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Arbeitsmoral an Hochschulen : Ehre und Ehrlichkeit der Studenten

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Jede Faulheit wird vergeben: die „Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeit“, hier in der Hamburger Universitätsbibliothek, behebt die Folgen der laxen studentischen Arbeitsmoral Bild: Picture-Alliance

Mein Büro wird aufgebrochen, bei den Prüfungen wird skrupellos betrogen und stolz auf das Erlernte ist eh keiner mehr. Was ist nur an den deutschen Universitäten los? Ein deutscher Professor wundert sich.

          Vor einigen Wochen wurde versucht, in mein Büro an der Universität einzubrechen. Es war nicht das erste Mal. Dieses Mal scheinen die Einbrecher aber ziemliche Dilettanten gewesen zu sein, denn obwohl die Tür beschädigt wurde, sind sie wohl nicht hineingekommen. Es fehlte zumindest nichts. Tagsüber werden in der Universität mit einer gewissen Regelmäßigkeit Laptops und Portemonnaies aus sorglos offenen Büros gestohlen. In den Fluren hängen Schilder, auf denen wir warnen, dass Videokameras vorhanden sind, um so zu versuchen, die Diebe abzuschrecken. Das klappt natürlich nicht, denn wir dürfen ja überhaupt keine Kameras installieren – der Betriebsrat ist selbstverständlich gegen jede Videoüberwachung. Man könnte dann ja sehen, wie fleißig an den Universitäten gearbeitet wird. Scherz beiseite: Es geht natürlich um das Persönlichkeitsrecht, das durch Kameras beeinträchtigt werden könnte. Als ob das nicht durch gestohlene Computerdaten und Dokumente aus Geldbörsen sehr viel mehr beeinträchtigt würde.

          Der Einbruch passierte wohl am Freitag in der Nacht, denn ich bemerkte ihn am Samstagvormittag, als ich dort war, um meine Fische zu füttern (wir forschen an Fischen). Ein netter Polizist fragte mich, ob die Einbrecher vielleicht nach irgendwelchen Dokumenten Ausschau gehalten haben könnten. Zuerst verneinte ich, dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Am Montag nach dem Wochenende sollte die Klausur geschrieben werden. Würden Studenten wirklich ins Büro eines Professors einbrechen, um das Klausurthema zu stehlen? Zumindest würde es mich nicht wundern, wenn dem so wäre. Natürlich muss das alles überhaupt nichts bedeuten, aber dieses Ereignis veranlasst mich, über unsere Studenten, Ehre, Ehrlichkeit und all dies im internationalen Vergleich nachzudenken.

          Verwöhnte Studenten

          Meine Universität hat gute Studenten. Denn sie hat einen guten Ruf, und deshalb kommen Studenten nicht nur aus der näheren Umgebung, sondern aus der ganzen Republik. Studenten schauen nach Rankings und wollen gute Zensuren. Die Universität ist stolz auf die zehn bis fünfzehn Prozent der Studenten, die aus dem Ausland kommen. Auch die zahlen keinen Cent Studiengebühren. Selbstverständlich werden in fast allen Ländern der Welt erhebliche Studiengebühren bezahlt. Dass sie hier umsonst studieren dürfen, verwundert unsere internationalen Studenten immer wieder. Warum wir auf Kosten des Steuerzahlers nicht nur Deutsche, sondern auch die zukünftige ausländische Konkurrenz ausbilden – denn hier bleiben die wenigsten – und damit einheimische Arbeitsplätze gefährden, bleibt wohl ein Geheimnis unserer vorausschauenden Politiker. Unsere Studenten sind auch sonst verwöhnt, denn sie zahlen nicht nur keine Studiengebühren, sondern bekommen auch leicht Bafög, Stipendien sowie andere Zuwendungen und Ermäßigungen. In jeder Hinsicht wird ihnen der Hintern gepudert und mit viel Fürsorge und Verständnis jede Faulheit und Inkompetenz vergeben.

          Geld ist nicht wirklich ein Problem für die meisten Kinder von Helikoptereltern. Trotzdem kauft kaum einer von ihnen das Buch, anhand dessen ich meine Vorlesung plane. Irgendwie scheint es nicht mehr Teil unserer studentischen Kultur zu sein, Lehrbücher zu kaufen, dabei sollte man doch stolz sein über das eigene Wissen und die Lehrbücher zur Erinnerung und zum Nachschlagen für den Rest des Lebens aufbewahren. Um die Studenten zu zwingen, das Buch wenigstens zu lesen und auch zur Vorlesung zu kommen, werden in der Klausur immer Fragen gestellt, die nur beantwortet werden können, wenn sie in den Veranstaltungen waren und auch nachgelesen haben. Das kündige ich so jeweils auch in der ersten Vorlesung an: Man könne die Klausur bestehen, aber keine Eins bekommen, ohne das Buch gelesen und verstanden zu haben. Natürlich gibt es auch noch Tutorien, in denen der Vorlesungsstoff nochmals nachgearbeitet wird – für die wenigen Studenten, die sich die Zeit nehmen, dieses Lehrangebot wahrzunehmen.

          Die tiefen Taschen des Steuerzahlers im kuscheligen Wohlfahrtsstaat

          Meine Universität ist eine Eliteuniversität, zumindest im deutschen Sinne. Das heißt, es gibt anscheinend genug Geld, um sage und schreibe mehr als hundert Exemplare des von mir verwendeten Lehrbuchs in die Bibliothek einzustellen. Die Kosten dafür entsprechen ungefähr dem Jahresnettogehalt meiner unterbezahlten Sekretärin. Nur zum Vergleich. Diese vielen Bücher sollen übrigens gerade zu Pulp gemacht werden (anstatt sie beispielsweise an Studenten zu verschenken), denn es wird eine neue Auflage gekauft. Daher brauchen Studenten sich das Buch gar nicht zu kaufen, sie bekommen es umsonst in der Bibliothek zur Verfügung gestellt. Der Steuerzahler scheint sehr tiefe Taschen zu haben und zahlt immer noch, ohne zu murren, für die Exzesse dieses kuscheligen Wohlfahrtsstaates.

          Die Studenten haben zwei Chancen, die Klausur zu schreiben – eine Unsitte, die meine ausländischen Studenten immer überrascht, denn die kommen nach Deutschland, weil das Land international immer noch den Ruf von Leistung und Korrektheit hat. Wenn ihnen das Ergebnis des ersten Prüfungsversuchs nicht gefällt, schreiben sie eben auch die Nachklausur. Wenn sie die erste Prüfung nicht mitmachen wollen oder können, weil sie krank sind, und in der Nachklausur durchfallen, haben sie Anspruch auf eine mündliche Prüfung. Bei 160 bis 180 Studenten in meiner Vorlesung ist das keine triviale Aufgabe. Und die Studenten spielen mit diesem laxen System. Sie müssen zwar vorher anmelden, ob sie an der ersten oder der zweiten Klausur teilnehmen wollen. Wenn sie dann trotz Anmeldung nicht zur Klausur erscheinen, fallen sie durch. Außer, sie haben ein ärztliches Attest. Es ist erstaunlich, wie hoch der Prozentsatz plötzlich erkrankter junger Studenten ist – meist fehlen etwa zwanzig bis dreißig Prozent der zur Klausur Angemeldeten. Warum machen Ärzte bei diesem Betrug eigentlich mit? Haben auch die kein Ethos mehr?

          Schummeln, dass sich die Balken biegen

          Trotz dieser sehr milden Regeln passieren die merkwürdigsten Dinge, wenn es um Klausuren an deutschen Universitäten geht. Es wird so oft geschummelt, dass sich die Balken biegen. Wir müssen die Studentenausweise kontrollieren, damit nicht jemand anderes die Klausur anstelle des richtigen Studenten schreibt. Das kommt immer wieder vor. In diesem Semester hatte sich eine Studentin für die erste Klausur angemeldet, dann aber doch ein ärztliches Attest vorgelegt. Aber scheinbar hatte sie doch die Klausur geschrieben. Jedenfalls wurde eine mit ihrem Namen abgegeben. Sie hätte dafür sogar eine Eins bekommen. Der Justitiar fand aber, dass die Klausur nicht anerkannt werden sollte, denn die Studentin war ja krank. In der Nachklausur hat diese Einserstudentin dann die geringste Punktzahl erreicht und ist durchgefallen. Es liegt nahe, dass jemand anderes die erste Klausur für sie geschrieben hatte. Oder hatte sie beim zweiten Mal nur einen schlechten Tag? In der Nachklausur waren übrigens wieder mehr als zwanzig Prozent der Angemeldeten krank. Zwei Studenten meldeten sich wenige Minuten vor Beginn der Klausur per E-Mail bei mir und kündigten an, dass sie ärztliche Atteste nachreichen würden.

          Ich will nicht alle Studenten über einen Kamm scheren. Viele sind sehr klug, fleißig, motiviert – und auch ehrlich. Es ist eine Freude, mit solchen Studenten zu lehren und zu lernen. Aber mir fallen Unterschiede zu den Vereinigten Staaten auf, wo ich studiert habe. Niemand kontrollierte uns in Klausuren, ich kann mich jedenfalls an keine Aufsicht wie in Deutschland erinnern. Wir hatten einen Ehrenkodex. Und meine alten Lehrbücher habe ich auch alle noch.

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