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Die Notwendigkeit des Buches : Wahre Literatur ist rücksichtslos

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Nichts verbessern

Das Werk also. Ein Begriff, der gerade völlig démodé scheint, und von dem ich doch überzeugt bin, dass er ins Zentrum der Diskussion gehört. Und zwar, genauer: das Werk als Buch. Allerdings, bitte, nicht die Packform von Papier, die sich seinerzeit bequem mit der Pferdekutsche auf die Leipziger Buchmesse karren ließ. Sondern als künstlerische Form, die eben nicht nur Verpackung ist, sondern Inhalte, Erfahrungen, Erkenntnisse erst ermöglicht. Medien sind immer klüger als das, was über sie gesagt werden kann. Die Erfahrung, die wir in einem Kinosaal machen, lassen sich letztlich nicht diskursiv fassen, was Musik mit uns anstellt, bleibt in der Summe unaussprechlich. Das ist der Reichtum der Kunst. Und das gilt auch für das literarische Werk als Buch in dem emphatischen Sinn, in dem ich nicht aufhören kann, es zu verstehen.

Deshalb bin ich davon überzeugt, dass das, was ein Buch ausmacht, nämlich seine Linearität, Endlichkeit und Abgeschlossenheit gegenüber anderen Diskursen (zumindest im Moment, in dem wir lesen und im Roman versunken sind), zunächst einmal nichts ist, das veraltet und deshalb verbessert gehört. Es ist eine genuine Form künstlerischer Erfahrung. Natürlich passt die ganze Welt nicht in einen Roman - aber der Literatur gelingt es, uns das für Momente glaubhaft zu machen. Das sind ihre (und unsere) Glücksmomente.

Die Forderung, dass Schriftsteller mehr twittern sollen, sei ein Missverständnis: Der öffentliche Diskurs habe nichts mit der Arbeit von Autoren zu tun
Die Forderung, dass Schriftsteller mehr twittern sollen, sei ein Missverständnis: Der öffentliche Diskurs habe nichts mit der Arbeit von Autoren zu tun : Bild: dpa

Meine Kritik an der Sicht auf Literatur, wie sie sich oft im Netz artikuliert, richtet sich gegen zweierlei. Zum einen gegen die Naivität, die aus der Annahme spricht, die hochkomplexe Weise, in der ein Buch eine Welt in uns erzeugt, sei von dieser Form zu trennen und lasse sich ersetzen, ja überbieten durch eine irgendwie diskursive literarische Textproduktion. Diese Annahme ist nicht nur gegenüber dem Phänomen Buch unterkomplex, sie ist auch durch kein literarisches Erzeugnis belegbar.

Doch die aktuelle Debatte reduziert nicht nur das Buch auf ein begrenztes Behältnis, das verzichtbar geworden ist, sie ist auch blind gegenüber der Komplexität des „Gesamtsystems Literatur“. Der Schriftsteller, dessen Kernkompetenz eben nicht Vermittlung und Vermarktung, sondern die Herstellung besagter Flaschenpost ist, die wir in unserer Imagination entkorken, war und ist in diesem System gehalten von etwas anderem als einer Distributionsstruktur. Verleger, Literaturkritiker, Buchhändler agierten nicht primär als Gatekeeper, sondern als Vermittler von etwas, das im Kern nicht erklärlich ist. Nicht durch Klappentexte, nicht durch Literaturkritiken. Das dumme Wort von den Verwertern geht an dieser Wirklichkeit vorbei. Auf das Wissen der Autoren um die Kunst dieser Vermittlung bezog sich der Aufruf der Urheber. Wir wissen, dass wir etwas herstellen, das Warenform annimmt, deren Wert jedoch nicht taxiert werden kann, weil Literatur in Erfahrungen besteht, die jeder Leser anders oder auch gar nicht macht.

Daher stand in den letzten zweihundert Jahren auch nicht das Buch als Ware im Zentrum der jetzt viel geschmähten Buchkultur, sondern die Ermöglichung von etwas Flüchtigem und Unkontrollierbarem, das paradoxerweise gerade durch dieses scheinbar so statische Ding ermöglicht wird, das wir Buch nennen. Jede Novelle ist in diesem Sinn ein Buch, jeder Roman, jedes Gedicht, wenn es für seine Erfahrung den abgeschlossenen, intimen Raum der Lektüre reklamiert. Ein Zwiegespräch ohne Rückversicherung nach außen. Duellsituation oder Liebesumarmung, je nachdem. Dann erst belohnt es seinen Leser durch die Freiheit von all den Netzen, in die wir alltäglich verwoben sind.

Um Marcel Proust oder David Foster Wallace in ihre Welt zu folgen, kostet Mühen der Konzentration, des Verständnisses, der Dauer. Ich glaube, wir verlieren die Fähigkeit dazu, und ich halte das für eine furchtbare Entwicklung. Und mir missfällt der Unwille im Netz, den Verlust überhaupt bemerken zu wollen. Wenn die Debatte nicht länger ideologisch geführt werden soll, gehört zur Begeisterung für das, was wir an Möglichkeiten im Netz gewinnen, die Anerkennung dessen, was wir verlieren, wenn mit dem Geschäftsmodell Buch auch die Literatur als Ort verschwindet, an dem ein Schriftsteller und ein Leser sich nicht bloggend und twitternd treffen, sondern tatsächlich und unüberwachbar in der Imagination. Und allzu viele utopische Räume hat diese Welt nicht zu bieten.

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