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Urheberrechtsdebatte : Was die Autoren umtreibt

  • -Aktualisiert am
Juli Zeh

Weil sich dadurch in der Praxis wenig geändert hat, empfahl die Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ noch im Dezember 2007, den urhebervertragsrechtlichen Schutz der Künstler gegenüber den Verwertern zu verbessern. Für schöngeistige Schriftsteller hat dieser Arbeitskampf geringere Bedeutung, weil Literaturverlage eher idealistisch als gewinnmaximierend eingestellt sind und ihre Autoren in der Regel nicht ausbeuten, sondern angemessen beteiligen. Blickt man aber über den Tellerrand auf andere Schreibberufe, stellt man fest: Noch immer nagt ein Großteil der Übersetzer am Hungertuch. Zeitungskonzerne nehmen freiberuflichen Journalisten mithilfe von Buyout-Verträgen ihren „Content“ ab, um diesen (im Internet!) in alle Himmelsrichtungen zu verkaufen, ohne den Urheber am Erlös zu beteiligen. Als Argument für diese sittenwidrigen Praktiken geben sie an, dass Internet zwinge sie, zum Content-Verkäufer zu werden, weil sich ja mit Zeitungen nichts mehr verdienen ließe.

Krieg zwischen Künstlern und „Content-Mafia“

Trotz dieser Missstände erlaubt der Aufruf auch weniger autorenfreundlichen Verwertern, sich im Kampf für das Urheberrecht auf die „gute“ Seite zu stellen. Überhaupt geht es allen Seiten - auch der an dieser Stelle ebenso fadenscheinig argumentierenden Piratenpartei - plötzlich um den Schutz des armen kleinen Autors bzw. Urhebers. Ohne einen Krieg zwischen Künstlern und „Content-Mafia“ heraufbeschwören zu wollen, zeigt ein nüchterner Blick auf die politische Realität, dass die Unterzeichner des Aufrufs einen fremden Karren ziehen.

Ilija Trojanow

Wenn die Verabschiedung von Gesetzespaketen betrieben wird, mit deren Hilfe Urheber- und Patentrechtsverstöße im Netz schärfer verfolgt werden sollen, sind es nicht die Schriftsteller- und Journalistenverbände, die ihre Lobbyisten nach Brüssel und Washington entsenden. Für Initiativen wie Acta und Sopa machen sich die Interessenvertreter von Medienkonzernen und Pharmaindustrie stark. Vielleicht haben die massiven Proteste gegen diese Gesetzesvorhaben bei manchem Künstler zu dem Eindruck geführt, es wimmele überall vor Urheberrechtsfeinden. Ein weiteres Missverständnis, denn Bürgerrechtler sind mitnichten Gegner des Urheberrechts. Wissen die Unterzeichner des Aufrufs überhaupt, was sie fordern, wenn sie „den Schutz des Urheberrechts stärken und den heutigen Bedingungen des schnellen und massenhaften Zugangs zu den Produkten geistiger Arbeit anpassen“ wollen?

Geiz und Gier?

Es gibt keine einzige Gesetzesinitiative zur Abschaffung des Urheberrechts. Aber es gibt eine Menge Gesetzesinitiativen zur Überwachung des Internets. Provider sollen ihre Kunden beobachten und deren Daten offenlegen. Privaten Nutzern soll als Strafmaßnahme der Internetzugang gesperrt werden. Auch der Einsatz von „deep packet inspection“, Trojanern zur Online-Durchsuchung oder Vorratsdatenspeicherung kann mühelos mit dem „Schutz von Urheberrechten“ begründet werden. Ähnliche Vorstöße, den angeblich rechtsfreien Raum des Internets unter Kontrolle zu bringen, wurden bereits - teilweise erfolgreich - im Namen von Kinderpornographiebekämpfung und Terrorismusverfolgung unternommen. Geht es hier wirklich vor allem darum, die Kultur gegen „Geiz und Gier“ zu verteidigen?

Noch spielen E-Books auf dem deutschen Buchmarkt kaum eine Rolle. Wenn man sich mit den Erfahrungen der Musikindustrie für die Zukunft wappnen will, dann sollte man registrieren, dass die strafrechtliche Verfolgung von privaten Usern nichts bringt. Zudem können möglicherweise illegal operierende Filehoster bereits nach bestehender Rechtslage zur Rechenschaft gezogen werden. Gegenüber den Lesern kommt es darauf an, digitale Produkte zu einem vertretbaren Preis in leicht verfügbarer Form anzubieten. Der Preis eines E-Books in Höhe von 18 Euro und mehr mag kostendeckend sein - für eine mit Kopierschutz belegte Datei, die nur auf bestimmten Lesegeräten eingeschränkt abrufbar ist, könnte er als zu hoch empfunden werden. Zahlungswillige Leser werden durch eine schwer zu vermittelnde Preisgestaltung tendenziell zum illegalen Download getrieben.

Die Politik ins Blaue hinein zum Handeln aufzufordern, führt bestenfalls dazu, dass irgendwelche absurden Gesetze erlassen werden, die in der Praxis mehr Schaden als Nutzen anrichten. Zukunftsangst und Kulturpessimismus sind schlechte Ratgeber.

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