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Die Notwendigkeit des Buches : Wahre Literatur ist rücksichtslos

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Linearität, Endlichkeit und Abgeschlosseneheit: Diese Eigenschaften machen ein Buch aus Bild: dpa

Die Debatte zum Urheberrecht reduziert das Buch zur Ware. Dabei ist es so viel mehr, das wir verteidigen sollten: Eine Kritik zum Umgang mit Autorenbildern und der geschmähten Buchkultur.

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          Die Debatte um das Urheberrecht ist für Schriftsteller eine grundsätzliche, seit mindestens zehn Jahren nicht geführte Debatte um Literatur im Netz. Die medienrechtlichen Anpassungen an das sich ändernde digitale Publizieren sind dabei nur ein Aspekt, der uns beschäftigt; die tatsächlichen Veränderungen, die daraus für unsere Arbeit resultieren, sind der andere, gewiss nicht wichtigere, aber doch existentiellere. Nun sind beide Aspekte nicht voneinander zu trennen, aber sie sind für den Schriftsteller selbst doch zweierlei, denn niemand, der sich nicht auf literarische Massenware kapriziert, begeht den Blödsinn, sein Leben als Schriftsteller finanzieren zu wollen, um damit reich zu werden. Die wenigsten können so ihr Leben fristen. In Frage steht, viel mehr noch als ein ökonomisches Modell künstlerischer Einkünfte, dasjenige der künstlerischen literarischen Produktion selbst.

          Zur Verdeutlichung, um welche Veränderungen es aus Autorensicht geht, erwähne ich die Forderung, die immer einmal wieder gestellt wird, dass nämlich Autoren endlich mehr bloggen und twittern sollen, um sich der neuen digitalen Wirklichkeit zu stellen. Dahinter verbirgt sich ein Missverständnis, das die Debatte aber im Kern berührt. Es besteht darin, dass Teile der Netzöffentlichkeit meinen, Schriftstellerei habe etwas mit der Lust am Diskurs zu tun, weshalb man denen, die sich an dem im weitesten Sinne kulturellen Gespräch im Netz nicht beteiligen, mit Unverständnis, ja mit Aggressivität angesichts scheinbarer Verweigerung begegnet. Dabei ist die Annahme, für literarische Autoren habe der öffentliche Diskurs zentral etwas mit ihrer Arbeit zu tun, irrig. Aber sie ist bezeichnend für den blinden Fleck jener digitalen Öffentlichkeit, die jetzt über Literatur diskutiert.

          Das Autorenbild gehört dazu

          Um an einem historischen Beispiel zu illustrieren, worum es mir geht: Im neunzehnten Jahrhundert kannte man den Begriff des Salonliteraten. Vieles, was die Formen von digitaler Öffentlichkeit im Netz auszeichnet, finden wir vergleichbar in den sozusagen analogen Salons: Die unhierarchische Debatte, das Ideal des Zugangs für jedermann, die Geschwindigkeit der Themensetzungen. Der Salonliterat hatte Freude an dieser Öffentlichkeit, und er hatte Erfolg in ihr, wenn er schnell reagieren und seine klar bestimmte Zielgruppe intelligent adressieren konnte.

          Das ist, in etwa, auch das Autorenbild, das hinter der Forderung steht. Doch etwas tritt heute hinzu: Die Konjunktur dieser Vorstellung vom Schriftsteller hat nicht nur mit den befreienden Möglichkeiten der digitalen Salons zu tun, sondern auch mit den seit den Sechzigern geführten Debatten darüber, was Literatur sei. Die Theoreme vom Tod des Autors und vom Werk als immer schon unbewussten Pasticcio treffen dabei jetzt, ihrer theoretischen Verankerung verlustig und in unendlicher Wiederholung trivialisiert, auf die neuen Möglichkeiten von Diskussion und Distribution im Netz, so dass auch das simpelste Sampling in der Musik und die größte literarische Hilflosigkeit etwa einer Helene Hegemann sich noch mit der Schrumpfform eines medientheoretischen Überbaus legitimieren kann.

          Autor Thomas Hettche: „Nichts erhoffe ich mir so sehr, als dass die digitale Öffentlichkeit einmal die intellektuelle Kraft und Offenheit jener Salons haben wird, die es etwa um 1800 in Berlin gab“
          Autor Thomas Hettche: „Nichts erhoffe ich mir so sehr, als dass die digitale Öffentlichkeit einmal die intellektuelle Kraft und Offenheit jener Salons haben wird, die es etwa um 1800 in Berlin gab“ : Bild: dpa

          Um das klar zu sagen: Nichts erhoffe ich mir so sehr, als dass die digitale Öffentlichkeit einmal die intellektuelle Kraft und Offenheit jener Salons haben wird, die es etwa um 1800 in Berlin gab, als bei Rahel Levin die Grenzen der Stände, der Religionen, der Professionen nonchalant aufgehoben wurden. Und, ja: Eine solche Öffentlichkeit kann Literatur hervorbringen. Die Romantik ist ohne sie nicht vorstellbar. Insofern ist für mich das emanzipatorische Potential der Netzöffentlichkeit ganz fraglos.

          Gleichwohl hat es neben Salonliteraten immer einen anderen Typus des Schriftstellers gegeben, der unfähig oder unwillig zum aktuellen Diskurs war. Dieser Typus, für den es keinen Begriff gibt, weil er, wie ich meine, immer der vorherrschende war, agiert im Vergleich mit jenem andern stets etwas autistisch, aber das war in der literarischen Öffentlichkeit des Buches kein Problem, denn diese Öffentlichkeit war und ist um jene Autisten herumgebaut. Weshalb? Weil in ihrem Zentrum das Werk stand. Ein Stück Literatur. Nicht der Autor und seine Diskursfähigkeit, sondern jene Flaschenpost aus einer anderen Welt, die, gerade weil sie nicht auf Diskursivität angelegt ist, uns ergreift und beschäftigt.

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