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Selbstbefragung eines Urhebers : Die vergitterten Fenster des Elfenbeinturms

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Wie denn?

Bin kein Jurist. Weiß nur: Wenn mir einer mein Fahrrad klaut, muss ich nach Hause laufen und mir ein neues Fahrrad kaufen. Der Raub macht mich wütend. Es ist ein Schaden entstanden. Die Raubkopie schädigt mich als Autor mehr indirekt. Möglicherweise verdiene ich etwas weniger. Vielleicht hätten ein paar Leute mehr mein Buch gekauft, wenn der Text nicht gratis im Internet herumschwirren würde. Vielleicht auch nicht. Ich werde bestohlen, aber es gibt eben auch einen Gewinn durch die Verbreitung. Das ist für mich eine andere Art Diebstahl. Wir reden ja nicht von Plagiaten. Wenn ein Mensch auch nur einen hübschen Halbsatz von mir als seinen ausgeben würde, hätte ich das Bedürfnis, ihn zu ohrfeigen, besonders gern natürlich, wenn es Guttenberg wäre. Wenn ich aber brav als Urheber genannt werde, wäre ich als Autor doch für mildernde Umstände. So müsste es sein: Die betroffenen Autoren müssten das Recht haben, die Diebe ihrer Texte zu begnadigen.

Die Verlage haben allerdings nichts davon.

Das ist richtig. Die sind daher auch die erbitterteren Gegner der Urheberrechtsaufweichungen. Ich habe den Aufruf nicht zuletzt der Verlage wegen unterzeichnet. Wenn die in Sorge sind, werden sie ihre Gründe haben. Ich komme als Autor nur zurecht, wenn es den Verlagen gut geht. Ich lebe nicht von Literaturpreisen, sondern von den Honoraren der Verlage. Wenn Urheberrechtsverletzungen Verlage schädigen, dann habe ich auch einen Schaden.

Ist denn die Angst vor der Piraterie und den Piraten überhaupt berechtigt?

Weiß ich nicht. Ich selbst habe diese Angst nicht. Ich neige allerdings zu Leichtsinn und Leichtfertigkeit. Ich habe auch kein kaufmännisches Verhältnis zum Geld. Die Angst vor Piraterie ist im Musik- und Filmgeschäft sicherlich berechtigt. In der Literaturbranche halte ich sie für übertrieben. Ich denke, die Urheber haben sich ein bisschen verrückt machen lassen von den Verhältnissen der Musikindustrie. Sie wollen mit dem Aufruf verhindern, dass solche Zustände auch auf Autoren zukommen. Ich glaube das ehrlich gesagt nicht.

Und doch haben Sie unterschrieben. Sie gehören sogar zu den Erstunterzeichnern.

Auch so ein Titel! Ich sagte doch: aus Solidarität. Moralische Fraktionszwänge gibt es manchmal auch außerhalb der Parteipolitik. Frech ist die Piraterie schon. Ich verstehe meine Unterschrift mehr als ein Stirnrunzeln. Raubkopien werden millionenfach in der Musik gemacht. Nur da sind sie tatsächlich ein Problem. Als Urheber von Literatur kann man davon nur träumen. Selbst vom angesagtesten Kultautor werden meines Wissens nicht massenhaft illegal Texte heruntergeladen, die dann gratis kursieren. Von literarischen Tauschbörsen weiß ich nichts, wo sich Fans von Péter Nádas dessen neuen Riesenroman gratis runterladen können, wie man sich mit einem Klick das Riesenwerk der Beatles mal schnell gratis runterlädt, weil man zu faul ist, seine einst legal gekauften CDs zusammenzusuchen. Fast bin ich versucht zu sagen: Schön wär’s. Wenn die Gier nach literarischen Erzeugnissen so groß wäre wie die nach musikalischen, könnten wir uns in der Literaturbranche erst mal alle freuen.

Das wäre ein Kapital, auf dessen Grundlage die Juristen ein vernünftiges neues, den digitalen Zeiten angepasstes Urheberrecht basteln könnten. Als bedrohlich empfinde ich eher niedrige Auflagen, Leseunlust, legale Kindle-Downloads statt in der Buchhandlung gekaufte Bücher und die Tatsache, dass viele Bücher „garantiert ungelesen, nur mit geringen Lagerspuren“ für 1 Cent und 3 Euro Porto über Amazon zu beziehen sind - alles legal und viel schlimmer. Wenn wir aus lauter Angst vor Räubern tolle Diebstahlabsicherungen erfinden, dürfen wir Urheber dabei nicht vergessen: Wir sind darauf angewiesen, mit dem Schreiben Geld zu verdienen, ja, aber auch darauf, dass uns genügend Leute lesen wollen. Wenn wir die Fenster des Elfenbeinturms vergittern und die Jalousien runterlassen und sich keiner mehr für uns interessiert, ist uns auch nicht gedient.

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