https://www.faz.net/-gsf-6zvcd

Urheberrechtsdebatte : Finger weg von den Büchern

  • Aktualisiert am

Ein gutes Buch ist eine großartige Syntheseleistung: die Schriftstellerin Sybille Lewitscharoff Bild: Julia Zimmermann

Wenn das Urheberrecht fällt, sind nicht nur Schriftsteller betroffen, sondern auch Lektoren, Übersetzer und Redakteure. Ein Protestruf der Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff.

          Was für eine Verachtung gegenüber der geistigen und künstlerischen Tätigkeit! Welche Ignoranz gegenüber der Vielzahl an Berufen, die sich darum herum gruppieren, ja, die das Gelingen, die Betreuung und Verbreitung der dabei entstehenden Produkte überhaupt gewährleisten! Wenn das Urheberrecht angegriffen wird, verdienen ja nicht nur Musiker, Schriftsteller, Wissenschaftsautoren und Filmregisseure kein Geld mehr, ebenso hart trifft es Redakteure, Lektoren, Übersetzer, Toningenieure, Kameraleute, Graphiker, Verleger, Filmproduzenten, Aufnahmeleiter, Produktionsleiter, ebenso die vielen Leute, die in den Sekretariaten, der Buchhaltung, den Marketing-Abteilungen arbeiten, es trifft die Presseleute ebenso wie die Buchhändler und Drucker. Die Liste ist nicht vollständig, in Wirklichkeit ist sie viel länger. Gewinner wären ausschließlich Firmen, die sich im Netz eine gigantische Monopolstellung erworben haben und durch flankierende Werbeeinkünfte Geld verdienen können.

          Nun, im Buchgewerbe kenne ich mich am besten aus. Deshalb möchte ich mich in meinen Argumenten darauf beschränken, wiewohl es die obengenannten anderen Branchen ebenso trifft und durch die weitverbreitete Produktpiraterie längst getroffen hat.

          Die Verachtung trifft ganze Berufsgruppen

          Mit vierzehn Jahren habe ich intensiv davon geträumt, dass eine Gesellschaft ohne Geld die bessere wäre und bin schon mal in der Stuttgarter Straßenbahn intensiv schwarzgefahren, um die Sache zu beschleunigen. Und - ich muss zugeben - Bücher habe ich auch geklaut. Aber das legte sich spätestens mit siebzehn, als mir dämmerte, dass die Dinge doch etwas komplexer zu betrachten sind und dass mein Diebstahl nichts anderes war als ein ideologisch verklärter Eigennutz.

          Wenn nun heute die Erwachsenen einer Partei fordern, bestimmte Güter sollten einfach umsonst zu bekommen sein, so ist das der reine Aberwitz. Für Waschmaschinen, Fahrräder, Brot, Wein, Butter, Schuhe, Autos muss ja weiterhin bezahlt werden. Der Warenverkehr unserer Gesellschaft beruht nunmal auf dem Austausch von Geld. Das kann man natürlich beklagenswert finden. Aber weshalb soll nun an bestimmten Gruppen das Ideal des geldlosen Transfers durchexerziert werden, womit ihre berufliche Existenz vernichtet wird, während alle anderen munter weiter ihr Geld verdienen dürfen?

          Die Kommentare, mit denen der Kampf gegen das Urheberrecht befeuert wird, sind bestenfalls abenteuerlich, oft widerlich. Da wird zum einen behauptet, die eigentlichen Künstler doch vielleicht ein klitzeklein wenig schützen zu wollen, die Verlage, deren Angestellte ihre Produkte betreuen, aber keinesfalls. Das wird von Leuten vorgebracht, die nicht die mindeste Ahnung davon haben, welche qualitativ erstklassigen Leistungen von vielen Lektoren und Übersetzern erbracht werden, um Geschriebenes überhaupt in eine gute Form zu bringen.

          Sie wissen nicht, wie ein Buch entsteht

          Eine Generation, die durch das haltlose Internetgequassel groß geworden ist und wirkliche Qualitätsunterschiede kaum kennt, stellt sich offenbar vor, es komme nur darauf an, das Zeug irgendwie hinzuschreiben und ins Netz zu stellen. Fertig. Keiner von ihnen hat sich je Gedanken darüber gemacht, wie mühevoll - und meistens eh ziemlich schlecht bezahlt - zum Beispiel Übersetzungen sind. Und dass diese Übersetzungen unbedingt begutachtet und lektoriert werden müssen, um ein gutes Ergebnis zu erzielen. Übersetzungen können eben nicht maschinell erstellt werden. Feingefühl und oft auch ein stupendes Wissen sind nötig, um einen anspruchsvollen Text in die eigene Sprache zu schmuggeln. Wer bitteschön soll die Arbeit dieser meist exzellent ausgebildeten Leute bezahlen, wenn die Verlage eingehen?

          Genauso sieht es bei Verlagen aus, die ein wissenschaftliches Programm vertreten. Um nur ein Beispiel herauszugreifen: Bei den historischen Publikationen des C.H.-Beck-Verlags kann man ziemlich sicher sein, dass man darin keinen groben Unfug antreffen wird, aber auch, dass kleine, beiherschleichende Fehlerchen bereinigt sind. Dafür sorgen die Lektoren. Auch da die Frage: Wer soll sie bezahlen, wenn das Urheberrecht fällt? Will man das Netz wirklich noch mehr mit unverantwortlichen Texten überschwemmen?

          Ertrinken im Meer der Texte

          Richtig bösartig sind die Auffassungen der Angreifer, wenn sie die Leistung der Schriftsteller verhöhnen, indem sie behaupten, es sei eh schon alles da gewesen, das Schreiben im Grunde nicht viel mehr als ein fortlaufendes Plagiat. Natürlich zehren wir alle von den grandiosen Leistungen unserer Vorfahren, das wird kein Schriftsteller und kein Dichter bestreiten. Der Vorwurf kommt von Leuten, die es im Netz unablässig mit einem Meer von Texten zu tun haben und nicht die leiseste Ahnung mehr davon haben, was es bedeutet, aus eigenem Können heraus einen Roman zu verfassen, eine Dichtung zu komponieren, gar etwas zustande zu bringen, was sich an der Qualität berühmter Vorläufer messen lässt.

          Ausgerechnet Leute, die geistiges Gut anscheinend zum Wohle aller unentgeldlich unter die Leute bringen wollen, sind die schlimmsten Banausen, weil sie denen keinerlei Respekt erweisen, die diese Leistung erbringen, und weil sie einfach nicht wissen, wie schwierig es ist, ein wirklich gutes Buch oder ein erstklassiges Gedicht zu verfassen. Sie wissen erst recht nicht, mit welchem personellen Aufwand seriöse Verlage diese Produkte betreuen und wie schmal deren Gewinnmargen geworden sind.

          Das körperliche Gedächtnis

          Kommen wir zu einem grundsätzlichen Argument. Ich bin davon überzeugt: Nur was uns eine gewisse Mühe abverlangt oder eben Geld kostet, das ehren wir. Was uns kostenfrei mir nichts, dir nichts ins Haus trudelt, was wir nicht ersehnen, wofür wir nicht die mindeste Anstrengung auf uns nehmen müssen, um es zu bekommen, dafür hegen wir keinen Respekt. Es verfliegt rasch, geradeso, als hätte es niemals existiert. Ich weiß noch, wie ich als Studentin um ein Buch von Georges Duby - „Die Zeit der Kathedralen“ - herumgekurvt bin, bis ich es kaufen konnte. Welches Glück, es endlich in die Wohnung zu schleppen, welche Ehrfurcht, das Buch in die Besitzerfingerchen zu nehmen und es zu lesen!

          Natürlich habe ich mir viele Bücher nicht kaufen können und musste deshalb Bibliotheken aufsuchen. Aber auch das ist mit Anstrengung verbunden, zumal damals nicht so flott kopiert werden konnte und ich deshalb lange Zitatpassagen mit der Hand abschreiben musste. Meinem Gedächtnis hat das gewiss nicht geschadet. Ich bin mir sogar sicher, dass ich eine gewisse stilistische Sicherheit gewonnen und gleichsam inkorporiert habe, indem ich viel mit der Hand abgeschrieben habe, eben noch nicht an das ephemere Auftauchen und Verschwinden von Bildschirmtexten gewöhnt war.

          Das Lesen von Texten auf elektronischem Wege mag auf Reisen von Vorteil sein, weil man nicht so viel schleppen muss. Wenn jedoch die Haptik des Seitenumblätterns entfällt, das zu Lesende seine reale Objekthaftigkeit verliert, wenn der Körper immer weniger und fast nur noch das Auge beim Lesen involviert ist, leidet das Gedächtnis, leidet der Spürsinn für Qualität. Gar nicht erst zu reden von den unentwegten Internetnutzern, die sich an ein Gewoge aus Bildern und Texten längst verloren haben und die gewiss eines nicht sind: Garanten für die Qualität des Geschriebenen.

          Topmeldungen

          Gefährliche Hitzewelle : Amerikas Sommer der Extreme

          In vielen Gegenden Amerikas herrschen derzeit gefährlich hohe Temperaturen. Städte wie New York müssen sich in Zukunft auf noch extremere Sommer einstellen, warnen Klimaforscher.

          Attacke von Tony Blair : „Johnson ist kein Dummkopf“

          Der frühere britische Premierminister Tony Blair sieht einer möglichen Regierung von Boris Johnson kritisch entgegen. Die CDU wiederum könnte sich vorstellen, dass Johnson positiv überrascht.
          Weiß, was uns fehlt: ARD-Hauptstadtkorrespondentin Kristin Joachim.

          Klimahysterie im Ersten : Wir müssen gezwungen werden!

          Von der ARD lernen heißt, gehorchen lernen. Den Eindruck bekommt man, wenn man abends die „Tagesthemen“ einschaltet oder morgens das Radio. Da werden Vorschriften gemacht, dass es nur so kracht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.