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Kathrin Schmidt zum Urheberrecht : Schreiben ist mein Geschäft

  • -Aktualisiert am

Die Schriftstellerin Kathrin Schmidt Bild: dpa

Im Streit ums Urheberrecht wird die neue deutsche Arbeitsrealität nicht nur von Schriftstellern übersehen. Ein Einblick in die Praxis.

          4 Min.

          Die Debatte um Urheberrechte im Bereich der Literatur wird in Deutschland mit geradezu verbissener Vehemenz geführt. Anderswo ist das offenbar nicht so. In den Vereinigten Staaten zum Beispiel scheint die Film- und Fernsehbranche den Literaten den Protestrang abzulaufen. Vieles ist gesagt worden, und manches, zum Beispiel in Thomas Hettches Beschwörung der Notwendigkeit des Buches, trifft sich durchaus mit meinen Auffassungen von dem, was ich tue und als meinen privilegierten Beruf ansehe.

          Privilegiert? Ich denke schon. Als freiberufliche Schriftstellerin bin ich gezwungen, ein Geschäft zu führen. Wenn man es genau betrachtet, bin ich nicht nur die Seele meines Geschäftes, sondern ich habe sie auch, in der schönen Dialektik von Haben und Sein. Ich kann die Seele, die ich habe und bin, eigentlich nicht untersuchen, weil ich Angst habe, es könnte mit der Kreativität vorbei sein, wenn ich zu viel von ihr wüsste. Trotzdem arbeitet sich jedes Buch, das ich schrieb, am Leben und Erleben dieser Seele entlang, als gäbe es keinen anderen Weg. Es ist ein besonders privilegierter Fall des Zusammenfallens von Leib-und-Seelenarbeit und Geldverdienen, der mit der Schriftstellerei, wie ich sie verstehe, einhergeht und am Ende eines langen Schreib- und Erkenntnisprozesses, den ich mir im obengenannten Sinne nicht etwa vornehme, zum Beispiel in einen Roman mündet.

          Ständig auf Jobsuche

          Dabei reichte aber der Erlös des in Warenform gebrachten Buches nicht zum Leben! Es sind die verlagsseitigen Vorschusszahlungen, die vielfältige Förderlandschaft und die hierzulande glücklicherweise übliche Form der öffentlichen Lesungen, die ein Überleben ermöglichen und die buchhalterisch zu verwalten sind. Und buchhalterisch zu verwalten ist auch die in Deutschland über die Künstlersozialkasse den Bedingungen für abhängig Angestellte angepasste Kranken- und Rentenversicherung. Ich arbeite privilegiert, weil ich selbstbestimmt und frei meine Ideen verfolgen und (meist gerade so) davon leben kann.

          Andererseits verfüge ich nicht über genügend Selbst- oder Sendungsbewusstsein, dass ich mich nicht nach anderen Möglichkeiten des Erwerbs umsehen würde, ginge das nicht mehr. An den Anzeigen für eine Teilzeitbeschäftigung zum Niedriglohn in der Bäckerei etwa oder am Supermarkt um die Ecke gehe ich schon lange nicht mehr achtlos vorbei. In diesem Sinne bin ich Autistin im Hettcheschen Sinne: Mir fiele nicht ein, dagegen anzukämpfen. Wenn niemand mehr meine Bücher druckte oder mich zu Lesungen einlüde, fände ich mich damit ab. Mir bräche kein Zacken aus dem Krönchen, zumal die (schmale) Rente nicht mehr unerreichbar fern scheint. Aber noch arbeite ich privilegiert.

          Im Konflikt mit dem notorischen Effizienzanspruch

          In Fällen, in denen sich die Leib-Seele-Dualität nicht in solchem Maße einbringen kann in die Erwerbsarbeit, sieht das anders aus. Das heutige Arbeits- und Sozialrecht ist in seinen Grundzügen eine abschließende Leistung der deutschen Monarchie, sich selbst abzusichern, jedoch war das Versprechen der endzeitlichen Kaiserlichkeit auf ewige Arbeitssicherheit in Arbeitsfreude nicht zu halten. Der spätere hitleristische Arbeits- und Sozialansatz versagte in Krieg und Holocaust. Aber auch das demokratische Heilsversprechen mit Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit steckt im arbeitsweltlichen Dilemma. Freiheit und Gleichheit reiben sich immer und überall als politische Ansprüche von Demokratie. Das mehr des einen ist stets ein weniger des anderen, und wer einen demokratischen Arbeitsalltag mit Freiheit und Gleichheit für sich selbst sucht, wird ihn inhaltlich und formal selten finden können.

          Der mit der frühen Schulmilch eingesogene Anspruch einer freiheitlich-demokratischen Arbeit reibt sich in jedem Arbeitnehmer mit der Realität der effizienzvernarrten neoliberalen Arbeitswelt. Das ist anders als vor mehr als hundert Jahren im Kaiserreich, als ein ausgemachtes Unten und Oben existierte, das die Richtung der Arbeitskämpfe vorgab. An der tatsächlichen Entzweiung der überkommenen Frontenbildung ist andererseits so lange gearbeitet worden wie an der heutigen, postmodernen Art der Arbeit selbst.

          Wer nichts zu verlieren hat, kann nur gewinnen

          Im Grunde sind klassische Arbeitnehmer, eben weil ein altes Arbeits- und Sozialrecht auf modernem Arbeitsalltag pappt, heute eher auf Besitzstandswahrung aus denn auf Streik. Wenn ich kranken- und rentenversichert bin und mir Lohn- und Lohnnebenkosten jahrelang als Ursache allen Übels von der Arbeitgeberschaft vorgehalten werden, werde ich müde. Der arbeitende Mensch hat eine lange Agitation seines eigentlichen Unwertes zu ertragen, die schlecht zu dem passt, was er selbst unter modernen Verhältnissen von sich hält. Welche Seele hält das aus?

          Wer sich heute als Schlosser in die Fänge einer Zeitarbeitsfirma begeben muss, gerät, was den Arbeitslohn betrifft, zumindest in die Nähe der Niedriglohnjobber. Wer sich als Intellektueller der heutzutage üblichen Projekthatz und -hangelei aussetzt, tut dies im Wissen, das in drei Jahren (im besten Fall) abermals tun zu müssen, womöglich ohne Beitrag des sogenannten Arbeitgebers zu einer Rundumabsicherung. Um Besitzstandswahrung kann es beiden kaum gehen. Wer aber auf Besitzstandswahrung nicht aus ist, dem wird auch ein Urheberrecht wenig bedeuten. Wer nichts zu verlieren hat, kann nur gewinnen. Die Kreuzhacke hängt nicht nur über der klugen Else, sondern zunehmend auch über den gut ausgebildeten Piraten-Frischwindlern.

          Das Erbe als Zumutung

          Aus deren Parteiprogramm lese ich als eine zentrale Aufgabe heraus, Bildung und Kultur dürften nicht zur Ware verkommen. Findet das nicht geradezu eine Entsprechung im Beharren der Autoren auf dem Urheberrecht? Es geht Letzteren dabei ja gerade darum, das Buch (nicht das papierene, sondern das literarische Werk) aus dem Warenkreislauf herauszuhalten und ihm eine Sonderstellung zuzuweisen, sich berufend auf die - siehe Hettche - „genuine Form künstlerischer Erfahrung“. Unter den Bedingungen sicherer Existenz und gesellschaftlicher Teilhabe für alle, ein weiterer Programmpunkt der Piratenpartei, wäre das durchaus zu haben. In diesem Sinne fühle ich Sympathie für die Piraten (womöglich nur für deren Parteiprogramm), und ich denke, manch anderem Autor erginge es ebenso, ließe er sich auf diesen Gedanken ein.

          Natürlich ist das unter heutigen Bedingungen utopisch, und so reichte es mir vorerst schon, das Urheberrecht könnte, wenn ich das möchte, mit meinem Tod enden. Ich will meinen recht zahlreichen Kindern kein Erbe zumuten. Sie sind so erzogen, sich um sich selbst zu kümmern, wie ich auch, übrigens. Es machte mir schon etwas aus, ihnen einen Berg (zugegeben virtueller) Schulden aus den Vorauszahlungen meines Verlages zu hinterlassen. Die sind trotz des auch kommerziellen Erfolges meines letzten Romans nämlich längst nicht ausgeglichen ...

          Die Folie alten Arbeits- und Sozialrechts über der neoliberalen Arbeitswelt ist hoffnungslos zerlöchert. Das Internet bildet eine der neuen Folien. Deren Textur scheint mir so beschaffen, dass diese Folie sich eines Tages einfach lösen könnte aus den Händen der globalen Monopolisten jener Arbeitswelt, die sie heute noch fest im Griff zu haben glauben.

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