegen von Presse und Lizenzen alles unternimmt, den Büchern im Inland und Ausland Aufmerksamkeit zu verschaffen. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Genauso kann man auf die Frage, wie man dann noch zusammenarbeiten soll, auch antworten: gar nicht. Denn diese neuen Bedingungen unterminieren in gewissen Konstellationen Arbeit und Vertrauen.

          Das Gutgemeinte erzeugt das Schlechte erst

          Übersetzungen wären dann nur noch für die Bücher zu kalkulieren, von denen man weiß, dass sie es sehr schnell auf die Bestsellerlisten schaffen werden. Verkäufe von Büchern ins Ausland, die Jahre brauchen, um sich zu entwickeln – und dazu zählen fast ausnahmslos alle, die unseren Bildungskanon ausmachen –, wären de facto verunmöglicht. Wenn man bedenkt, dass Übersetzungen in andere Sprachen für jeden Autor eine Art Ritterschlag darstellen und man sich bisweilen jahrelang für eine Übersetzung ins Englische, Japanische oder Französische einsetzen muss, so schadet die Urheberrechtsnovelle in der aktuellen Form den meisten Autoren direkt und nachhaltig. Hier liegt das Paradox des Gutgemeinten, das das Schlechte erst erzeugt.

          Doch vielleicht muss noch einmal geklärt werden, worum es eigentlich geht, insbesondere, weil in der verwirrenden Diskussion die Begriffe durcheinandergehen. Wer sind die „Verwerter“? Das können Zeitungen sein, Plattenlabels, Hersteller von Videospielen, aber auch Buchverlage. Wenn man sich Buchverlage ansieht, gibt es zum einen Wissenschaftsverlage und Verlage, die ihre Autoren für die Veröffentlichungen zahlen lassen, zum anderen die großen und kleinen Publikumsverlage.

          Kein Buch ohne Lektorat und Korrektorat

          Wer sind die „Urheber“? Das können Spielentwickler, Komponisten, Journalisten und Wissenschaftler sein, aber auch Schriftsteller in Publikumsverlagen. Ebendiese ganz besondere Konstellation – Schriftsteller in Publikumsverlagen – und die für sie charakteristischen Arbeitsweisen und Geschäftsmodelle muss man kennen, um zu begreifen, weshalb sich die Verleger und die große Mehrheit der Autoren so gegen die versuchte Reform des bestehenden Urheberrechts zur Wehr setzen.

          Der literarische Publikumsverlag wäre nichts ohne seine Autoren, aber er ist auch wesentlich an der Entstehung eines Buchs und seiner Durchsetzung auf einem schwierigen Markt beteiligt. Er macht den Text zum Buch. So kommen viele Manuskripte erst durch Anregung oder fortdauernde Motivation des Lektors und dessen Begleitung während des Schreibprozesses zustande. Die anschließende Lektoratsarbeit ist mal mehr, mal weniger aufwendig, aber es gibt kein Buch, das ohne Lektorat und Korrektorat auskommt.

          Andreas Rötzer, Verleger von Matthes & Seitz.

          Nach der Textarbeit wird mit den Autoren die Ausstattung, der Umschlag und die Präsentation des Buchs besprochen, Bild- oder Zitatrechte werden eingeholt. Wenn das Buch dann aus der Druckerei kommt, hat der Verlag schon sehr viel Arbeit und Geld investiert. Dann aber beginnt der andere Teil der Arbeit: Der Vertrieb kümmert sich darum, dass das Buch in möglichst vielen Buchhandlungen ausliegt, er umschifft Knebelverträge mit Amazon und anderen mächtigen Vertriebspartnern. Die Pressestelle kümmert sich um den Versand von Rezensionsexemplaren und darum, dass möglichst jedem Multiplikator alle nötigen Informationen über das jeweilige Buch vorliegen. Lesungen müssen organisiert werden und zum Teil aufwendige Werbemaßnahmen initiiert, um möglichst viele Leser zu erreichen.

          Das Risiko schultert allein der Verlag

          Wenn dann ein halbes Jahr nach Erscheinen die Buchhandlungen Platz für Neues machen, wird das Buch vom Verlag noch lange weiterbegleitet: Es gilt weiterhin, möglichst viele Verlage im Ausland für das Buch zu begeistern und das Urheberrecht des Autors zu schützen: vor unerlaubten Nachdrucken, vor digitalen Raubkopien oder juristischen Angriffen, wenn zum Beispiel Persönlichkeitsrechte betroffen sind. Dies alles leistet der Verlag als Vorleistung auf erhofften Erfolg, an dem der Autor finanziell etwa zur Hälfte beteiligt ist.

          Das Risiko des Misserfolgs, wenn also trotz aller Mühen und trotz allen finanziellen Einsatzes das Buch nicht die verdiente Beachtung erhält und der Verlag in Remittenden erstickt, schultert jedoch zur Gänze der Verlag, der mit einer durchschnittlichen Gewinnerwartung von 3 bis 5 Prozent arbeitet (zum Vergleich: die Tabakindustrie arbeitet mit Gewinnerwartungen von 50 Prozent).

          All das gilt für Groß und Klein, für Konzernverlag und unabhängigen Verlag, für Großschriftsteller, Genreautor und unbekannten Lyriker, denn es geht nicht um das Kapital, sondern um eine bestimmte Arbeitsweise, um die gemeinsame Arbeit an einem Projekt und damit um eine bestimmte Form des kulturellen Miteinanders.

          Es droht die Entsolidarisierung von Autor und Verlag

          Die Konstellation Schriftsteller – literarischer Publikumsverlag ist eine ganz spezielle, auf Symbiose angelegte Partnerschaft. Sie ist keine Gegnerschaft oder eine durch Vertrag gebundene Zwangsgemeinschaft, wie der verwirrende Diskurs suggeriert, denn beide haben dasselbe Ziel, und es ist ein großes Ziel: die Durchsetzung von Autoren und ihren Büchern bei den Lesern. Sie ist aber auch Nukleus unserer Kultur, denn über kein Medium wird so viel Kritikfähigkeit vermittelt wie über das Buch. Volkswirtschaftlich von geringer Bedeutung, ist das Buch eine tragende Säule der freiheitlichen Gesellschaft.

          Was tatsächlich drohen dürfte, wenn der Referentenentwurf umgesetzt würde, ist die Gefahr einer Entsolidarisierung von Autor und Verlag. Das gemeinsame Projekt würde zu einem Projekt von Verlagen auf der einen Seite, die nun in kurzer Zeit ihre Investitionen einzuspielen gezwungen sind, und Schriftstellern auf der anderen Seite, die sich zu Einzelkämpfern aufrüsten müssen. Nicht nur, dass sich der Verlag nicht mehr um den umfänglichen Schutz der Rechte kümmern könnte, er wird auch perspektivisch dazu gedrängt, sich nach Möglichkeiten umzusehen, das Risiko eines möglichen Rechteverlusts abzufedern.

          Ein Zwang zum Misstrauen

          Der Schutz der Autorenrechte ist die Kehrseite ihrer Verwertung, Schutz und Verwertung sind die wichtigsten Funktionen eines Verlags, aber die vorgeschlagene Novelle setzt ihn außerstande, diese Schutzfunktion vollumfänglich zu erfüllen. Man ersetze das Wort „Verwerter“ durch „Beschützer“, und die Unsinnigkeit des Ausspielens von Autor und Verlag wird deutlich.

          Die derzeitigen Reformbemühungen unterstellen in einer Beziehung zwischen Autor und Verleger, die oft vom großen gemeinsamen Engagement um die gemeinsam beschlossene Sache getragen ist, plötzlich eine institutionell „selbstverständliche“ Gegnerschaft. Als Partner konnten Verlage und Autoren von jeher miteinander Konditionen aushandeln, auch Möglichkeiten einer Begrenzung der Rechte. Der jetzige Entwurf oktroyiert dem Verlag einen Zwang zum Misstrauen auf, der sich nicht nur in den Vertragskonditionen durch weitere Absicherungen niederschlagen wird, sondern das ganze Miteinander durchzieht – ein Misstrauen, das sich freilich auch gegenüber ungewissen, abenteuerlichen Projekten geltend machen wird und jede Euphorie erstickt, die nicht auf kurze Sicht finanziell gedeckt ist.

          Freuen wird sich vor allem Amazon

          Die Laufzeit ist aus den oben beschriebenen Gründen ein wesentlicher Teil der Kalkulation, da der Verleger einen Wechsel mit der Zukunft ausstellt, er betreibt sein Geschäft zum großen Teil mit Hoffnungen, mit Erwartungen. „Der Mann ohne Eigenschaften“ hätte keinen Verleger gefunden, wenn die Vertragslaufzeit nur für fünf Jahre garantiert gewesen wäre, ebenso wenig Thomas Bernhard, Wolfgang Koeppen – oder Frank Witzel. Denn Verleger wissen, dass sich ihre Investition unter Umständen erst viele Jahre nach der Erstausgabe amortisieren wird.

          In diesem Fall haben sich das Warten und die harte Arbeit gelohnt: Frank Witzel, Matthes & Seitz-Autor und Buchpreisträger.

          Für die Urheber wird sich die Reform als Danaergeschenk erweisen, denn freuen werden sich am Schluss vor allem Verwerter wie Amazon, die sich genau dann ins gemachte Nest einzukaufen versuchen würden, wenn die Publikumsverlage einen Autor oder ein bestimmtes Buch dank ihres Engagements zu Verkaufserfolgen geführt haben. Die Gesetzesnovelle bedeutet entgegen den proklamierten Intentionen eine Destabilisierung beider Parteien – nicht mehr Schutz für die Urheber, sondern neue Unsicherheit, auf die die Verlage mit kurzfristigen Geschäftsmodellen reagieren müssen, wozu auch gehört, ihre Risiken an die Autoren weiterzureichen. Publikumsverlage würden sich wie Wissenschaftsverlage in druckende Serviceanbieter verwandeln müssen, und damit würde paradoxerweise ein auf privaten oder öffentlichen Subventionen basierendes Geschäftsmodell forciert, das tatsächlich zweifelhaft ist und nach einer Urheberrechtsreform schreit.

          Antichambrieren bei den mächtigen Verlagen

          Hier liegt des Pudels Kern, aber soll man gleich einer ganzen Branche die Geschäftsgrundlage entziehen, um einige schwarze Schafe zu bestrafen? Das Motiv für eine Novellierung des Urheberrechts ist ein hehres: Die Urheber sollen gestärkt werden. Doch bislang ist das nichts weiter als eine Leerformel. In der Praxis zeigt sich nämlich, dass viele Autoren ihre Rechte, die ihnen bereits jetzt zustehen, gar nicht kennen. Schon heute haben sie Möglichkeiten des partiellen Rechterückrufs, auch gibt es eine gemeinsame Vergütungsregel für belletristische Werke, die Mindesthonorare festsetzt, welche von den Verlagen überwiegend eingehalten werden. Die Vertragsfreiheit erlaubt es außerdem jedem Autor, die Vertragsdauer individuell auf jeden beliebigen Zeitraum zu begrenzen.

          Gespräche mit Autoren, die wie die „Initiative Urheberrecht“ den Entwurf unterstützen, offenbaren die Gründe für den Eindruck der Schwäche und Asymmetrie in Vertragsverhandlungen: mangelnde Aufmerksamkeit der Lektoren und ausbleibender Erfolg, abgelehnte Manuskripte, Antichambrieren bei den „mächtigen“ Verlagen. All das aber würde die vorgeschlagene Reform nicht ändern, im Gegenteil.

          Die Bedürfnisse aller Akteure berücksichtigen

          Das bedeutet nicht, dass eine Reform des Urheberrechts in Bereichen des journalistischen oder – um beim geschriebenen Wort zu bleiben – wissenschaftlichen Publizierens nicht sinnvoll wäre. Beide Bereiche folgen aber anderen wirtschaftlichen Regeln als der literarische Publikumsverlag, sie haben ungefähr so viel miteinander gemein wie Fußgänger mit Autofahrern. Beide unterliegen der Straßenverkehrsordnung, aber es ist unmittelbar einsichtig, dass sie nicht gleichbehandelt werden können.

          Formal gesprochen, sind Zeitungen, Wissenschaftsverlage und literarische Verlage „Verwerter“, aber ihr Alltag und ihre Arbeitsweise sehen ganz anders aus. Der Verfassungsrechtler Christoph Möllers weist daher zu Recht darauf hin, dass „wenn ein Gesetz auf so spezifische Probleme eingeht wie die der Urheber, es auch eine Typisierung treffen muss, und nicht alle gleichbehandeln“ kann.

          Die Sachlage ist also viel komplexer als das simple Motto der „Initiative Urheberrecht“ („Kreativität ist was wert“) glauben lässt, denn wer würde dem nicht zustimmen? Das Urheberrecht berührt sehr sensible Punkte und ganz grundsätzliche Fragen unserer Kultur. Eine Reform muss die Bedürfnisse aller Akteure berücksichtigen. Davon kann derzeit nicht die Rede sein. Aber vielleicht sollte man auch gleich einen Schritt weitergehen und nicht über eine Reform des Urheberrechts nachdenken, sondern über ein neues Urheberrecht, das im Schatten der kommenden Veränderungen durch die Digitalisierung bald dringend nötig sein wird.

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