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Unterschicht und Übergewicht : Das neue Kaloriat

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Vom „neuen Prekariat“ spricht eine vieldiskutierte Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, während eine frische Untersuchung des Robert-Koch-Instituts Unterschicht und Übergewicht in Zusammenhang bringt. Ein Vorschlag zur Güte.

          Als Kalorien noch knapp waren, galt es nicht nur auf Südseeinseln als schick, eine gewisse Leibesfülle zur Schau zu stellen. Seht her, ich kann mir Zucker und Fett leisten: Diese Botschaft durfte bei armen Proletariern den Neid wecken, bei jenen, die sich körperlich verausgaben mußten und als Besitz nur ihre „proles“, ihre Nachkömmlinge hatten.

          Doch inzwischen haben sich die Verhältnisse in ihr Gegenteil verkehrt. Wer heute übergewichtig ist oder gar fettleibig, gehört mit großer Wahrscheinlichkeit den unteren sozialen Schichten an, auch wenn es in Deutschland laut Vizekanzler Müntefering gar keine Schichten gibt, sondern nur subventionsbedürftige Problemgruppen - und ganz fies und billig („prekär“) Beschäftigte, „das neue Prekariat“, wie es in einer nun vieldiskutierten Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung heißt. Schichten von Fett und Zucker gibt es aber sehr wohl, ob in Burgern, Torten, Süßigkeiten und anderen energieverdichteten Nahrungsmitteln.

          D as innere Exil der Armen

          Kinder armer, ungebildeter Eltern sind einer soeben veröffentlichten Studie des Robert-Koch-Instituts zufolge dreimal so häufig dick oder gar fettsüchtig wie Kinder von Reichen und Akademikern. Das Phänomen existiert sogar global: Unter den derzeit etwa dreihundert Millionen Menschen mit akutem Übergewicht leben laut Weltgesundheitsorganisation 115 Millionen in Entwicklungsländern. In Samoa, einem Hort kulturell tradierter Wampenverehrung, zählen drei Viertel der Bevölkerung zum neuen Kaloriat. In Deutsch-Samoa, also im Berliner Stadtteil Neukölln oder im Münchner Hasenbergl, ist das Problem freilich schwer bei der Wurzel zu packen. Wer nicht gerade Fakir ist und zum Rundumverzicht bereit, holt sich in seiner Armut eben über Chips und Burger jenes schnelle Glücksgefühl, das dem Menschen aus kalorienarmen Äonen einprogrammiert ist.

          Harte körperliche Arbeit findet, sofern sie nicht längst robotisiert oder ins Ausland verlagert ist, in Deutschland fast nur unterhalb jener Subventionsgrenze statt, für die Franz Müntefering verantwortlich zeichnet, also auf dem Schwarzmarkt. Wer dann aber so dick wird, daß er kaum noch von der Couch hochkommt, bringt nicht jene Mobilität auf, die den Deutschen mit den Hartz-Reförmchen nahegebracht werden sollte. Das Angebot aus den Nahrungsfabriken ist zu reichhaltig und im Gegensatz zu naturbelassener, unbehandelter Biokost spottbillig. Fressen ist also so etwas wie das innere Exil der Armen inmitten der Globalisierung. Vielleicht wäre es angezeigt, statt Hartz-IV-Beratern Fitnesstrainer zu bezahlen?

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