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Urheberrecht : Findet den Dieb!

In Berlin diskutiert man das Urheberrecht und wünscht sich legale und übersichtliche Bezahlmodelle fürs Internet. Die Politik ist darauf besser vorbereitet als es die Unternehmen sind.

          Als der Blogger und Internetaktivist Markus Beckedahl im April vergangenen Jahres vom Tod des Regisseurs Sidney Lumet erfuhr, wollte er dessen Film „Network“ sofort noch einmal sehen. Im Internet suchte er nach einer deutschen Fassung zum Herunterladen. Doch obwohl seit 2003 zwei DVD-Editionen von „Network“ erschienen sind, bot keine der Herstellerfirmen den Film zum bezahlbaren Download an. Beckedahl konnte den Film trotzdem anschauen. Aber kein deutscher Anbieter hat an ihm einen Cent verdient.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Geschichte, die Beckedahl im Rahmen einer Konferenz zum Urheberrecht in der Berliner Bertelsmann-Repräsentanz erzählte, scheint symptomatisch für das Verhältnis zwischen der hiesigen Multimedia-Industrie und ihren möglichen Kunden. Es gibt eine neue Technik, die neue Möglichkeiten und neue Bedürfnisse erzeugt, aber den Hütern der alten Vertriebsformen sind diese Bedürfnisse offenbar unangenehm; daher zögern sie ihre Befriedigung so lange wie möglich hinaus. Immer wieder, sei es von Politikern oder Netz-Experten, wurden auf der Tagung legale und übersichtliche Bezahlmodelle für digitale Inhalte gefordert. Aber keiner der anwesenden Vertreter der Film- und Musikindustrie gab zu erkennen, dass seine Branche solche Modelle mit Hochdruck vorbereitet.

          Der Wunsch nach einheitlichen Instanzen

          Statt dessen wurde ein weiteres Mal das Lied von Verbrechen und Strafe im Netz gesungen: „Der Strom wird Ihnen ja auch abgestellt, wenn Sie nicht bezahlen“ (Dieter Gorny, Bundesverband Musikindustrie); „kein deutscher Staatsanwalt verfolgt einen einzelnen Downloader“ (Martin Moszkowicz, Constantin Film). Es ist wahr, Portale wie die 2011 geschlossene Website kino.to sind kriminelle Unternehmungen, die an der Naivität ihrer Nutzer Millionen verdienen. Aber derselbe Vorzeige-Urheber Fred Breinersdorfer, der sich als potentielles Download-Opfer fühlt - „wie jemand, dem ständig ein Unsichtbarer die Euros aus der Tasche zieht“ -, fragte in Berlin, an die Adresse des ZDF gerichtet, wo denn eigentlich die fünfundzwanzig Fernsehfilme geblieben seien, die er für die Mainzer Anstalt bisher produziert habe.

          Es ist eben so, dass jeder nicht nur an den Filmen, Songs, Clips und Texten, die er geschaffen hat, Geld verdienen, sondern sie (und die aller anderen) auch ständig digital verfügbar haben will. Deshalb wünschen sich nicht nur Urheber und Netzpolitiker, sondern auch Fernsehjustitiare inzwischen einen „One-stop-shop“ für Nutzungsrechte, also eine einzige Instanz, bei der sämtliche Lizenzen erworben werden könnten. Im territorial und rechtlich zersplitterten Europa sieht es dafür freilich schlecht aus. Die deutsche Gema beispielsweise, die auch die europäischen Musikrechte zweier amerikanischer Konzerne verwaltet, interessiert sich, so ihr Vorstandsvorsitzender Harald Heker, nach wie vor nicht für „den Endverbraucher“, sondern nur für diejenigen, „die mit unserer Musik Geld verdienen“ - also für das Internetforum Youtube, dessen deutsche Nutzer vom Kampf der Gema um „ihre“ Musik nur mitbekommen, dass sie die Klänge zu vielen Musikvideos auf Youtube jetzt nicht mehr hören können.

          Vielleicht verdient der Endverbraucher vor seinem Touchscreen eben doch mehr Aufmerksamkeit: nicht nur von den Strafverfolgungsbehörden, sondern auch den Verwertern, die mit ihm Geld verdienen wollen. Die von Constanze Kurz, Sprecherin des Chaos Computer Clubs und Mitarbeiterin dieser Zeitung, in Berlin beschworene Gefahr, „dass sich diese Generation von den Anbietern abwendet“, wirkt nur allzu real, wenn man die Vertreter des Verbands Privater Rundfunk und Telemedien (VPRT) im Stil von Altfunktionären über die Interessen ihrer Klientel reden hört. Deutlich vorangekommen erscheint dagegen der Meinungsbildungsprozess in den etablierten Parteien, deren Vordenker sowohl die „Larmoyanz der Content-Industrie“ geißeln (Thomas Oppermann, SPD) als auch die Frage von Warnhinweisen und Strafen bei Copyright-Verstößen im Netz „vom Urheber aus“ (Günter Krings, CDU) neu beantworten möchten.

          Auch ein Piratenpolitiker war von den Veranstaltern zum Gespräch geladen. Bernd Schlömer, Bundesvorsitzender seiner Partei, gab sich geradezu provozierend moderat: Man wolle das Urheberrecht nur „anpassen“, den nichtkommerziellen Tausch entkriminalisieren, wissenschaftliche Texte und öffentlich-rechtliche Medieninhalte im Wissensbetrieb kostenlos machen. Ansonsten, so Schlömer, schreibe man erst einmal solide Wahlprogramme: „Wir bauen uns ganz ruhig auf.“ Die Piraten scheinen zu glauben, dass sie noch sehr viel Zeit haben. Sie irren sich. Der aufgewecktere Teil des Establishments ist ihnen dicht auf den Fersen, er hat die Enterhaken schon gezückt, und mit jedem Positionspapier, jeder Ausschusssitzung, jeder Konferenz kommt er ihnen näher.

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