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Urheberrechtsdebatte : Lehrbücher sind der Frau Ministerin unbekannt

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Harmlose Piraterie?

Tritt man einen Schritt zurück und betrachtet das Gutachten aus größerer Distanz, so fällt vor allem seine Unausgewogenheit ins Auge. Die Quellenlage ist höchst selektiv. Fast die Hälfte der Studie widmen die Autoren der ausführlichen Befragung der Hochschulbibliotheken und Stadtbüchereien. „Wofür die Bibliotheken ihre Etats ausgeben, hätte man freilich auch im Bibliotheksindex BIX ablesen können“, sagt Matthias Ulmer vom Eugen Ulmer Verlag. Ulmer kritisiert, dass Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) die Argumente der Verleger und Autoren schlicht nicht habe hören wollen. Es hätte ihr Wissensdefizit in diesem Feld abbauen können.

„Frau Wanka hat bereits im Gespräch mit dem Börsenverein zugegeben, dass ihr die Existenz von Lehrbüchern nicht bekannt ist. Das Wort Schulbücher hatte sie schon gehört, Lehrbuch aber noch nicht.“ In Wankas Äußerung schwingt nicht nur eine „kulturelle Verachtung“ des Buches mit, wie Stroemfeld-Lektor Alexander Losse sagt. Durch die Erlaubnis zur ungehinderten digitalen Vervielfältigung wären Lehrbücher schlicht nicht mehr profitabel. Den Verlagen ginge eine wichtige Einnahmequelle verloren. Haucaps Studie ist diese Seite des Verlagswesens fremd. Sie schließt von einer Handvoll Großverlage auf die gesamte Verlagslandschaft und geht von Monopolen aus, die es in weiten Bereichen gar nicht gibt.

Irritierend sind die Ausführungen zur Produktpiraterie. „Die Auswirkungen der Piraterie auf die Wissenschaftsverlage selbst sind . . . nicht unbedingt eindeutig“, schreiben die Autoren. Als Beleg für diese These führen sie eine dürre Mitteilung des naturwissenschaftlich orientierten Springer Verlags an, der auf seiner Website verlauten ließ, dass der Verlag noch keine negativen Auswirkungen durch E-Book-Piraterie und File Sharing auf sein E-Book-Portfolio beobachtet habe. Wissenschaftsverlage mit geisteswissenschaftlichem Schwerpunkt wurden gar nicht erst konsultiert.

Raubkopierer werden dem Ministerium danken

Das ist methodisch fragwürdig und führt zu verzerrten Befunden: „Die Tatsache, dass Piraterie für den Springer Verlag kein signifikantes Problem darzustellen scheint, könnte darauf hindeuten, dass a) Wissenschaftsbibliotheken das Gros der Wissenschaftsliteratur erwerben und b) die Existenz von Schattenbibliotheken keinen Einfluss auf das Nachfrageverhalten von Wissenschaftsbibliotheken hat.“ In der Wissenschaft nennt man das einen induktiven Fehlschluss. Studenten lernen im ersten Semester, dass man nicht von einem Einzelfall auf das Ganze schließen darf.

Damit nicht genug: Die Schattenbibliothek „Sci-Hub“, die Zugriff auf Millionen urheberrechtlich geschützter Publikationen gibt, nennt die Studie in einem Atemzug mit der Cambridge University Press, der Oxford University Press und den Verlagen Wiley und Routledge. Sie wird dem Leser schlicht als „ein anderes Portal von wissenschaftlicher Literatur“ vorgestellt, als gäbe es keinen Unterschied zwischen einem Fachverlag und einem Raubkopierer-Portal im Internet. Dass Elsevier, einer der weltgrößten Wissenschaftsverlage, im Juni 2015 Klage gegen die vermeintlich harmlosen Schattenbibliotheken Sci-Hub und LibGen eingereicht hat, wird von der Studie zwar beiläufig erwähnt. Als Problem wird die Verbreitung urheberrechtsgeschützter Publikationen jedoch nicht benannt.

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