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Unterschichtendebatte : Die Unvertretbaren

Einkehrmöglichkeit in der Nähe einer Arbeitsagentur in Leipzig Bild: picture-alliance/ dpa

Für die Partnerschaft bei der Wertschöpfung, also für Sozialdemokratisches, oder auch für Aufstiegsmodelle, also für Liberales, ist sie verloren. Schon die alte Arbeiterbewegung wollte sie nicht haben. Was will die Unterschicht?

          Das kommt davon, wenn man drei Generationen lang über Soziales ausschließlich im Moralvokabular braver Technokraten redet, die ihre Mitmenschen als „Probleme“ betreuen, versorgen, bilden, beschäftigen, integrieren, beraten und motivieren wollen: Auf einmal weiß das Gemeinwesen nicht mehr, woraus es überhaupt zusammengesetzt ist und was die Teile eigentlich beieinanderhält.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Während der verwalteten Wohlstandsjahre mußte Günter Wallraff als Spurenleser und Ethnologe 1988 maskiert nach „Ganz unten“ gehen, wie sein phänomenaler Bucherfolg hieß, der von Leuten handelte, die seine Leserschaft nur vom Hörensagen kannte: sogenannten Gastarbeitern, drogenabhängigen Auszubildenden oder frierenden Streikenden für die 35-Stunden-Woche in einer unpersönlichen Fabrikwelt. Wenn heute Studenten Literatur über Hartz IV exzerpieren, dann interessiert sie das nicht nur akademisch, sondern auch aus persönlicher Perspektive. „White Trash“, weißen Abschaum, gab es einmal nur in Amerika.

          Was eigentlich stört an dem Begriff?

          Jetzt ist er in die deutsche Vorstadt gezogen. Ein Sozialdemokrat versucht es, um die Sache auf den Begriff zu bringen, beim hilflosen Kramen in alten Wortbeständen plötzlich mit der „Klassengesellschaft“; ein anderer verbittet sich die Rede von der „Unterschicht“, weil sie - ja, was eigentlich stört daran? Das Abwertende? Das Unhöfliche? Das Pietätlose (Kinder, weckt den arbeitslosen Vater nicht, er ist besoffen)? Oder einfach eine gewisse Griffigkeit, ein Moment des unwillkommen Anschaulichen?

          Die Sorte Grobheit, die von „oben“ und „unten“ redet und zuvor auch schon einmal einen Liberalen in Schwierigkeiten gebracht hat, der von „Besserverdienenden“ sprach, könnte, wenn sie denn Schule machte, das Gesellschaftskunstwerk „Sozialpartnerschaftslehre“ beschädigen. Das wäre aus der Sicht der Problemverwalter sehr schlimm. Denn die haben seit Bestehen der Bundesrepublik leider keine andere Rahmentheorie erfunden, in die sie die Daten der neuesten Statistiken eintragen könnten. Ihre sozialpartnerschaftliche Lehre hat sich seit dem Godesberger Programm der SPD von 1959, als der einstige Verstaatlichungskampfbund sich erstmals zur Marktwirtschaft bekannte, in ungeahnte Höhen der Abstraktion fortentwickelt, weit weg von Klassenanalysen.

          Schon die alte Arbeiterbewegung wollte sie nicht

          „Klassengesellschaft“? Denkste: Als Klassen bezeichnet man in demjenigen Zweig der politischen Soziologie, der den Begriff liebt, große Menschengruppen, die sich voneinander unterscheiden nach ihrem Platz in einem geschichtlich bestimmten System der gesellschaftlichen Produktion von Reichtum. Der Witz an den gegenwärtig mit „Unterschicht“ nicht angesprochenen, sondern gleichsam wie mit einem Zauberwort beschworenen Leuten ist aber, daß sie eben keinen erkennbaren Platz in irgendeinem Produktionsvorgang mehr haben - und auch keinen anstreben. Sie schaffen keinen Mehrwert, werden also nicht einmal mehr ausgebeutet; sie wollen nicht mehr repräsentiert werden, außer im Fernsehen.

          Wenn sie wählen, dann nur, weil sie „den Reichen“ das nachmachen wollen, was Marx „ursprüngliche Akkumulation“ nannte, nämlich die spontane Enteignung: Die NPD nimmt vielleicht den Ausländern und anderen phantasierten oder realen Konkurrenten der Ausgemusterten ein bißchen was weg; die Linkspartei holt es ihnen womöglich bei irgendwelchen Managern. Hauptsache, es wird neu verteilt.

          Als Klientel für die Partnerschaft bei der Wertschöpfung, also für Sozialdemokratisches, oder auch für Aufstiegsmodelle, also für Liberales, sind diese Personen verloren. Schon die alte Arbeiterbewegung wollte sie nicht haben; in deren Theorie kommen sie höchstens, wenn sie denn doch mal einen Job annehmen, als Lohndrücker vor: oder als „Lazarusschichte“ (Marx), eine Art dauerhafter Krankenstand, der nichts kann, was irgendwer zu Geld machen könnte.

          Das haben nur noch die Absahner verstanden

          Undank ist der Welten Lohn: Keiner will sie haben. Dabei helfen sie der heimischen Plattenindustrie (Volksmusik, Schlager, Techno, Aggro Berlin, Nazi-Rock), kurbeln die Technikwelle an (DVD, Handy), erobern den Körper für die Kunst (Tätowierungen, Piercing, Gebißschmuck), fördern die Geselligkeit (Fußballclubs, Jugendbanden), die Debattenkultur (Talk-Shows am Nachmittag) und die Ehrlichkeit: Außer ihnen haben nur noch die großen Absahner der Spekulationswirtschaft verstanden, daß diese Gesellschaft einfach zu reich und ihre Wirtschaft einfach zu produktiv geworden sind, um länger ausschließlich von Lohnarbeit zusammengehalten zu werden.

          Das alte „Proletariat“ hat dies nie begriffen - es hat sich unter dem Namen „Sozialdemokratie“ einst politisch emanzipiert, nur um sich mit dem Erste-Welt-Status und daraus folgender Wohllebe zu arrangieren oder, wenn das mal nicht klappte, vom Imperialismus für Raubzüge anwerben zu lassen. Wenn die Unterschicht und ihre Antipoden, die Heuschrecken, gemeinsam dafür sorgten, daß solche faulen Lösungen der sozialen Frage auf Kosten von unsichtbar gemachten anderen endlich untragbar würden - wäre das kein Fortschritt?

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