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Unser Bild vom D-Day : Fotografien aus dem Kugelhagel

Eine Ikone des D-Day: Robert F. Sargents Foto amerikanischer G.I.s, die aus einem Landungsboots ins Wasser vor Omaha Beach strömen. Bild: REUTERS

Von Robert Capa zu Steven Spielberg: Welche Bilder prägen unsere Vorstellung vom D-Day – die von der echten Invasion oder die nachgestellten? Sie sind sich jedenfalls unfassbar ähnlich.

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          Es gibt zwei Arten von Betrachtern historischer Ereignisse: die, die dabei gewesen sind, und die, die es nicht waren. Die einen haben Erinnerungen. Die anderen haben Bilder. Und da die einen immer weniger werden, je länger das Ereignis zurückliegt, werden die Bilder, an die sich die anderen halten, immer wichtiger, bis sie die persönlichen Erinnerungen fast völlig ersetzt haben. Das gilt für alle geschichtlichen Begebenheiten, die mehr als hundert Jahre zurückliegen. Das gilt schon jetzt für den Ersten Weltkrieg in allen seinen Phasen. Und es gilt bald auch für den D-Day, die Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Als die ersten amerikanischen, britischen und kanadischen Soldaten in der Morgendämmerung des 6. Juni bei Utah und Omaha Beach und in den Kampfzonen Gold, Juno und Sword an Land gingen, waren unter ihnen zahlreiche Männer mit Fotoapparaten und Objektiven im Gepäck. Die meisten gehörten zu Armeeeinheiten, deren Aufgabe die bildliche Dokumentation des Kriegsgeschehens war – wie Ken Bell, der für das Canadian Army Film and Photo Unit die einzigen Farbaufnahmen des Tages machte, oder Robert F. Sargent, dessen im Auftrag der United States Coast Guard entstandenes Foto amerikanischer G.I.s, die aus dem offenen Rachen eines Landungsboots ins flache Wasser vor Omaha Beach strömen, zu einer der Ikonen des D-Day wurde.

          In die Oberfläche des Filmstreifens eingeschrieben

          Nur wenige der Fotografen in Uniform, die damals die Kampftruppen begleiteten, sind heute noch bekannt. Ihre Namen ruhen in den Archiven des U.S. Signal Corps oder der britischen und kanadischen Streitkräfte, und nur gelegentlich wird einer von ihnen wiederentdeckt – wie Frank Scherschel, der Farbbilder der Invasionsvorbereitungen und des Vormarschs in der Normandie gemacht, oder Gilbert Alexander Milne, der die Landung der Kanadier am Juno Beach dokumentiert hat.

          Die Bilder ähneln sich: Szene aus „Der Soldat James Ryan“: Amerikanische Soldaten auf einem Landungsboot während der Invasion der Alliierten.

          Dafür kennt jeder, der nicht völlig ahnungslos ist, die D-Day-Fotos von Robert Capa. Capa hatte sich an diesem Morgen der ersten Welle von amerikanischen Infanteristen angeschlossen, die im „Easy Red“-Abschnitt von Omaha Beach die Küste erreichten. Mit ihnen geriet er ins Kreuzfeuer deutscher Maschinengewehre. Hinter einer Panzersperre, dann hinter einem zerstörten Sherman-Tank kauernd, füllte er vier Filme mit Schnappschüssen vom Chaos der Schlacht, bevor er sich auf einem abfahrenden Landungsboot in Sicherheit brachte. In England nahm er den nächsten Zug nach London, wo seine Aufnahmen im Fotolabor des Magazins „Life“ entwickelt wurden.

          Ein übereifriger Praktikant aber überhitzte beim Trocknen die Negative, so dass die Emulsion darauf zerschmolz. Von zweiundsiebzig Fotos blieben nur elf in stark beschädigtem Zustand erhalten, eines ging zudem alsbald durch Schlamperei verloren. Doch die zehn geretteten, verschlierten und verwackelten Bilder –Helmut Lethen beschreibt das in seinem jüngst erschienenen Buch „Der Schatten des Fotografen“ – prägen seither unsere kollektive Vorstellung von der alliierten Landung wie kein anderes zeitgenössisches Zeugnis. Sie zeigen Soldaten, die in der Brandung liegen, um nicht von den Kugeln der Verteidiger getroffen zu werden, andere, die im feindlichen Feuer an Land waten, den mit Trümmern übersäten Strand und das in Rauch gehüllte Steilufer.

          Szenenbild aus „Der längste Tag“: Menschenmassen in Uniform, die sich gegen andere Massen in anderen Uniformen in hartem Kampf durchsetzen.

          Ähnliches sieht man auf vielen Fotos vom D-Day. Aber Capas Bilder spiegeln in ihrer schadhaften Form einen Schrecken, der in den Aufnahmen der anderen Fotografen verborgen bleibt. Sie machen die Todesangst greifbar als Erschütterung des Sehens. Bei Capa, so scheint es, schreibt sich der Krieg direkt in die Oberfläche des Filmstreifens ein. Insofern hat der Praktikant, der die Negative überhitzte, nicht nur unschätzbare fotografische Dokumente zerstört, er hat auch neue, nicht minder unschätzbare Bilddokumente geschaffen.

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