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Tariferhöhung der Gema : Wenn die Musik nicht mehr spielt

Die Tür zum Club „Berghain“ Bild: Jens Gyarmaty

Die Gema erhöht die Tarife, die Clubs fürchten um ihre Existenz: In dem Streit prallen zwei verschiedene Welten aufeinander. Wem gehört das Nachtleben?

          6 Min.

          Es bleiben, von heute an gerechnet, noch genau fünfeinhalb Monate, es sind nur noch 169 Nächte: Dann gehen in Deutschland die Lichter aus. Dann wird die Musik verstummen, die DJs werden arbeitslos sein, die Clubs werden schließen. Und die Menschen, die, statt brav zu schlafen, ganze Nächte durchgetanzt und gefeiert haben, werden fragen: Wer hat uns unsere Nächte kaputtgemacht?

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Genau so, so stumm und düster, sind die Aussichten, wenn man all jenen glauben mag, die bislang diese Nächte beleben und die Clubs bevölkern, den DJs, den Leuten, welche die Clubs betreiben, und denen, die dort arbeiten. Und natürlich all den überwiegend jungen Menschen, die auf ihrem Recht bestehen, sich auch weiterhin in die Schlange vor dem Türsteher einzureihen, das Eintrittsgeld zu bezahlen und dafür die Euphorie, den Rausch und die Entgrenzung einer durchgetanzten Nacht zu bekommen.

          Vom 1. Januar 2013 an soll die neue Tarifstruktur der Gema gelten - und schon semantisch scheinen das zwei Welten zu sein, die einander absolut nichts mitzuteilen haben. Jene Welt, in der es um Beats und Bässe geht, ums Körperglück und den befreiten Kopf. Und jene dubiose Organisation, die mit vollem Namen „Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte“ heißt und deren Zweck es ist, treuhänderisch die Rechte all jener Menschen zu schützen und zu wahren, die, als Komponisten und Interpreten, als Textautoren und Produzenten, jene Musik schaffen, die, wenn sie öffentlich abgespielt wird, zur Erhebung der sogenannten Gema-Gebühren führt.

          Für Berlin wäre ein Clubsterben die Katastrophe

          Eine gute Sache: in der Theorie. Es war aber die Praxis, es waren Strenge und Unnachgiebigkeit, undurchschaubare Tarife und Sanktionen und das fast schon totale Nichtverständnis dafür, wie im digitalen Zeitalter die Musik geschaffen, gespielt und verbreitet wird, was dafür gesorgt hat, dass die Gema eher den Ruf einer Musikverhinderungsanstalt hat, als dass irgendwer sich von ihr geschützt und vertreten fühlte.

          Es hilft aber nichts, dass die Leute aus dem Nachtleben sich schütteln müssen, wenn sie nur das Wörtchen Gema hören: Die Clubbetreiber haben ausgerechnet, was die neuen Tarife für sie bedeuten würden. Und dann haben die ersten angekündigt, dass sie unter diesen Bedingungen ihre Läden gleich dichtmachen könnten. Das Berliner „Berghain“, einer der bekanntesten Clubs der Welt, hat annonciert, dass es schließen werde, wenn es bei den Tarifen bleibe: 300 000 Euro jährlich an die Gema, das könne man sich nicht leisten. Andere rechnen noch.

          Schlimm für München, wenn das „P1“ und das „Pasha“ schlössen, schlimm für Frankfurt, Düsseldorf und Hamburg, wenn all die Clubs zumachen müssten, in denen heute noch das Geld verfeiert wird, das man in jenen Städten verdient. Für Berlin, wo es kein nennenswertes Wirtschaftsleben gibt, wäre ein Clubsterben aber die Katastrophe. „Das ,Berghain’“, sagt DJ Fetisch, ein Veteran des Nachtlebens, der in ganz Europa auflegt, „ist der Vatikan von Berlin. Die Leute kommen doch nicht wegen der Architektur nach Berlin oder wegen des guten Essens. Sie kommen wegen der Clubs.“

          „Es pressiert“

          Und weil Berlin mehr denn je vom Tourismus lebt und in diesem Jahr 24 Millionen Übernachtungen anstrebt, haben sich ausnahmsweise mal alle Parteien zusammengetan und den Senat aufgefordert, die Gema dazu zu bewegen, den neuen Tarif zu überdenken. Der Chef der Senatskanzlei, Björn Böhning, hat der Gema einen Brief geschrieben: „Diese Szene ist Element des musikalischen Sektors der Kreativwirtschaft, die der Senat intensiv fördert“, heißt es darin - tanzen kann man zu dem Satz nicht gerade.

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          Und der Sprecher dieses Senats, Bernhard Schodrowski, sagt: „Wenn sich rumsprechen würde, dass sich Berlin nicht mehr lohnt, weil die Clubkultur ausgedünnt ist, wäre es nicht gut.“

          Es gehe um einen fairen Interessensausgleich zwischen Musikveranstalter, Clubbetreibern und der Gema, sagt Schodrowski. Noch sei ja nichts entschieden, die Schlichtung laufe, alle Seiten sollten jetzt an den Verhandlungstisch. Aber: „Es pressiert“, das wisse man aus Gesprächen mit der Berliner Clubkommission, mit den Verbänden und der sogenannten Kreativwirtschaft. „Die Gema darf bei ihrer neuen Tarifstruktur das Gesamtgefüge der Clubszene in Berlin nicht außer Acht lassen. Da muss man aufpassen.“ Und dann zählt Schodrowski auf, was an einem Club so alles dranhängt: die Gastronomie, der Einzelhandel, der Nahverkehr.

          Clubwelt gegen Bürowelt

          Das ist natürlich der Moment, in dem man sich vornimmt, dem nächsten Türsteher, der einen abweist, zu entgegnen: „Ich tu es doch für Berlin. Für den Einzelhandel, den Nahverkehr!“ Es ist der Moment, in dem man fürchtet, dass eine Sache, welche der notorisch unfähige, überforderte und durch und durch provinzielle Berliner Senat zu seiner eigenen macht, nur eine verlorene Sache sein kann. Aber es ist auch der Moment, in welchem eine interessante E-Mail in der Redaktion ankommt. Heinz Gindullis, besser bekannt als Cookie, hat sie geschickt, der Mann, der das Berliner „Cookie’s“ betreibt. Er hat den sogenannten Tarifrechner der Gema ausgefüllt, ein Formular, das man im Internet laden kann. Eintrittspreis, Quadratmeter und Dauer der Veranstaltung sind die Parameter, und Cookie, der bislang 6111 Euro im Jahr an die Gema gezahlt hat, muss im nächsten Jahr mindestens 68901 Euro überweisen. Vielleicht auch 102718 Euro, das hängt davon ab, ob das „Cookie’s“, dessen Fläche noch nie jemand exakt vermessen hat, knapp weniger oder knapp mehr als 200 Quadratmeter hat.

          Leute, die schon mit der Gema zu tun hatten, erzählen sich Geschichten von Außendienstlern, die mit dem Zollstock zu Veranstaltungen kamen, um genau auszumessen, ob der Saal so groß ist wie angemeldet. Überhaupt lebt der Konflikt zwischen der Clubwelt hier und der Bürowelt dort von solchen Michael-Ende-Figuren, DJ Momo gegen die grauen, zeitstehlenden Männer, von den Rätselwesen an den Mischpulten und den Spielverderbern auf der anderen Seite, die mit dem Hemd in der Hose und dem Aktenkoffer in der Hand die Magie zu Mathematik machten, nachzählten, nachforderten, überhaupt alles, die ganze Mischung aus Ort, Zeit und Track ganz genau wissen wollten, was sich nach einer durchfeierten Nacht zum Glück doch eigentlich in Luft auflöst.

          Plastiktüten voller Geldscheine?

          Es könne nicht sein, sagt die Gema-Sprecherin Gaby Schilcher, „dass DJs bis zu 10000 Euro am Abend bekommen und jeder Türsteher das Zigfache dessen verdient, was die musikalischen Urheber bekommen“. Vielleicht glaubt sie wirklich, dass 10000 Euro die übliche Abendgage seien (sie sind es nicht, so viel Geld bekommen die wenigsten). Vielleicht glaubt sie tatsächlich, dass es die Gema irgendetwas anginge, wie viel so ein DJ verdient. Vielleicht hat sie aber auch nur zu viele von den Geschichten gehört, in denen Plastiktüten die wichtigste Rolle spielen. Es waren Müllsäcke voller Dollarscheine, die Steve Rubell, der Besitzer des New Yorker Clubs „Studio 54“ im Keller stapelte, und weil er keinen dieser Dollar versteuert hatte, musste Rubell für 13 Monate ins Gefängnis. Eine Plastiktüte voller Scheine: Das, so erzählte man einander in den Neunzigern, war das ganze Reisegepäck, wenn Münchner Clubbesitzer für eine Woche nach Ibiza flogen. Und in dem schönen Buch „Der Klang der Familie“ erzählen die Frauen, die damals in Berlin im „E-Werk“ arbeiteten, was damals die Maßeinheit für die Einnahmen war: vier Plastiktüten voller Scheine, alle zwei Stunden. „Einmal zu Silvester war ich in einem VW-Bus, damit die Schlange besser abgefertigt werden konnte. Irgendwann saß ich bis zur Hüfte im Geld.“

          DJ und Clubbesitzer Sven Väth fragt sich: „An wen fließen Tantiemen denn eigentlich, wenn doch fast alle Platten aus meinem Set gemafrei sind?“

          Wer diese Summen denn heute einstecke, wollten wir naturgemäß wissen, und die Antwort war immer die gleiche: Er zahle seine Steuern, und seine Angestellten bekämen anständige Gehälter. Die Mieten seien gestiegen, die Strompreise auch. Das sagt Cookie über seinen Club, und einer, der im „Berghain“ arbeitet, bestätigt das: Wenn man diesen Selbstauskünften glaubt, dann sind die Clubs heute solide geführte mittelständische Unternehmen, die gerade so über die Runden kommen.

          Kein Interesse an der Musik

          “Es kann natürlich nicht in unserem Interesse sein, dass Clubs wegen der Gema-Vergütung schließen müssen“, sagt der Gema-Sprecher Franco Walther - und es sind ausgerechnet die Leute, deren Rechte die Gema doch schützen soll, es sind die Urheber, die Musiker, die da kategorisch widersprechen. Die Gema habe keine Ahnung davon und kein Interesse daran, wer die Urheber der Musik in den Clubs seien, sagt Fetisch, der seit 16 Jahren selbst Mitglied der Gema ist: „Die tun so, als legten wir die Scorpions auf.“ Dabei gebe es längst digitale Werkzeuge, um festzustellen, welche Musik wirklich aufgelegt wird. Die Gema halte aber an ihrem alten, völlig undurchschaubaren Verteilungsschlüssel fest und schütte ihre Gewinne an die falschen Musiker aus, an Dieter Bohlen oder Herbert Grönemeyer: „Die Leute, die wirklich von der Gema leben, sind die Superstars, die regelmäßig Singles von sich oder den Künstlern, die sie produzieren, in den Charts haben“, hat der DJ und Clubbesitzer Sven Väth in dieser Woche in einer Solidaritätsadresse geschrieben: „An wen fließen Tantiemen denn eigentlich, wenn doch fast alle Platten aus meinem Set gemafrei sind?“

          Dass ein DJ, wenn er gut ist und einen Anspruch an sich selbst hat, nicht einfach einen Hit nach dem anderen auflegt; dass er musikalische Bausteine mitbringt; dass also die Musik, zu der die Leute tanzen, erst am Mischpult oder auf dem Laptop entsteht: das ist nicht gerade eine neue Nachricht, die ersten Doktorarbeiten über das Mixen und Sampeln von tanzbarer Musik wurden vor ungefähr 15 Jahren geschrieben. Dass die Gema dafür kein Sensorium hat, keinen Maßstab, kein Gespür, das liegt ja nicht daran, dass man das nicht wissen könnte. Es liegt eher daran, dass die Fragen, welche diese Musik aufwirft, sich mit dem Zollstock und dem Taschenrechner nicht beantworten lassen. Es sind allerdings Fragen, die sich seit den frühen Achtzigern stellen: seit alles angefangen hat mit der DJ-Kultur.

          Insofern hätten jene Leute, welche die Gema als Urheber bezeichnet und die die Musik machen, welche in den Clubs gespielt wird, gar nichts dagegen, wenn die Leute von der Gema sich um ihre Rechte kümmern würden. Sie müssten halt nur mal damit anfangen, sich für die Musik zu interessieren. Sie müssten damit anfangen, endlich mal zuzuhören.

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