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Wohnungsnot in Berlin : Freiwillige Selbstauskunft

  • -Aktualisiert am

„Obwohl das Angebot kaum Vorzüge aufwies – es gab nicht einmal einen Keller oder Dachboden –, war die Nachfrage enorm.“ Bild: Imago

Was es heißt, in Berlin auf Wohnungssuche zu sein, kann niemand ermessen, der es nicht erlebt hat. Szenen aus einem Haus, in dessen Hinterhof einst die Band Rammstein probte.

          7 Min.

          Ich sah die Adresse und mochte es kaum glauben. Im ersten Moment dachte ich, jemand wolle sich einen Scherz mit mir erlauben. Die Wohnungsanzeige hielt ich für eine täuschend echte Imitation, sie kam mir wie personalisierte Werbung vor, wie die Erfüllung eines geheimen Traumes: die Möglichkeit, in meine eigene Vergangenheit zurückkehren zu können, in das Berlin der Jahrtausendwende.

          In dem Hinterhof, in dem die inserierte Wohnung lag, hatte ich lange Jahre gewohnt. Es handelte sich um ein Ensemble von nach dem Krieg stehen gebliebenen Seitenflügeln mit Blick auf graue Fassaden voller Einschusslöcher, auf Brandwände und Brachen, auf eine ehemalige Butterfabrik, in der Bands wie die Inchtabokatables, Knorkator und Rammstein geprobt hatten, und den Eingang des längst geschlossenen „Geburtstagsklubs“ – eines Kellerclubs, der montags und freitags meine Wände hatte erzittern lassen. Der postindustrielle Charme der Nachwendezeit: Zugedröhnte kotzten und pissten und schissen mir vors Fenster. Alle paar Wochen brannte eine der Mülltonnen aus, weil jemand seine Kippe hineingeworfen hatte. Dann roch es tagelang nach geschmolzenem Plastik. Und direkt gegenüber wohnte ein Alkoholikerpaar, ein Mann und eine Frau, die im Suff ihre Habseligkeiten in den Hof warfen: er ihre Sachen vom Berliner Zimmer aus und sie seine Sachen von der Küche aus. Sobald sie ausgenüchtert waren und am Späti Nachschub holen mussten, trugen sie das, was noch brauchbar war, wieder hinauf.

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