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Tariferhöhung der Gema : Wenn die Musik nicht mehr spielt

Schlechter Ruf: In Berlin protestieren Demonstranten am 25. Juni gegen die Neuordnung der Gema-Gebühren

Und der Sprecher dieses Senats, Bernhard Schodrowski, sagt: „Wenn sich rumsprechen würde, dass sich Berlin nicht mehr lohnt, weil die Clubkultur ausgedünnt ist, wäre es nicht gut.“

Es gehe um einen fairen Interessensausgleich zwischen Musikveranstalter, Clubbetreibern und der Gema, sagt Schodrowski. Noch sei ja nichts entschieden, die Schlichtung laufe, alle Seiten sollten jetzt an den Verhandlungstisch. Aber: „Es pressiert“, das wisse man aus Gesprächen mit der Berliner Clubkommission, mit den Verbänden und der sogenannten Kreativwirtschaft. „Die Gema darf bei ihrer neuen Tarifstruktur das Gesamtgefüge der Clubszene in Berlin nicht außer Acht lassen. Da muss man aufpassen.“ Und dann zählt Schodrowski auf, was an einem Club so alles dranhängt: die Gastronomie, der Einzelhandel, der Nahverkehr.

Clubwelt gegen Bürowelt

Das ist natürlich der Moment, in dem man sich vornimmt, dem nächsten Türsteher, der einen abweist, zu entgegnen: „Ich tu es doch für Berlin. Für den Einzelhandel, den Nahverkehr!“ Es ist der Moment, in dem man fürchtet, dass eine Sache, welche der notorisch unfähige, überforderte und durch und durch provinzielle Berliner Senat zu seiner eigenen macht, nur eine verlorene Sache sein kann. Aber es ist auch der Moment, in welchem eine interessante E-Mail in der Redaktion ankommt. Heinz Gindullis, besser bekannt als Cookie, hat sie geschickt, der Mann, der das Berliner „Cookie’s“ betreibt. Er hat den sogenannten Tarifrechner der Gema ausgefüllt, ein Formular, das man im Internet laden kann. Eintrittspreis, Quadratmeter und Dauer der Veranstaltung sind die Parameter, und Cookie, der bislang 6111 Euro im Jahr an die Gema gezahlt hat, muss im nächsten Jahr mindestens 68901 Euro überweisen. Vielleicht auch 102718 Euro, das hängt davon ab, ob das „Cookie’s“, dessen Fläche noch nie jemand exakt vermessen hat, knapp weniger oder knapp mehr als 200 Quadratmeter hat.

Leute, die schon mit der Gema zu tun hatten, erzählen sich Geschichten von Außendienstlern, die mit dem Zollstock zu Veranstaltungen kamen, um genau auszumessen, ob der Saal so groß ist wie angemeldet. Überhaupt lebt der Konflikt zwischen der Clubwelt hier und der Bürowelt dort von solchen Michael-Ende-Figuren, DJ Momo gegen die grauen, zeitstehlenden Männer, von den Rätselwesen an den Mischpulten und den Spielverderbern auf der anderen Seite, die mit dem Hemd in der Hose und dem Aktenkoffer in der Hand die Magie zu Mathematik machten, nachzählten, nachforderten, überhaupt alles, die ganze Mischung aus Ort, Zeit und Track ganz genau wissen wollten, was sich nach einer durchfeierten Nacht zum Glück doch eigentlich in Luft auflöst.

Plastiktüten voller Geldscheine?

Es könne nicht sein, sagt die Gema-Sprecherin Gaby Schilcher, „dass DJs bis zu 10000 Euro am Abend bekommen und jeder Türsteher das Zigfache dessen verdient, was die musikalischen Urheber bekommen“. Vielleicht glaubt sie wirklich, dass 10000 Euro die übliche Abendgage seien (sie sind es nicht, so viel Geld bekommen die wenigsten). Vielleicht glaubt sie tatsächlich, dass es die Gema irgendetwas anginge, wie viel so ein DJ verdient. Vielleicht hat sie aber auch nur zu viele von den Geschichten gehört, in denen Plastiktüten die wichtigste Rolle spielen. Es waren Müllsäcke voller Dollarscheine, die Steve Rubell, der Besitzer des New Yorker Clubs „Studio 54“ im Keller stapelte, und weil er keinen dieser Dollar versteuert hatte, musste Rubell für 13 Monate ins Gefängnis. Eine Plastiktüte voller Scheine: Das, so erzählte man einander in den Neunzigern, war das ganze Reisegepäck, wenn Münchner Clubbesitzer für eine Woche nach Ibiza flogen. Und in dem schönen Buch „Der Klang der Familie“ erzählen die Frauen, die damals in Berlin im „E-Werk“ arbeiteten, was damals die Maßeinheit für die Einnahmen war: vier Plastiktüten voller Scheine, alle zwei Stunden. „Einmal zu Silvester war ich in einem VW-Bus, damit die Schlange besser abgefertigt werden konnte. Irgendwann saß ich bis zur Hüfte im Geld.“

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