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Urheberrechtsdebatte : Finger weg von den Büchern

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Genauso sieht es bei Verlagen aus, die ein wissenschaftliches Programm vertreten. Um nur ein Beispiel herauszugreifen: Bei den historischen Publikationen des C.H.-Beck-Verlags kann man ziemlich sicher sein, dass man darin keinen groben Unfug antreffen wird, aber auch, dass kleine, beiherschleichende Fehlerchen bereinigt sind. Dafür sorgen die Lektoren. Auch da die Frage: Wer soll sie bezahlen, wenn das Urheberrecht fällt? Will man das Netz wirklich noch mehr mit unverantwortlichen Texten überschwemmen?

Ertrinken im Meer der Texte

Richtig bösartig sind die Auffassungen der Angreifer, wenn sie die Leistung der Schriftsteller verhöhnen, indem sie behaupten, es sei eh schon alles da gewesen, das Schreiben im Grunde nicht viel mehr als ein fortlaufendes Plagiat. Natürlich zehren wir alle von den grandiosen Leistungen unserer Vorfahren, das wird kein Schriftsteller und kein Dichter bestreiten. Der Vorwurf kommt von Leuten, die es im Netz unablässig mit einem Meer von Texten zu tun haben und nicht die leiseste Ahnung mehr davon haben, was es bedeutet, aus eigenem Können heraus einen Roman zu verfassen, eine Dichtung zu komponieren, gar etwas zustande zu bringen, was sich an der Qualität berühmter Vorläufer messen lässt.

Ausgerechnet Leute, die geistiges Gut anscheinend zum Wohle aller unentgeldlich unter die Leute bringen wollen, sind die schlimmsten Banausen, weil sie denen keinerlei Respekt erweisen, die diese Leistung erbringen, und weil sie einfach nicht wissen, wie schwierig es ist, ein wirklich gutes Buch oder ein erstklassiges Gedicht zu verfassen. Sie wissen erst recht nicht, mit welchem personellen Aufwand seriöse Verlage diese Produkte betreuen und wie schmal deren Gewinnmargen geworden sind.

Das körperliche Gedächtnis

Kommen wir zu einem grundsätzlichen Argument. Ich bin davon überzeugt: Nur was uns eine gewisse Mühe abverlangt oder eben Geld kostet, das ehren wir. Was uns kostenfrei mir nichts, dir nichts ins Haus trudelt, was wir nicht ersehnen, wofür wir nicht die mindeste Anstrengung auf uns nehmen müssen, um es zu bekommen, dafür hegen wir keinen Respekt. Es verfliegt rasch, geradeso, als hätte es niemals existiert. Ich weiß noch, wie ich als Studentin um ein Buch von Georges Duby - „Die Zeit der Kathedralen“ - herumgekurvt bin, bis ich es kaufen konnte. Welches Glück, es endlich in die Wohnung zu schleppen, welche Ehrfurcht, das Buch in die Besitzerfingerchen zu nehmen und es zu lesen!

Natürlich habe ich mir viele Bücher nicht kaufen können und musste deshalb Bibliotheken aufsuchen. Aber auch das ist mit Anstrengung verbunden, zumal damals nicht so flott kopiert werden konnte und ich deshalb lange Zitatpassagen mit der Hand abschreiben musste. Meinem Gedächtnis hat das gewiss nicht geschadet. Ich bin mir sogar sicher, dass ich eine gewisse stilistische Sicherheit gewonnen und gleichsam inkorporiert habe, indem ich viel mit der Hand abgeschrieben habe, eben noch nicht an das ephemere Auftauchen und Verschwinden von Bildschirmtexten gewöhnt war.

Das Lesen von Texten auf elektronischem Wege mag auf Reisen von Vorteil sein, weil man nicht so viel schleppen muss. Wenn jedoch die Haptik des Seitenumblätterns entfällt, das zu Lesende seine reale Objekthaftigkeit verliert, wenn der Körper immer weniger und fast nur noch das Auge beim Lesen involviert ist, leidet das Gedächtnis, leidet der Spürsinn für Qualität. Gar nicht erst zu reden von den unentwegten Internetnutzern, die sich an ein Gewoge aus Bildern und Texten längst verloren haben und die gewiss eines nicht sind: Garanten für die Qualität des Geschriebenen.

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