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Piraten & Urheberrecht : Denn sie wissen nicht, wie Werke entstehen

Google, Youtube und andere Geldspeicher: Profiteure eines zukünftigen Internet-Sozialismus? Bild: dpa

Der „Aufruf gegen den Diebstahl geistigen Eigentums“, den schon fast 4000 Künstler und Intellektuelle unterschrieben haben, zeigt, welcher Kulturkampf entbrannt ist: Es geht um die gesellschaftliche Bedeutung von Kunst.

          In der Diskussion über das Urheberrecht wird seitens seiner Kritiker oft die Autorenschaft gegenüber den „Verwertern“ ausgespielt. Hier die vielen Kreativen, die auch etwas von ihrer Kreativität haben sollen; dort die wenigen Musik-, Buch-, Zeitungsverlage sowie der Handel, die technologisch durch das Internet und digitale Kopien überflüssig gemacht worden seien - und zwar zu Recht, weil sie nur Werte abschöpften, ohne selbst wertschöpfend tätig zu sein.

          In einem ebenso ungewöhnlichen wie dramatischen Appell, der von dem Literaturagenten Matthias Landwehr koordiniert wird und den die Wochenzeitung „Die Zeit“ abdruckt, haben jetzt Schriftsteller diese Entgegensetzung als „abwegig“ bezeichnet. Der „Aufruf gegen den Diebstahl geistigen Eigentums“ ist als erstes von so unterschiedlichen Autoren wie Daniel Kehlmann, Elke Heidenreich, Uwe Tellkamp, Christoph Ransmayr, Günter Wallraff, Charlotte Roche, Navid Kermani, Ines Geipel und Martin Walser unterzeichnet worden. Mittlerweile haben ihn sich mehr als dreitausend Schriftsteller, Musiker, bildende Künstler und auch Wissenschaftler zueigen gemacht. In einer arbeitsteiligen Gesellschaft, heißt es darin, geben Künstler die Vermarktung ihrer Werke in die Hände von Verlagen, Galerien, Produzenten und Verwertungsgesellschaften - als ihren Interessenvertretern.

          „Echte“ Künstler

          Das entscheidende Stichwort hierbei ist „arbeitsteilig“. In der Debatte über die Folgen des Internets und über die Programme von Netzaktivisten wie der Piratenpartei fällt es viel zu selten. Zum einen, weil es oft an Einsicht mangelt, was viele - natürlich nicht alle - Verwerter leisten. Die Vorstellung, man müsse alle „Inhalte“ frisch vom Erzeuger nur ins Netz stellen und habe dann dasselbe Produkt ohne den kostspieligen Umweg übers Verlagswesen, ist sachwidrig. Denn Inhalte brauchen Form, und zu ihr tragen Verwerter bei. Wie viel Verwerterarbeit geht nicht in jedes Pop-Video ein, das auf Youtube steht, in jedes Album, das ja nicht einfach dem Genie der Künstler entspringt, in jeden Roman, der aus den Manuskripten der Autoren oft genug aufwendig herausgeschält werden muss. Von Werbung und dergleichen ganz zu schweigen. Verlage gehen in Vorleistung, unterhalten Rechtsabteilungen, die Autoren schützen, planen Lesereisen und haben Experten für Auftritte. Oder dafür, welche guten Bassisten gerade für eine Aufnahme Zeit haben. Oder dafür, welche Illustrationen gut für ein Buch sind.

          Das Kunstwerk oder auch nur der „Inhalt“ ist mehr als das Produkt eines Individuums. Die Kritiker des Urheberrechts polemisieren zutreffenderweise gegen eine Genieästhetik, die so tut, als hätte der Autor das Werk geschaffen wie der biblische Gott die Welt: aus dem Nichts, allein aufgrund eigenen Vermögens, ohne Zutaten. Das gängige Künstlervokabular legt Autoren - zumindest dann, wenn sie sich als Künstler verstehen -, eine Selbstbeschreibung nahe, derzufolge sie etwas aus innerem Drang hervorbringen müssen. Es drängt sie zum Ausdruck, das Werk ist nicht aufs Publikum hin kalkuliert, sie tun es um der Sache und nicht des Einkommens willen. So jedenfalls reden „echte“ Künstler. Da nehmen die Netzaktivisten sie beim Wort, sie antworten den Künstlern: Dann macht es ja auch nichts, wenn sich die Gemeinschaft eure Werke umstandslos aneignet. Man muss den echten Künstlern, so verstanden, gewissermaßen nur die Materialkosten bezahlen, aber wenn das Werk einmal da ist, nichts mehr darüber hinaus. Denn Kopieren ist ja kein Diebstahl, die Sache wird ja nicht weggenommen, sondern vervielfältigt. Die Metapher „geistiges Eigentum“ ist insofern tatsächlich irreführend.

          Markt statt Höfen

          Doch die Gegner eines strengen Copyrights übersehen dabei leicht, dass es genau so irreführend ist, so zu tun, als entstünden Werke nur durch Kombination von eigenen Ideen und „Inhalten“ anderer Autoren. Und sie folgen der sachfremden Genieästhetik, wenn sie in einer trivialisierten Fassung davon - und mit Hinweis auf die Amateurwelten des Internets - jeden zum Autor erklären. Gewiss, jeder kann irgendwo etwas hinschreiben, sich äußern, Musik machen, malen und so weiter. Weder Künstler noch Journalist oder Schriftsteller ist ein geschützter Beruf, zum Glück. Jeder soll ausprobieren dürfen, ob er einer ist. Doch Werke setzen dann Organisationen voraus, deren Arbeit bezahlt werden muss, wenn es sich um aufwendige Werke handeln soll.

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