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Ein Raubkopierer erzählt : Ich habe runtergeladen

  • Aktualisiert am
Alles umsonst: Raubkopierer
          9 Min.

          Das mag alles stimmen, was gerade zum Urheberrecht erzählt wird, was daran gut und was daran schlecht ist, was sich alles ändern muss oder eben gerade nicht. Ich kann das schwer einschätzen, es spielt in meinem Leben aber auch keine Rolle. Ich habe keine Band, ich produziere keine Filme, ich entwickle keine Computerspiele, von denen ich leben müsste. Ich bin auch kein Internetvordenker und sitze in keiner dieser Diskussionsrunden. Mir geht es wie den meisten Leuten. Ich habe einen ganz normalen Job, der nichts mit dem Internet zu tun hat, und ansonsten lade ich mir kostenlos Sachen runter.

          Auf meinem Computer befinden sich im Moment achttausendzweihundertdreiundsechzig Titel, das ist Musik für vierundzwanzig volle Tage und mehr, als ich mir je hätte leisten können, aber ich habe auch nur vier oder fünf davon bezahlt. Wann ich das letzte Mal überhaupt eine CD gekauft habe, kann ich gar nicht mehr sagen. Vermutlich war es eine, wo ich mir das Album schon umsonst besorgt hatte und plötzlich dachte, die Band finde ich gut, die soll auch was davon haben. Es ist nicht so, dass ich nicht wüsste, dass die Leute davon leben, dass man ihre Platten kauft, statt sie herunterzuladen, und trotzdem mache ich das jeden Tag. Dahinter steht keine Ideologie bei mir. Ich breche das Gesetz nicht etwa, weil ich gegen das Gesetz wäre. Ich stehe da in keinem theoretischen Zusammenhang, ich sehe das ganz praktisch. Es ist einfach, es ist möglich, es kostet mich nichts, also mache ich es.

          Mein Geschenk aus Kasachstan

          Ich gehe auf die Suchmaschine, die ich seit Jahren benutze, sie hat ihre Server in Kanada stehen, seit ihr Gründer vor ein paar Jahren Ärger mit der Justiz bekam, aber es gibt sie immer noch, inzwischen ist sie die drittgrößte der Welt. Ich gebe ein, was ich will - Album, Film oder Spiel - und es erscheint eine Liste der Kopien. Nicht alle enthalten auch, was drin sein soll, manche sind schlecht kopiert, manche mit Viren verseucht, aber meistens haben andere Nutzer dann einen Hinweis geschrieben, dass man die Finger davon lassen soll. Ich wähle eine Kopie aus, und es startet ein Programm, das mir die Datei von den Rechnern der Leute holt, die sie zum Herunterladen frei gegeben haben. Neben diesen Rechnern, das ist immer ganz lustig, sind jeweils die Flaggen der Länder abgebildet, wo die Leute leben, und sie leben tatsächlich auf der ganzen Welt. Dänemark, Südafrika, Korea, Argentinien, Türkei, Indien, Schweiz, wirklich überall.

          Einmal habe ich das Album einer isländischen Band von Rechnern heruntergeladen, die in Costa Rica, Neuseeland und Kasachstan standen, und gedacht, irre, wie sind die nur dahin gekommen? Wie haben die von denen erfahren? Ich meine, die Jungs singen von Elfen und Geysiren und Trollen und dann ausgerechnet Kasachstan. Da ist doch nur Steppe. Ich bin, das gehört vielleicht jetzt nicht dazu, vor Jahren mal in Kasachstan gewesen, dienstlich, wir sind in einem Kleinbus durchs Land gefahren und haben tagelang nichts als Gras gesehen. Wenn da zwischendrin einmal ein Busch war, dann war er gleich voller schwarzer Vogelnester. Ein riesiges Land, aber ein Vogel findet keinen Platz zum Nisten. Wenn ich mir vorstelle, dass mein Computer dort jetzt jemanden gefunden hat, der dieselbe Musik hört wie ich, die er mir nun auch noch schenkt, dann sind wir jetzt wirklich eine Welt.

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