https://www.faz.net/-gqz-9u4tu

Urbanisierung : Das war der kalifornische Traum

  • -Aktualisiert am

Typisch kalifornisch: für jeden ein Einfamilienhaus. Bild: plainpicture/Sabine Bungert

Die geplante Trasse für einen Hochgeschwindigkeitszug durch das Silicon Valley und immer mehr und immer höhere Häuser markieren das Ende der ewigen Suburbanisierung. Ein Gastbeitrag.

          6 Min.

          Mehrere Jahre lang hing an einem Geschäft in San Bruno, einer Kleinstadt im Norden Silicon Valleys, ein großes Transparent entlang einer Zugstrecke: „Wenn der Hochgeschwindigkeitszug kommt, verschwindet dieser Betrieb.“ Der Zug kam bisher noch nicht, aber der Betrieb verschwand schon mal. Es handelte sich um einen Hundewaschladen. Tausende Bahnreisende und Pendler, die Tag für Tag an dem Geschäft vorbeifuhren, amüsierten sich über die schiere Kleinteiligkeit des Protests.

          Wie putzig, dass jemand meinte, der Verlust eines Fachgeschäfts für Trimmen von Haustieren sei ein Argument gegen einen Zug, der irgendwann einmal 25 Millionen Menschen im ganzen Staat verbinden und Kaliforniens Verkehrssystem endlich ins einundzwanzigste Jahrhundert katapultieren soll.

          Aber bei aller Belustigung: Das kuriose Transparent und insbesondere die in ihm enthaltene radikalliberale Gleichung (ein Hundefriseurladen ist gleich 25 Millionen Fahrgäste) sind doch Indizien für ein zutiefst kalifornisches Versprechen und für die Art, auf die dieses Versprechen nun langsam (zu langsam) aufgegeben wird.

          Teil des kalifornischen Versprechens war immer, dass jeder (zumindest jeder reiche, weiße) Kalifornier ein Anrecht habe auf ein Inseldasein. Die endlosen Suburbs verkörpern dieses Versprechen ebenso wie die vielen Privilegien, die sich die Kalifornier über Jahrzehnte per Volksentscheid zugedacht haben: Steuerprivilegien, Denkmalschutz, restriktive Bebauungspläne. In San Francisco klagten Hausbesitzer in den Hügeln allen Ernstes gegen ein neues Hochhaus, das ihnen die Sicht auf die San Francisco Bay Bridge verstelle – vergeblich.

          Niemand ist eine Insel

          Dieses Selbstverständnis beginnt zu bröckeln – und ein bestimmtes Verständnis von Gemeinschaft, Infrastruktur und Demokratie verändert sich gleich mit. Der Hochgeschwindigkeitszug ist seit 1996 in Planung, wurde 2008 noch von Arnold Schwarzenegger gesetzlich verankert und soll irgendwann einmal Los Angeles mit der San Francisco Bay Area verbinden. Baustart war 2015. Das Schicksal des Hochgeschwindigkeitszuges selber ist unklar – die Bauarbeiten gehen zwar weiter, aber der neue Gouverneur des Staates, Gavin Newsom, erklärte Anfang des Jahres, das ambitionierte Projekt zurückstutzen zu wollen.

          Egal, ob der Hochgeschwindigkeitszug nun wirklich kommt – er ist Symptom einer strukturellen Veränderung im kalifornischen Selbstverständnis. 2018 unternahm Scott Wiener, Senator im kalifornischen Parlament in Sacramento, einen Anlauf, den ganzen Staat im Handstreich nachzuverdichten. Das Gesetz SB827 sollte die suburbane Dünnbesiedelung zumindest in der Nähe öffentlicher Verkehrsmittel aufbrechen. Denn das im amerikanischen Vergleich engmaschige Netz von Bussen und S-Bahnen in der Bay Area und in Greater Los Angeles zieht sich auch durch eine Wüste von Einfamilienhäusern. In vielen kalifornischen Orten ist das Bauen von Mehrfamilienhäusern illegal, in anderen sind solche nur in ganz bestimmten Korridoren gestattet. Weiner wollte diese Praxis beenden.

          Der scheinbar unendliche Urban Sprawl - hier im kalifornsichen Mountain View.

          SB 827 sollte kalifornische Städte verpflichten, in „nahverkehrsreichen“ Gegenden (also in der Nähe von S-Bahnhöfen und Bushaltestellen) automatisch Wohngebäude von 14 bis 17 Metern Höhe zuzulassen. Das hätte die Hälfte der Einfamilienhäuser in Los Angeles tangiert und fast das gesamte Areal von San Francisco. Eine weitere Praxis, die SB 827 abschaffen sollte, war die, Bauherren zu verpflichten, neue Gebäude mit genügend Parkplätzen für ihre Bewohner auszustatten. Eine Art Radikalkur: Wiener wollte den Staat in einem Streich von der ewigen Suburbanisierung und der mit ihr einhergehenden Voraussetzung des Autos abbringen. Der Aufschrei war groß, SB 827 verschwand fürs Erste in den Windungen des parlamentarischen Procedere.

          Weitere Themen

          Über dem Tellerrand des Silicon Valley

          Digitalkonferenz DLD : Über dem Tellerrand des Silicon Valley

          „Ein paar wenige Unternehmen entscheiden über Milliarden Menschen auf der Welt“, sagt Ramesh Srinivasan. Er fordert eine globale digitale Revolution – und glaubt zu wissen, wer der nächste amerikanische Präsident wird.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.