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Selbstbefragung eines Urhebers : Die vergitterten Fenster des Elfenbeinturms

  • -Aktualisiert am

Joseph von Westphalen: „Ich lebe davon, dass es den Verlagen gut geht“ Bild: Juergen Bauer

Ich habe den Aufruf zum Schutz des geistigen Eigentums als einer der Ersten unterschrieben. Die Sache ist aber doch etwas komplizierter. Denn als Autor bin ich an der Verbreitung meiner Texte interessiert.

          Haben Sie diesen Aufruf zur Wahrung des Urheberrechts unterschrieben, weil Sie um Ihr geistiges Eigentum fürchten?

          Ich habe die Zeitung mit dem Aufruf noch nicht gesehen. Ich denke, die Begründung steht dabei, warum fragen Sie?

           Weil ich hoffe, dass Sie nicht nur die Begründung nachbeten.

          Stimmt: Ich bin tatsächlich nicht der typische Aufrufunterzeichner.

          Eben, das wissen wir doch, warum also diesmal?

          Ich halte mich so oft raus. Es war an der Zeit, mich mal wieder zu solidarisieren.

          So leicht kommen Sie mir nicht weg. Stehen Sie hundertprozentig dahinter?

          Martin Walser hat auch unterschrieben. Der hat mal gesagt: Das Gegenteil ist auch meist richtig. Oder so ähnlich. Das finde ich auch.

          Die Kritiker des bestehenden Urheberrechts sagen, dass vor allem die Verlage und die Erben davon profitieren.

          Nichts dagegen. Sollen sie doch profitieren! Das hoffe ich. Ich lebe davon, dass es den Verlagen gutgeht. Die Verlage sind nett zu mir. Sie setzen auf mich, obwohl durch den Verkauf meiner Bücher selten die Vorschüsse eingespielt werden. Ich wünsche mir, dass ein Verlag mal wieder mit mir verdient. Und was die Erben betrifft: Ich werde meinen Kindern nicht viel materielle Werte hinterlassen. Irgendwie ein tröstlicher Gedanke, dass sie nach meinem Abgang zu meinem hundertsten Geburtstag vielleicht einen Best-of-Reader ihres Vaters zusammenstellen und mit dem Geld dafür eine Reise machen oder ein gebrauchtes Auto kaufen können. Wenigstens etwas. Dem Urheberrecht sei Dank.

          Und wenn sie prüde sind und den erweiterten Neudruck des Romans vom Papa verhindern, weil ihnen die seinerzeit unveröffentlichten Stellen immer noch zu schlüpfrig sind?

          Dann fahre ich als Gespenst aus der Grube und huste ihnen was.

          Das also spräche gegen das Urheberrecht. Was noch?

          Das Urheberrecht wird für einen Künstler dann fragwürdig, wenn dadurch die Verbreitung seiner Erzeugnisse verhindert wird. Das darf nicht passieren.

          Beispiel?

          Wenn ein Regisseur kommt und sagt: Ich möchte eine Geschichte von dir auf die Bühne bringen, aber ich kann dir kein Geld dafür geben - dann fände ich es vom Autor oder seinen Erben oder seinem Verlag ziemlich blöd zu sagen: Ohne Geld gibt es kein Recht. Hunderte von Opern oder Theaterstücken werden nicht aufgeführt, weil irgendwelche Dickärsche auf den Rechten sitzen. Oft sind es nur Bearbeitungen, die sich raffinierte Ganoven urheberrechtlich schützen lassen. Auf diese Weise sind selbst manche Mozartopern heute noch nicht frei. Wenn ich Mitglied einer Jazzband bin und am Abend dreißig Euro verdiene, darf ich meine noch so tolle Version eines Songs der Rolling Stones nicht spielen, weil sonst die unersättliche Gema mit Forderungen kommt. Abscheuliche Zustände.

          Auf dem Gebiet der Musik sieht es anders aus, nicht ablenken.

          Vielen meiner Texte hätte ich als Urheber mehr Aufmerksamkeit gewünscht. Ich bin ja der Vater meiner Texte. Man will das Beste für seine Kinder. Möglichst viele Leute sollen sie lieben. Wenn jemand einen Text unerlaubt verbreiten würde, wäre es Diebstahl. Aber es würde mich mehr freuen als ärgern. Ich fände es falsch und kleinlich, dagegen vorzugehen. Seltsame Vorstellung, dass jemand abgemahnt werden sollte, weil er etwas von mir lesen will.

          Sehr großzügig!

          Natürlich ist es mir lieber, eine Vergütung zu bekommen. Ist doch klar. Ich will nur darauf hinweisen: Die mit einem Download - auch einem diebischen - einhergehende Verbreitung ist vielleicht wichtiger als die Vergütung. Jemand hält meinen Text für lesenswert und weiterempfehlungswert. Das ist dort erst mal toll. Und nicht nur eine Schmeichelei. Mein Marktwert steigt mit der Verbreitung, auch mit der illegalen, die gegen das geltende Urheberrecht verstößt. Und genau diesen Punkt berücksichtigt das Urheberrecht nicht.

          In dem Aufruf ist von einer Urheberrechtsreform nicht die Rede.

          In Aufrufen kann nicht auch noch differenziert werden. Da kann nicht jeder seine Extrameinung einbringen. Deswegen fragen Sie mich doch, damit ich differenziere. Ich bin heilfroh, dass es das Urheberrecht gibt. Ohne Urheberrecht würde Wilder neoliberaler Westen herrschen. Grässlich. Trotzdem wünsche ich mir, dass es modernisiert wird.

          Wie denn?

          Bin kein Jurist. Weiß nur: Wenn mir einer mein Fahrrad klaut, muss ich nach Hause laufen und mir ein neues Fahrrad kaufen. Der Raub macht mich wütend. Es ist ein Schaden entstanden. Die Raubkopie schädigt mich als Autor mehr indirekt. Möglicherweise verdiene ich etwas weniger. Vielleicht hätten ein paar Leute mehr mein Buch gekauft, wenn der Text nicht gratis im Internet herumschwirren würde. Vielleicht auch nicht. Ich werde bestohlen, aber es gibt eben auch einen Gewinn durch die Verbreitung. Das ist für mich eine andere Art Diebstahl. Wir reden ja nicht von Plagiaten. Wenn ein Mensch auch nur einen hübschen Halbsatz von mir als seinen ausgeben würde, hätte ich das Bedürfnis, ihn zu ohrfeigen, besonders gern natürlich, wenn es Guttenberg wäre. Wenn ich aber brav als Urheber genannt werde, wäre ich als Autor doch für mildernde Umstände. So müsste es sein: Die betroffenen Autoren müssten das Recht haben, die Diebe ihrer Texte zu begnadigen.

          Die Verlage haben allerdings nichts davon.

          Das ist richtig. Die sind daher auch die erbitterteren Gegner der Urheberrechtsaufweichungen. Ich habe den Aufruf nicht zuletzt der Verlage wegen unterzeichnet. Wenn die in Sorge sind, werden sie ihre Gründe haben. Ich komme als Autor nur zurecht, wenn es den Verlagen gut geht. Ich lebe nicht von Literaturpreisen, sondern von den Honoraren der Verlage. Wenn Urheberrechtsverletzungen Verlage schädigen, dann habe ich auch einen Schaden.

          Ist denn die Angst vor der Piraterie und den Piraten überhaupt berechtigt?

          Weiß ich nicht. Ich selbst habe diese Angst nicht. Ich neige allerdings zu Leichtsinn und Leichtfertigkeit. Ich habe auch kein kaufmännisches Verhältnis zum Geld. Die Angst vor Piraterie ist im Musik- und Filmgeschäft sicherlich berechtigt. In der Literaturbranche halte ich sie für übertrieben. Ich denke, die Urheber haben sich ein bisschen verrückt machen lassen von den Verhältnissen der Musikindustrie. Sie wollen mit dem Aufruf verhindern, dass solche Zustände auch auf Autoren zukommen. Ich glaube das ehrlich gesagt nicht.

          Und doch haben Sie unterschrieben. Sie gehören sogar zu den Erstunterzeichnern.

          Auch so ein Titel! Ich sagte doch: aus Solidarität. Moralische Fraktionszwänge gibt es manchmal auch außerhalb der Parteipolitik. Frech ist die Piraterie schon. Ich verstehe meine Unterschrift mehr als ein Stirnrunzeln. Raubkopien werden millionenfach in der Musik gemacht. Nur da sind sie tatsächlich ein Problem. Als Urheber von Literatur kann man davon nur träumen. Selbst vom angesagtesten Kultautor werden meines Wissens nicht massenhaft illegal Texte heruntergeladen, die dann gratis kursieren. Von literarischen Tauschbörsen weiß ich nichts, wo sich Fans von Péter Nádas dessen neuen Riesenroman gratis runterladen können, wie man sich mit einem Klick das Riesenwerk der Beatles mal schnell gratis runterlädt, weil man zu faul ist, seine einst legal gekauften CDs zusammenzusuchen. Fast bin ich versucht zu sagen: Schön wär’s. Wenn die Gier nach literarischen Erzeugnissen so groß wäre wie die nach musikalischen, könnten wir uns in der Literaturbranche erst mal alle freuen.

          Das wäre ein Kapital, auf dessen Grundlage die Juristen ein vernünftiges neues, den digitalen Zeiten angepasstes Urheberrecht basteln könnten. Als bedrohlich empfinde ich eher niedrige Auflagen, Leseunlust, legale Kindle-Downloads statt in der Buchhandlung gekaufte Bücher und die Tatsache, dass viele Bücher „garantiert ungelesen, nur mit geringen Lagerspuren“ für 1 Cent und 3 Euro Porto über Amazon zu beziehen sind - alles legal und viel schlimmer. Wenn wir aus lauter Angst vor Räubern tolle Diebstahlabsicherungen erfinden, dürfen wir Urheber dabei nicht vergessen: Wir sind darauf angewiesen, mit dem Schreiben Geld zu verdienen, ja, aber auch darauf, dass uns genügend Leute lesen wollen. Wenn wir die Fenster des Elfenbeinturms vergittern und die Jalousien runterlassen und sich keiner mehr für uns interessiert, ist uns auch nicht gedient.

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