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Islamischer Staat : Unterwegs mit einem Kämpfer des Kalifen

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Fatale Rechnung

Es waren schöne Szenarien, denen viele westliche Politiker und Medien von 2011 an noch bis vor kurzem anhingen: dass die Proteste in der arabischen Welt zu Demokratien nach westlichem Vorbild führen könnten. Doch die Realität sah schon 2011 anders aus. Nur hören und sehen wollte man sie nicht. Hätte man genauer hingeschaut, wäre aufgefallen, was „Demokratie“ für viele der Demonstranten bedeutete: die Herrschaft eines radikalen Islams.

Und der Westen hat die Fehler wiederholt, die schon in Afghanistan gemacht wurden, was die ehemalige amerikanischen Außenministerin Hillary Clinton dem Präsidenten Obama dezidiert vorwirft: Man habe radikalen Kräfte den Boden bereitet, weil man die gemäßigten Rebellen nicht entschlossen genug mit Waffen unterstützt habe.

Die Rechnung könnte noch viel fataler ausfallen. In Gesprächen berichten mir sowohl Anhänger der IS wie Vertreter arabischer Geheimdienste von vielen ehemaligen Kämpfern aus Libyen und auch der Freien Syrischen Armee, die von westlichen Geheimdiensten für den Kampf gegen die „Diktatoren“ trainiert und ausgerüstet wurden und dann - die Seite wechselten, zur IS. „Wir haben Brüder, die mit Unterstützung des Westens in Libyen gegen Gaddafi gekämpft haben, und auch welche, die zunächst bei der Freien Syrischen Armee waren, bevor sie sich uns anschlossen“, bestätigt Abu Yusaf. „Wir haben Brüder, die zum Beispiel bereits in Bosnien, Tschetschenien, Afghanistan, Libyen oder auch im Irak gekämpft haben.“ Er selbst habe unter Abu Musab al Zarqawi im Irak gekämpft, bevor dieser getötet wurde.

Grenzen werden nicht anerkannt

Der „Islamische Staat“, der sich inzwischen von der türkisch-syrischen Grenze bis nach Mossul erstreckt, ist ein großer Schritt in dem Endzeitszenario, das den Dschihadisten vorschwebt: ein Kalifat, das sich über die gesamte islamische Welt erstrecken soll - zunächst. Das war schon das Ziel von Al-Qaida-Führern wie Usama Bin Ladin oder Abu Musab al Zarqawi. „Wir erkennen die Grenzen in der islamischen Welt nicht an“, sagt Abu Yusaf. „Wir werden dafür sorgen, dass es sie bald nicht mehr gibt und alle Muslime unter der Sunna und der Flagge des ,Islamischen Staats‘ leben.“

Über die notwendigen Mittel scheinen sie zu verfügen, militärisch und wirtschaftlich. Abu Bakr al Bagdadi und seine Gefolgsleute haben weite Teile Syriens und des Iraks erobert. Sie haben große Ölfelder unter ihre Kontrolle gebracht, eine Unmenge an Waffen und Geld. „Wir verschenken das Öl an Familien, die in unseren Gebieten leben. Oder wir verkaufen es für einen Bruchteil des regulären Preises an Geschäftsleute, die uns nahestehen und es dann wiederum an Schmuggler in der Türkei verkaufen“, sagt Abu Yusaf.

„Wir wissen, dass die Vereinigten Staaten uns angreifen werden, wir erwarten es. Aber natürlich wird jede Aktion eine Reaktion haben“, sagt er und hebt seine rechte Hand. „Wenn sie uns mit Blumen angreifen, dann werden wir sie auch mit Blumen angreifen, aber wenn sie uns mit Feuer angreifen, dann werden wir mit Feuer antworten, und zwar auch in ihrem eigenen Land.“ Die im Internet ausgestellte Ermordung des amerikanischen Journalisten James Foley scheint eine dieser Antworten zu sein.

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