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Universitätswechsel : Peter Steinbach flieht nach Mannheim

  • -Aktualisiert am

Zieht es nach Mannheim: Peter Steinbach Bild: Andreas Müller

Gezänk, Kampagne, Eklat: Peter Steinbach lässt sich und die Forschungsstelle Widerstand nach Mannheim versetzen. Das Geld kommt weiterhin aus Karlsruhe. Damit Ruhe ist. Tilmann Lahme über eine badische Hochschulposse.

          In Berlin gedenkt man morgen des Widerstandes gegen Hitler, im Ehrenhof des Bendlerblocks, wo Stauffenberg und seine engsten Mitverschwörer nach dem misslungenen Attentat vom 20. Juli erschossen wurden. Mittendrin und vorneweg: der wissenschaftliche Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Professor für Neuere Geschichte in Karlsruhe und Leiter der Forschungsstelle Widerstand, Peter Steinbach. Der Historiker hat einmal vor öffentlichen „Kranzabwurfstellen“ gewarnt. Der Bendlerblock war natürlich nicht gemeint.

          Das übliche Procedere also. Doch etwas ist neu, hinter den Gedenkkulissen, es betrifft Steinbach selbst. Der Historiker hat jetzt im Südwestrundfunk erklärt, dass er Karlsruhe verlassen wird, mitsamt der Forschungsstelle Widerstand. Die Ankündigung, fortan in Mannheim zu wirken, begleitete Steinbach mit scharfen Vorwürfen gegen seine bisherige Universität. Er sei bei seinen Bemühungen, den Studiengang Geschichte zu reformieren, nicht unterstützt worden, nicht vom Rektorat, nicht vom Dekanat und schon gar nicht von den Kollegen. „Ein Ablenkungsmanöver“ nennen das viele Studenten und Dozenten in Karlsruhe.

          Nicht satzungskonform, aber kreativ

          Seit Jahren tobt hier ein hochschulinterner Streit, der in seinem Ausmaß in der an Gezänk nicht armen deutschen Wissenschaftslandschaft einmalig sein dürfte. Auch hier mitten- drin und vorneweg: Peter Steinbach. In den sechs Jahren, seit er den Lehrstuhl und die Forschungsstelle Widerstand übernahm, hat Steinbach sich mit dem einzigen Professorenkollegen im kleinen Historischen Seminar überworfen, Mitarbeiter vertrieben, im Zorn die Zusammenarbeit mit dem Universitätsverlag Konstanz aufgekündigt, in dem die Publikationsreihe zum „Widerstand im Südwesten“ erschien, und sich schließlich auch mit dem Geschäftsführer der Forschungsstelle zerstritten und ihn im vergangenen Jahr vor die Tür gesetzt - er dürfe fortan nur noch lehren und sich nicht mehr um Widerstandsforschung kümmern. Im Januar dieses Jahres stimmte Steinbach der Versetzung - oder Flucht - dieses akademischen Rates an das Philosophische Seminar zu, was bedeutete, dass das Historische Seminar die einzige Mittelbaustelle verlor.

          Peter Steinbach wechselt mit seiner Forschungsstelle Widerstand zur Universität Mannheim

          Den Förderverein der Forschungsstelle Widerstand blockiert Steinbach, seit man einer von ihm gewünschten Satzungsänderung nicht zustimmte. Und die Mitglieder des Beirates der Forschungsstelle, darunter auch Honoratioren wie der ehemalige Minister Klaus von Trotha, erhielten die Mitteilung von Steinbach, ihr Gremium sei aufgelöst. Ein nicht satzungskonformer, aber kreativer Umgang mit einem Gremium, das eine Kontrollfunktion ausüben soll - auf die Idee, den Aufsichtsrat aufzulösen, hätte der ehemalige Siemens-Chef Klaus Kleinfeldt kommen müssen.

          Hauptsache, den sind wir los!

          Selbst die Evaluierungsgutachter des Landes Baden-Württemberg, die das Fach Geschichte kürzlich bewerteten, gaben „Dissense im Institut“ zu Protokoll. Protest gegen die Zustände am Historischen Seminar formierte sich auch unter den Studenten. Man habe aufpassen müssen, in der verfahrenen Situation „nicht irgendwo zwischen die Fronten“ zu geraten, erklärten Vertreter der Fachschaft Geschichte gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Eigens sei ein „Arbeitskreis Geschichte“ gegründet worden, der sich mit nichts anderem als der Causa Steinbach beschäftigte. Und die Geschichtsstudenten achteten peinlich darauf, dass sich ihr Studienbuch mit den besuchten Seminaren nicht etwa als Solidaritätserklärung für irgend jemanden interpretieren ließe. Oder sie wechselten gleich an eine andere Universität, weil ihnen die Lage zu heikel war.

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