https://www.faz.net/-gsf-71a2b

Kathrin Schmidt zum Urheberrecht : Schreiben ist mein Geschäft

  • -Aktualisiert am

Der mit der frühen Schulmilch eingesogene Anspruch einer freiheitlich-demokratischen Arbeit reibt sich in jedem Arbeitnehmer mit der Realität der effizienzvernarrten neoliberalen Arbeitswelt. Das ist anders als vor mehr als hundert Jahren im Kaiserreich, als ein ausgemachtes Unten und Oben existierte, das die Richtung der Arbeitskämpfe vorgab. An der tatsächlichen Entzweiung der überkommenen Frontenbildung ist andererseits so lange gearbeitet worden wie an der heutigen, postmodernen Art der Arbeit selbst.

Wer nichts zu verlieren hat, kann nur gewinnen

Im Grunde sind klassische Arbeitnehmer, eben weil ein altes Arbeits- und Sozialrecht auf modernem Arbeitsalltag pappt, heute eher auf Besitzstandswahrung aus denn auf Streik. Wenn ich kranken- und rentenversichert bin und mir Lohn- und Lohnnebenkosten jahrelang als Ursache allen Übels von der Arbeitgeberschaft vorgehalten werden, werde ich müde. Der arbeitende Mensch hat eine lange Agitation seines eigentlichen Unwertes zu ertragen, die schlecht zu dem passt, was er selbst unter modernen Verhältnissen von sich hält. Welche Seele hält das aus?

Wer sich heute als Schlosser in die Fänge einer Zeitarbeitsfirma begeben muss, gerät, was den Arbeitslohn betrifft, zumindest in die Nähe der Niedriglohnjobber. Wer sich als Intellektueller der heutzutage üblichen Projekthatz und -hangelei aussetzt, tut dies im Wissen, das in drei Jahren (im besten Fall) abermals tun zu müssen, womöglich ohne Beitrag des sogenannten Arbeitgebers zu einer Rundumabsicherung. Um Besitzstandswahrung kann es beiden kaum gehen. Wer aber auf Besitzstandswahrung nicht aus ist, dem wird auch ein Urheberrecht wenig bedeuten. Wer nichts zu verlieren hat, kann nur gewinnen. Die Kreuzhacke hängt nicht nur über der klugen Else, sondern zunehmend auch über den gut ausgebildeten Piraten-Frischwindlern.

Das Erbe als Zumutung

Aus deren Parteiprogramm lese ich als eine zentrale Aufgabe heraus, Bildung und Kultur dürften nicht zur Ware verkommen. Findet das nicht geradezu eine Entsprechung im Beharren der Autoren auf dem Urheberrecht? Es geht Letzteren dabei ja gerade darum, das Buch (nicht das papierene, sondern das literarische Werk) aus dem Warenkreislauf herauszuhalten und ihm eine Sonderstellung zuzuweisen, sich berufend auf die - siehe Hettche - „genuine Form künstlerischer Erfahrung“. Unter den Bedingungen sicherer Existenz und gesellschaftlicher Teilhabe für alle, ein weiterer Programmpunkt der Piratenpartei, wäre das durchaus zu haben. In diesem Sinne fühle ich Sympathie für die Piraten (womöglich nur für deren Parteiprogramm), und ich denke, manch anderem Autor erginge es ebenso, ließe er sich auf diesen Gedanken ein.

Natürlich ist das unter heutigen Bedingungen utopisch, und so reichte es mir vorerst schon, das Urheberrecht könnte, wenn ich das möchte, mit meinem Tod enden. Ich will meinen recht zahlreichen Kindern kein Erbe zumuten. Sie sind so erzogen, sich um sich selbst zu kümmern, wie ich auch, übrigens. Es machte mir schon etwas aus, ihnen einen Berg (zugegeben virtueller) Schulden aus den Vorauszahlungen meines Verlages zu hinterlassen. Die sind trotz des auch kommerziellen Erfolges meines letzten Romans nämlich längst nicht ausgeglichen ...

Die Folie alten Arbeits- und Sozialrechts über der neoliberalen Arbeitswelt ist hoffnungslos zerlöchert. Das Internet bildet eine der neuen Folien. Deren Textur scheint mir so beschaffen, dass diese Folie sich eines Tages einfach lösen könnte aus den Händen der globalen Monopolisten jener Arbeitswelt, die sie heute noch fest im Griff zu haben glauben.

Topmeldungen

„Rettet die Bars und Restaurants“: In Marseille gehen die Gastronomen gegen die Beschränkungen wegen der Corona-Pandemie auf die Straße.

Corona in Frankreich : Marseille macht mobil

Trotz massiv steigender Infektionszahlen gibt Frankreich in der Pandemie ein chaotisches Bild ab. Weil von Samstag an Bars und Restaurants bis auf weiteres geschlossen werden sollen, gehen wütende Gastronomen gegen die Regierung auf die Barrikaden.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.