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Unruhen in Istanbul : Der Tränengas-Marsch

Sehen wir mal, wer der Pfiffige hier ist: Demonstranten im Gezi-Park Bild: AFP

Sie singen den Tränengas-Marsch, haben ihren eigenen Radio- und Fernsehsender, die Älteren bringen Verpflegung, Prominente unterstützen sie: Die Ungebärdigen der Türkei geben nicht nach

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          Am zwölften Tag der Revolte sind die Eltern gekommen. Kurz zuvor hatte der Gouverneur von Istanbul eine Rede gehalten und gesagt, dass der Gezi-Park vollgestopft mit Kriminellen sei. Die Väter und Mütter der jungen Leute täten deshalb gut daran, ihre Kinder davon abzuhalten, dorthin zu gehen. Die Leute nickten, als sie das hörten, denn selbstverständlich ist die Zukunft ihrer Kinder ihre Herzensangelegenheit. Und deshalb holten die Eltern, nachdem der Governeur geendet hatte, ihre Taucherbrillen aus dem Schrank, ließen die Kochtöpfe, mit denen sie bis dahin abends an den Fenstern immer Krach geschlagen hatten, einfach Kochtöpfe sein, schlugen hinter sich ihre Wohnungstüren zu und marschierten zu ihren Kindern in den Gezi-Park.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Eltern der jungen Leute kamen mit Tüten voller Essen, Verbandsmaterial und Medikamenten. Sogar ältere Herrschaften mit Schlafsäcken und Zelten unterm Arm sah man abends in den Gezi-Park spazieren, begleitet von Klaviermusik, die vom Atatürk-Denkmal auf dem Taksim-Platz herüberwehte. Irgendwer hatte dort ein Klavier aufgestellt, türkische Künstler wechselten sich mit dem Spielen ab, gaben Protestklassiker wie „Imagine“ oder „Bella ciao“ zum Besten, aber auch türkische Revolutionslieder. Eines von ihnen ist gerade erst komponiert worden und besonders beliebt. Das Lied heißt „Türkischer Tränengas-Marsch“ und der Refrain geht so: „Los sprüh los sprüh los, versprüh Dein Tränengas. Zieh den Helm aus und leg den Schlagstock beiseite, dann sehen wir mal, wer der Pfiffige hier ist.“ Mehrere zehntausend Leute waren gekommen, obwohl die Polizei den Ort keine 24 Stunden zuvor mit brutaler Gewalt überzogen hatte. Die Stimmung auf dem Platz war dennoch großartig, die Leute sangen mit.

          Sie schaffen sich selbst Öffentlichkeit

          Die Eltern lieferten ihre Tüten an jenen Sammelstellen ab, die inzwischen im Park extra dafür eingerichtet worden sind. An jener für Obst, Gebäck, belegten Brote und Getränke wird alles auf Tischen ausgebreitet und die Demonstranten bedienen sich davon. Was ihnen fehlt, notieren die Demonstranten auf Plakaten, die sie an den Bäumen befestigt haben: Zigaretten, Raumspray, Gasmasken, Nagelschere steht etwa auf einer dieser Listen. Die Besucher des Gezi-Parks lesen sie, und bringen bei ihrem nächsten Besuch entsprechendes mit oder sie erzählen anderen Leuten, was gebraucht wird im Gezi-Park. Und so kann es einem passieren, dass einem der Verkäufer eines Tante-Emma-Ladens, in dem man gerade auffällig viele Flaschen Essig kauft, ganz von selbst noch einige weitere Dinge in die Tüte legt, weil er gehört hat, dass sie momentan im Gezi-Park benötigt werden.

          Ein junger Arzt, der seinen Namen nicht nennen will, da Erdogan angekündigt hat, Ärzte, die im Gezi-Park den Leuten helfen, zu verklagen, berichtete mir von dem Angriff von Dienstagnacht: 516 Verletzte behandelten er und seine Kollegen. Im Gezi-Park hat man gelernt, nicht darauf zu vertrauen, dass die türkischen Medien derartige Ereignisse öffentlich machen. Und deshalb schafft man sich dort jetzt selbst Öffentlichkeit: Mit einer eigenen Radiostation und einem Fernsehsender, der „Capul-TV“ - als „Capulcus“, also „Plünderer, Marodeure“, hatte Erdogan die Demonstranten bezeichnet.

          Für alle, die noch nicht auf Seiten der Demonstranten stehen

          Von einer Volksabstimmung hat der türkische Ministerpräsident inzwischen gesprochen. Die Bewohner Istanbuls sollen auf einmal selbst über das Schicksal des Gezi-Parks entscheiden. Das kam bei einem Treffen heraus, zu dem als Vertreter der Demonstranten zwei Schauspieler und ein Rocksänger erschienen waren. Die Zusammenstellung der Delegation war ebenfalls klug gewählt, nämlich so, dass man all jene überzeugen kann, die noch nicht auf Seiten der Demonstranten stehen: Die Schauspielerin Hülya Avsar war eine der Delegierten; sie ist das Kind einer Türkin und eines Kurden, ist wunderschön und hat mit ihren Filmrollen in den neunziger Jahren für viel Herzschmerz unter den türkischen Männern gesorgt. Ebenfalls mit von der Partie war der Leadsänger der Metal-Band „Athena“, die 2004 beim Eurovision Songcontest die Türkei vertreten durfte und von jüngeren Türken umschwärmt wird.

          Um auch die national gesinnten Türken vom Sinn des Gezi-Protests zu überzeugen, ging der Schauspieler Necati Sasmaz zu dem Treffen mit dem Ministerpräsidenten mit. Er spielte den Agenten Polat Aldemar in den „Tal der Wölfe“-Kinofilmen. Kurz nachdem die Nachricht die Runde gemacht hatte, dass bei dem Treffen mit dem türkischen Ministerpräsidenten die Idee mit der Volksabstimmung herausgekommen war, sendete „Capul TV“ ein Interview mit dem Modedesigner Barbaros Sansal, der wegen seiner Homosexualität schon mehrfach auf der Straße angegriffen worden ist, vor einigen Jahren das Hochzeitskleid für die türkische Schwiegertochter von Helmut Kohl entworfen hat und wegen seiner ständigen Anwesenheit im Gezi-Park schon fast so etwas ist wie dessen Maskottchen.

          Gefragt nach seiner Meinung zu der Volksabstimmung sagte er: „Wenn wir jetzt darüber eine Referendum abhalten, ob Bäume gefällt werden sollen oder nicht, dann können wir auch bald ein Referendum darüber machen, ob türkische Volksmusik noch tragbar ist und wie man seine Wohnung einrichten soll.“ Und während Barbaros Sansal das sagte, liefen im Hintergrund Leute mit bunten Bauhelmen auf dem Kopf vorbei. Einige von ihnen blieben kurz stehen, klemmten die Gasmaske unter den Arm und winkten in die Kamera.

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