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Unser Bild vom D-Day : Fotografien aus dem Kugelhagel

Der historischen Wahrheit verdammt ähnlich

Um den Unterschied zwischen Capas Bildern und denen anderer Fotografen des D-Day genauer zu begreifen, muss man über die beiden Spielfilme reden, die unsere Vorstellung der alliierten Landung geprägt haben. Der eine ist „Der längste Tag“, Darryl F. Zanucks dreistündige Großproduktion von 1962, die von vier Regisseuren – Ken Annakin, Bernhard Wicki, Andrew Marton und Zanuck selbst – mit einem Großaufgebot an Stars (John Wayne, Richard Burton, Henry Fonda, Robert Mitchum, Sean Connery, Curd Jürgens, Gert Fröbe) gedreht wurde. Man kann sich den Film immer wieder ansehen. Er erspart den Gang zum Bücherregal.

Amerikanische Soldaten im Spielfilm „Der Soldat James Ryan“: Beim Drehen hatte Regisseur Steven Spielberg ständig Capas Fotografien vor Augen.
Amerikanische Soldaten im Spielfilm „Der Soldat James Ryan“: Beim Drehen hatte Regisseur Steven Spielberg ständig Capas Fotografien vor Augen. : Bild: picture alliance /

Von den Vorbereitungen zur Landung bis zur Einnahme der Pointe du Hoc und des Steilufers am Omaha Beach wird hier jede Phase des Geschehens chronologisch abgehandelt. Und auch wenn es die Szene, in der Hans-Christian Blech als Major Pluskat in seinem Küstenbunker aufs Meer schaut, dann zum Telefon stürzt und in den Hörer brüllt, der ganze Horizont sei voller Schiffe, so nie gegeben hat, ist sie doch der sinnfälligste Ausdruck der strategischen Überraschung, die Eisenhowers Truppen am 6. Juni 1944 gelang.

„Der längste Tag“ ist, so gesehen, die filmische Fortsetzung der Fotos, die die regulären alliierten Kriegsberichterstatter am D-Day aufgenommen haben: Menschenmassen in Uniform, die sich gegen andere Massen in anderen Uniformen in hartem Kampf durchsetzen, ein Geländespiel von weltgeschichtlichen Ausmaßen. Aber das, was Robert Capas Fotos zeigen, zeigt dieser Film nicht. Er erzählt nicht von Chaos und Panik, sondern von Tapferkeit und Todesverachtung. Die Figur des von John Wayne gespielten Colonels Vandervoort, der seine Männer fluchend und brüllend zum Angriff auf die deutschen Uferbefestigungen am Omaha Beach treibt, ist geradezu das Gegenbild zu jenem Captain Miller, den Tom Hanks in Steven Spielbergs „Der Soldat James Ryan“ spielt, so wie Spielbergs Film der Gegenentwurf zu Zanucks schwarzweißer Invasions-Chronik ist.

Bild des Armeefotografen Robert F. Sargent: Amerikanische Soldaten kurz vor der Invasion der Normandie. Bilderstrecke
Unser Bild vom D-Day : Fotografien aus dem Kugelhagel

Von den zweieinhalb Stunden, die „Der Soldat James Ryan“ dauert, spielen gerade einmal fünfundzwanzig Minuten an jenem Strand vor Colleville-sur-Mer, an dem die 29. amerikanische Infanteriedivision den blutigsten Tag ihrer Geschichte erlebte. Aber in diesen fünfundzwanzig Minuten sind wir mit Captain Miller am Omaha Beach, so wie ihn Robert Capa erlebt hat. Die Kamera Janusz Kamińskis kriecht mit Tom Hanks durch den Kugelhagel, wirft sich hinter Holzbalken und geborstenem Stahl in Deckung, sieht Menschen schreien und sterben und lässt das Bild verschwimmen, wenn Miller von seinen Körperkräften im Stich gelassen wird. Beim Drehen hatte Spielberg, wie er erzählte, ständig Capas Fotografien vor Augen. Nicht nur deren Inhalte, sondern auch Perspektiven und Stimmungen wollte er so genau wie möglich nachstellen.

Die Eröffnungssequenz von „Saving Private Ryan“ ist der Versuch, die verlorenen zweiundsechzig Bilder Robert Capas vom D-Day zu rekonstruieren – auf der Basis jener mythischen zehn Aufnahmen, die erhalten blieben. Und weil Spielberg ein so großer Könner seiner Kunst ist, kann man sich der Kraft dieser Rekonstruktion nicht entziehen. Man weiß, diese Szenen sind Fiktion. Und doch glaubt man, dass es so war, wie sie es zeigen. Wenn die letzten Zeitzeugen von damals gestorben sind, werden die Filmbilder ihre Erinnerung bewahren. Natürlich sind sie nicht die historische Wahrheit. Aber sie sehen ihr verdammt ähnlich.

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